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Ostel: Schlafen wie zu Honeckers Zeiten

Außen ist es grauer Plattenbau. Innen sind die Tapeten orange gemustert, der Mu-Fu-Ti steht im Schlafzimmer und ein Portrait eines SED-Funktionärs schmückt die Empfangshalle. Das "Ostel" in Berlin bietet Touristen die Möglichkeit sich in DDR-Nostalgie zu betten. Im einzigen DDR-Hostel ist alles echt.

Von Katja Hanke

In der Ost-Berliner Innenstadt existieren nicht mehr viele Orte, die an das trostlose DDR-Straßenbild denken lassen. Überall wurde saniert und gebaut: Büro-Glastürme, pastellfarbene Altbauten, neu angelegte, akkurate Gehwege. Im Bezirk Friedrichshain, gleich hinterm Ostbahnhof, gibt es aber noch eine Ecke, in der sich nicht viel verändert hat: eine schmale Straße aus Betonplatten, links eine Mauer und rechts ein fünfstöckiger grauer Plattenbau. DDR-Tristesse pur. Seit einigen Monaten befindet sich hier Berlins schrillste Herberge: das Ostel, ein Hostel im Stil des verblichenen Arbeiter- und Bauernstaates. Es ist in guter Nachbarschaft: der 70er-Jahre-Büroklotz des früheren Zentralorgans der SED "Neues Deutschland" und das 50er-Jahre-Heizkraftwerk, in dem heute der angesagte Techno-Club Berghain ist, sind nicht weit.

In dem grauen Plattenbau, der sich wie eine Wand aus Beton um einen grünen Hof zieht, haben früher Mitarbeiter des Neuen Deutschlands gewohnt. Jetzt sind es vor allem Migranten und Hartz-IV-Empfänger. Das Hostel hat einen eigenen Hauseingang, die Wohnungen wurden in Ein- und Zweibettzimmer sowie Vier- bis Sechsbettzimmer aufgeteilt. Innen ist das Gebäude komplett saniert und sieht viel freundlicher aus als man erwarten würde. In der Rezeption bedeckt weinrote Auslegware den Boden, entlang der Wände stehen schwere, dunkelbraune Cord-Sofas und vor ihnen ein Couchtisch aus Glas mit einem Strauß roter Nelken drauf. An einer Wand hängt das Porträt eines DDR-Funktionärs. Hinter der Rezeptionstheke leuchtet eine braun-orange-grüne 70er-Jahre-Tapete. Feinster Retroschick, der eher an eine Cocktailbar im Szenebezirk Mitte erinnert als an die DDR.

Ostalgiker sind die zwei Inhaber Guido Sand und Daniel Helbig aber nicht. Früher waren die beiden Artisten beim Staatszirkus der DDR, seit der Wende arbeitet Sand als Physiotherapeut und Helbig ist Cutter. "Ich war froh, als es vorbei war", sagt Sand. In den Jahren vor dem Mauerfall waren sie ohnehin viel im Ausland unterwegs. Die Idee, die DDR zum Thema eines Hostels zu machen, war eher pragmatischer Art: ein Hostel wollten sie schon lange eröffnen. Das sollte sich aber von den vielen anderen in Berlin unterscheiden. Warum also kein Griff in die eigene Vergangenheit? Außerdem findet Sand, dass "DDR-Möbel im Vergleich zu Ikea wenigstens nach was aussehen".

Retroschick mit Wiedererkennungswert

Alle Zimmer sind mit Originalstücken eingerichtet: bunte Kommoden aus Holz oder Plastik, klobige Radios in Holzverkleidung, Lampen aus dickem Glas, mit Kupferverzierungen oder Fransenschirmchen, schmiedeeiserne Raumteiler. Nur Matratzen und Bettwäsche sind neu. "In unseren Zimmern soll die Erinnerung wach werden", sagt Guido Sand und erzählt von gerührten Gästen, die ihre Wohnzimmerlampe oder Kommode von früher erkennen. "Meine Oma hatte genau so ein Radio wie in unserem Zimmer steht", freut sich Saskia Gott aus Potsdam, die mit ihrem Freund aus Hamburg hier ist. Den erinnert die Einrichtung an Pop-Art, "sehr künstlerisch", sagt er zufrieden.

Im Ostel sieht die DDR schick und zeitgemäß aus. Die Kombination der wenigen, sorgfältig ausgewählten Möbel sowie der sparsame Umgang mit der Tapete sind Grund dafür. Auf die Tapeten sind Sand und Helbig besonders stolz. Sie haben die Rollen aus staubigen Lagerräumen diverser Händler gewühlt. Die Möbel stammen aus Wohnungsauflösungen und aus Familienbesitz. Auch Freunde habe einige beigesteuert. 39 Zimmer auf fünf Etagen sind eingerichtet.

Drei Zimmer teilen sich ein Bad. "Manche Gäste wundern sich, dass sie ein Gemeinschaftsbad haben", sagt Sand. "Die vergessen, dass wir ein Hostel sind." Die Bäder sind die einzigen Zimmer, in denen alles neu ist. Sie sind weiß gefliest und Zitrusfrische liegt in der Luft. Den beißenden Geruch von Reinigungsmitteln, wie man ihn von DDR-Toiletten kennt, erwartet man hier umsonst. Nur die Funktionärsporträts erinnern im Hostel an den wahren Mief der DDR. Für sie wurden Helbig und Sand schon öfter kritisiert. "Wir sind nicht politisch", sagt Sand. Die Porträts sehen beide lediglich als einen Scherz. Anfangs hing in einigen Zimmern ein Bild von Erich Honecker über dem Bett. Seitdem viele Gäste diese reihenweise als Souvenirs mitgehen ließen, werden sie nur noch an der Rezeption verkauft.

Interieur wie aus dem Film "Sonnenallee"

Olivier Aillaud aus Frankreich findet die Idee lustig. In der DDR war er zwar nie, in Berlin ist der Mittzwanziger dafür schon zum vierten Mal. Jetzt sitzt er im Garten des Ostels und schaut auf die grauen Platte neben sich. "Am liebsten bin ich in Ost-Berlin." Und zum ersten Mal hat er eine Übernachtungsart, die zu seinem Berlingefühl passt. "In so einem Zimmer war ich noch nie", sagt er begeistert. "Das ist kein nachgemachtes Retro-Zeug, wie man es in Frankreich überall kaufen kann, sondern alles echt."

Helbig und Sand haben mit dem Ostel eine Lücke im Berliner Gastgewerbe geschlossen. Die Nachfrage ist groß und das Retro-Konzept kommt bei den Gästen sehr gut an. Seit kurzem vermieten die beiden zusätzlich zehn Ferienwohnungen im 16. Stock eines Hochhauses in der Nähe. "Die sind wie im Film Sonnenallee eingerichtet", sagt Helbig amüsiert, also mit Schrankwand, klobiger Sitzgarnitur und jenem verstellbaren Wohnzimmertisch, der als Mu-Fu-Ti, als Multi-Funktionstisch, in "Sonnenallee" belächelt wurde. Außerdem wollen sie bald ein zweites DDR-Hostel in Dresden eröffnen. "Wir hätten nie gedacht, dass es so gut laufen würde", sagt Helbig. "Ich kann nicht verstehen, dass niemand vor uns diese Idee hatte."

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