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Gepäckfallen der Airlines: Der Koffer kostet mehr als der Sitzplatz

Fluggesellschaften haben das Gepäck bei ihren Passagieren als Einnahmequelle entdeckt. Jetzt erhöht Ryanair die Gebühren drastisch: Wer am Flughafen seinen Koffer aufgibt, zahlt bis zu 100 Euro extra.

Von Till Bartels

Die maroden US-Airlines haben es vorgemacht. Sie verdienen ihr Geld nicht mehr mit dem reinen Fliegen, sondern mit Zusatzleistungen. Ob Sitzplatzreservierung, Snack oder aufgegebenes Gepäck, für alles halten die Fluggesellschaften die Hand auf.

Längst ist die Welle des Abkassierens auch in Europa angekommen. Billigflieger wie Germanwings, Easyjet und Ryanair kassieren für jeden Koffer extra. Faustregel: Wer bereits bei der Buchung im Internet angibt, wie viele Gepäckstücke er aufgeben wird, zahlt weniger als bei der "unangemeldeten" Gepäckaufgabe am Flughafen kurz vor dem Abflug. Die Bandbreite reicht von 8 Euro für den ersten Koffer bei Germanwings bis hin zu 15 Euro bei Ryanair. Doch es kann bald noch sehr viel teurer werden.

Für 100 Euro fliegt der Koffer mit

Durch die Billigfluggesellschaften ist das Fliegen mit Gepäck eine Wissenschaft für sich geworden. Sogar die Verbraucherzentralen blicken nicht mehr durch. "Die Zusatzkosten sind ein großes Ärgernis", sagt die Rechtsexpertin Beate Wagner von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Schon der Begriff "Gepäckgebühr" sei falsch, denn es handelt sich um ein Entgelt, das aus dem Gesamtpreis herausgerechnet wurde. "Es wird nur Eindruck erweckt, es gebe billige Flüge", so ihr Fazit im Gespräch mit stern.de.

Spitzenreiter bei den "Gepäckgebühren" war schon immer Ryanair. Jetzt hat der irische Billigflieger angekündigt, die Preis teilweise zu verdoppeln: Für alle Buchungen ab 15. Dezember kostet der erste vorab angemeldete 15-Kilo-Koffer in der Nebensaison 15 Euro, in der Hauptreisesaison zwischen Juni und September 25 Euro und bis zum Gewicht von 20 Kilogramm 35 Euro. Passagiere, die ihren Koffer erst beim Check-in aufgeben, müssen nicht mehr 40 Euro, sondern 100 Euro in der Hochsaison bezahlen. Für den 20 Kilogramm schweren Koffer werden sogar 105 (vorher 50 Euro), für den zweiten Koffer bis 15 Kilogramm sogar 135 Euro fällig.

Was der Billigflieger mit der neuen Gepäckpolitik beabsichtigt ist klar. Durch die saftigen Preise sollen Ryanair-Kunden dazu gebracht werden, in den Sommerferien möglichst und nur mit Handgepäck zu reisen. Dieses darf bis zu einem Gewicht von 10 Kilogramm in die Kabine mitgenommen werden.

Drei Kilogramm mehr Freigpäck

Teurer wird es auch für Ryanair-Reisende, die vor dem Weg zum Flughafen ihre Bordkarte zu Hause nicht ausgedruckt haben: Sie zahlen ab 15. Januar 2011 statt 40 dann 60 Euro. Bei den traditionellen Liniengesellschaften bleibt die Bordkarte kostenlos. Auch der erste Koffer fliegt umsonst mit. Allerdings haben im Laufe des Jahres die meisten Fluggesellschaften ihre Gepäckregeln erheblich verändert. Dem Beispiel des Marktführers Lufthansa sind weitere Airlines gefolgt.

Generell gilt bei Flügen mit Lufthansa innerhalb Europas und auf Langstrecken: Das Freigepäck besteht nicht mehr aus einer Summe von 20 Kilogramm, das auf mehrere Gepäckstücke verteilt werden darf, sondern nur noch aus dem ersten Gepäckstück. Allerdings wurde das Gewicht von 20 auf 23 Kilogramm erhöht. Erst über dieser Grenze greifen die kostspieligen Regelungen für das Übergepäck. Weitere Details der Hand-, Frei- und Übergepäckregeln von einem Dutzend Fluggesellschaften finden Sie in der Fotostrecke "Was die Airlines für Ihren Koffer kassieren".

Bei Air Berlin liegt die Freigepäckgrenze bis zum 30. April 2012 für das aufgegebene Gepäck bei 20 Kilogramm je Passagier. Die neue Regelung nach dem Stückkonzept tritt erst am 1. Mai 2012 in Kraft. Dann darf das erste Gepäckstück ebenfalls 23 Kilogramm schwer sein, der zweite Koffer kostet auf Kurz- und Mittelstreckenflügen dann 50 Euro, bei interkontinentalen werden 100 Euro berechnet.

Reise ich nur mit Handgepäck?

Flugreisende haben inzwischen gemerkt, dass ein Billigflieger in der Summe nicht immer das günstigste Angebot ist. Denn neben den reinen Flugkosten müssen auch die Gepäckkosten in den Preisvergleich mit einbezogen werden. Noch schafft diese individuelle Berechnung keine Meta-Flugbuchungsseite. Jeder sollte daher vor der Flugsuche im Web wissen, nicht nur wohin und wann er fliegen möchte, sondern auch mit wie viel Gepäck er reisen möchte. Für einen Wochenendtrip nach Rom, bei dem man nur mit Handgepäck auskommt, kann Ryanair günstig sein. Wer aber für mehrere Wochen mit der Familie und viel Gepäck in die Sommerferien aufbricht, der kann am Check-in-Schalter eine dreistellige Eurosumme loswerden.

Es gibt aber auch Ausnahmen, die weniger bekannt sind: Singapore Airlines, die von Frankfurt aus täglich nach New York fliegen, halten weiterhin an ihrem Stückkonzept fest: Nicht nur einer, sondern zwei Koffer mit je 23 Kilogramm sind beim Ticket in der Economy Class inbegriffen. Und bei Emirates darf eine beliebige Anzahl von Gepäckstücken mit einem Gesamtgewicht 30 Kilogramm aufgeben werden - auch in der Holzklasse.

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