HOME

Rucksackreisen: Generation Hostel

In Jugendherbergen treffen sich Reisende aus aller Welt. Ein Sommerjob im Hostel ist deswegen der ideale Weg, um den Horizont zu erweitern und andere Sprachen zu sprechen. Und manchmal wird aus dem Sommerjob ein Lebenskonzept.

Von Lisa Louis, Lissabon

"Check-in?" fragt meine italienische Kollegin Eva Morici, 32, strahlend. Auf der kleinen Veranda, die zum Eingang des Lisbon Old Town Hostel führt, stehen sechs, mit überdimensionalen Rucksäcken beladene, erschöpft guckende junge Männer. Einer davon nickt. "Auf welchen Namen ist die Reservierung?", fragt Eva weiter. "Claudio Gullo", entgegnet ein anderer. "Ach - Ihr seid Italiener!" ruft Eva. Dann spricht sie in ihrer Landessprache weiter - und ihr Strahlen geht über auf die Gesichter der Gäste.

Eva ist eine meiner drei Kollegen in dem Hostel im Herzen von Portugals Hauptstadt Lissabon, in dem ich den Sommer über arbeite. Für mich ist der Job lediglich eine Gelegenheit, günstig Urlaub zu machen und mein Portugiesisch aufzubessern - meine Kollegen hingegen könnten das Konzept Hostel weiter exportieren.

Die Weltreise im Lisbon Old Town

Während Eva - abwechselnd mit unserer schottischen Kollegin Carolyn McAuley, 24 - die Tagschichten übernimmt, hüte ich jede zweite Nacht die Rezeption. Die andere Sommer-Nachteule des Hostels ist Szabolcs Székely, 25, aus Budapest in Ungarn. Auch er ist für einige Wochen nach Lissabon gekommen - nutzt die etwas ruhigere Zeit ab zwei Uhr nachts, um seine Masterarbeit in portugiesischer Literatur vorzubereiten.

"Die Arbeit im Hostel ist einfach perfekt für jemanden wie mich", meint er. "Ich lerne Portugiesisch und andere Sprachen, finanziere meinen Aufenthalt und meine Studien hier, habe einen Platz zum Schlafen und mache nebenbei eine Weltreise, in gewissem Sinne." Denn: Nach ein paar Wochen im "Lisbon Old Town Hostel" hat man die Welt gesehen. Spanier, Brasilianer, Australier, Russen, Israelis, Rumänen und viele andere Nationalitäten geben sich hier die Türklinke in die Hand. Lissabon selbst wird innerhalb des Hostels meist nur von unseren Chefs, José Ferreira, 54, und seinem Sohn João, 27, vertreten.

Eine Marktlücke in Sachen Couches in Lissabon

Schon während seiner eigenen Reisen träumte João davon, eines Tages einmal ein Hostel zu eröffnen. Vergangenes Jahr wurde dann der Telekommunikations-Techniker José in den Vorruhestand geschickt, suchte daher eine Beschäftigung. João hatte seit einem Jahr als Umwelt-Ingenieur gearbeitet und war von seinem Job völlig gelangweilt. Als der über das - ein Netzwerk, über das Reisende auf der ganzen Welt kostenlos einen Schlafplatz finden können - entdeckte, dass es eine Marktlücke in Sachen "Couches in Lissabon" gab, war der Entschluss schnell gefasst. Der Vater steuerte das nötige Kleingeld bei, ein dreiviertel Jahr später, im November 2007, war das "Lisbon Old Town Hostel" eröffnet.

Und noch immer ist João von seiner Entscheidung überzeugt, ja geradezu begeistert: "Jeden Tag sagen mir Menschen: Mein Gott, hast Du ein schönes Leben - und sie haben Recht", sagt der braungebrannte Portugiese. "Denn die Stimmung im Hostel ist einfach toll - auf Reisen ist jeder entspannter, toleranter, mehr dazu bereit, etwas von sich zu geben."

Auch meine italienische Kollegin Eva hat einen Schnitt in ihrem bisherigen Leben gemacht: Bis vor einigen Monaten war sie Verkaufs-Managerin in einem großen Mailänder Unternehmen. Ein Job, von dem viele Frauen in ihrem Alter nur träumen. Der anderen Traum war für Eva jedoch ein Alptraum: "Ich musste jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeiten", erklärt sie ihre Entscheidung, "da hatte ich einfach keine Zeit mehr für mich und vergaß völlig, wer ich bin."

Der Beschluss, zu bleiben, ist gefasst

Um sich daran zurück zu erinnern, nahm Eva ein Sabbat-Jahr, reiste vier Monate durch Südamerika, landete schließlich zum Portugiesisch-Lernen in Lissabon. Durch Zufall fand sie den Job im Hostel und ist froh darüber: "Die Arbeit bereichert mich - hier kann ich mehr zu mir selbst finden, ich treffe tolle Leute, lerne Sprachen und viel über die Welt." Den Beschluss, nach der Auszeit nicht wieder zu ihrem alten Job zurückzukehren, hat sie bereits gefasst.

Gar nicht erst in einen Bürojob einsteigen will meine dritte Kollegin, Carolyn aus Schottland. In Glasgow hat sie Portugiesisch und Spanisch studiert, ist dann nach Portugal gekommen, um ihre Sprachkenntnisse in der Praxis anzuwenden. Ein Jahr arbeitete sie in einem anderen Lissabonner Hostel, seit Juli ist sie mit im Team des "Lisbon Old Town". "Ich habe diesen Job vom ersten bis zum heutigen Tag an geliebt", sagt sie. Auch sie genießt das internationale Umfeld, die vielen neuen Leute und anderen Kulturen. Sie kann sich nicht vorstellen, noch mal woanders als in einem Hostel zu arbeiten.

Meine Reise um die Welt im "Lisbon Old Town Hostel" ist bald zu Ende. Doch geht sie für die anderen weiter, wird das "Konzept Hostel" auf die nächste Generation an Rucksack-Reisenden übertragen? "Mein Traum ist es, irgendwann, an einem anderen Ort, in den ich mich verliebe, mein eigenes Hostel aufzumachen", beantwortet Carolyn mit verträumtem Blick meine Frage. Auch Eva scheint dieser Idee nicht abgeneigt: "Klar ist für mich, ich will weiter im Hostel arbeiten - ob als Angestellte oder Besitzerin, das weiß ich noch nicht", sagt sie mit verschmitztem Blick. Und Szabolcs? Für den ist klar, er will zurück nach Budapest und dort als Schriftsteller arbeiten. "Doch", fügt er hinzu, "als Schreiberling ist man ja sehr flexibel. Mit dem nötigen Kapital passt da ein Hostel in Ungarn durchaus in meine Pläne - und wäre vielleicht auch eine gute Inspirationsquelle für meine Romane..."

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity