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Luxus-Rasur: Den Kopf befreien

Das Ende der Rasur ist der Beginn eines neuen Bartes. Lästig? Nicht, wenn man die Pflichtübung zur Kür macht.

Die Evolution ist gar nicht so vernünftig, wie Biologielehrer uns weisgemacht haben. Sonst hätte sie uns Männern nicht den Bart beschert. Milliarden Frauen beweisen Tag für Tag, wie überflüssig er ist. Nicht nur, dass sie ohne die Borsten im Gesicht offensichtlich prima überleben, sie leben sogar länger als wir. Als würde uns das etwas nützen, eifern wir Männer ihnen in den meisten Kulturen nach und rasieren uns. Für 93 Prozent unserer Geschlechtsgenossen gehört das Malträtieren der Gesichtshaut zum Alltag - eine Sisyphosarbeit, ist doch das Ende jeder Rasur der Anfang eines neuen Bartes. Gut 0,3 Millimeter Nachwuchs schieben die Haarwurzeln binnen 24 Stunden der Welt entgegen - und anders, als viele pubertierende Jungs glauben, lässt sich daran durch häufiges oder seltenes Rasieren absolut gar nichts ändern. Die Folge: 150 Tage seines Lebens, sagen Statistiker, verbringt der Durchschnittsmann mit Klingen am Kinn.

Nass oder trocken?

Ob er dabei nass oder trocken rasiert ist eine Frage von Mode und Kulturkreis. Im Nachkriegsdeutschland wurde der Elektrorasierer zum Statussymbol, das aber allmählich wieder an Bedeutung verlor. Anfang der neunziger Jahre nutzten erstmals wieder mehr Männer die feucht-schaumige Methode als das Elektroverfahren, seither wächst die Mehrheit langsam, aber beständig. Unter den 15- bis 24-Jährigen bevorzugen nach einer Studie von Wilkinson rund 60 Prozent die Nassrasur.

Der Haut ist es egal

Grund dafür sei vor allem massiver Werbedruck, sagt der Biochemiker Eberhard Heymann, der auch Kosmetologie an der Universität Osnabrück lehrt: "An der Nassrasur verdient die Kosmetikindustrie schließlich deutlich mehr." Für die Gesichtshaut sei es völlig egal, wie man sich entscheide. Bei der Nassrasur würden die Haare zwar etwas tiefer abgeschnitten, aber der Vorteil halte nicht lange.

Der Tipp vom Experten

Trotz dieser Gleichgültigkeit gegenüber dem Flirtfaktor einer glatteren Kinnpartie gibt Heymann den Mikrometerschindern einen Tipp: Wer den Rasierschaum gut in die Stoppeln massiert und ihn etwas länger einwirken lässt, strapaziert zwar die Haut ein wenig stärker, weil von der gequollenen Oberfläche mehr abgeschabt wird. Aber er kann auch gründlicher rasieren, denn der Schaum macht die Haare griffiger für die Klinge. Und die dezimierten Hautschichten erneuern sich ständig.

Mann braucht nur wenig

Der Wissenschaftler Heymann ist Asket: "Alles, was über Rasierschaum und Rasierer hinausgeht, ist nur zum Wohlfühlen gemacht." Wie, nicht einmal ein Aftershave muss folgen? Genau. Lediglich bei Entzündungen rät Heymann zu fachgerechter Desinfektion oder einer schmerzlindernden Creme. "Ein After-shave ist unnötig, desinfizierend wirkt es auch nicht, denn dazu eignet sich nur ziemlich genau 70-prozentiger Alkohol." Das parfümierte Finish aus der Drogerie diene ausschließlich der Selbstverwöhnung: "Es zieht die Haut zusammen und gibt ein erfrischendes Gefühl."

Entspannung vor dem Tag

Aber wer will schon vorschreiben, dass Männer sich nicht verwöhnen dürfen? Das Leben ist hart genug, da muss man sich nicht auch noch beim Rasieren quälen. Sollen doch Frauen und Beaus zur Entspannungssuche in Wellness-Farmen pilgern und sich dort bei Ayurveda-Massagen, Ziegenmilchbädern und Meeresschlick-Packungen den Stress austreiben lassen. Morgens vor dem Spiegel kann jeder Mann ganz allein etwas für seine innere Ruhe tun. Das geht allerdings schwerlich mit einer Blitzattacke auf die erwachende Haut. Gibt man sich mit hastigem Einschäumen aus der Sprühdose und schnellem Schaben zufrieden, wird man kaum wahrnehmen, wie sich der milchbleich verquollene Zombie im Badezimmerspiegel durch die Massage des Eincremens und das Peeling der Klingen in ein zumindest halbwegs dynamisches Männergesicht verwandelt. Wer seine erwachende Gesichtshaut dem seelenlosen Gemetzel eines elektrisch betriebenen Scherkopfs aussetzt, hat erst recht keine Freude an der Enthaarung. Erhebt man die Handgriffe hingegen zum bewussten Ritual, wird der Kopf frei für eine letzte Ruhephase, bevor der Ernst des Tages beginnt.

Zutaten für die Wellness-Rasur

Die Zutaten für die Wellness-Rasur sind überschaubar: Pflicht sind angenehm duftende Seife, ein Rasierer (wer nicht über ein robuste Haut und eine ruhige Hand verfügt, sollte sich mindestens Doppelklingen gönnen) und ein ordentlicher Rasierpinsel. Zur Kür gehören je nach Vorlieben ein Tiegel zum Aufschlagen der Seife, Pre-Shave, Aftershave, eine kühlende Creme, Gel oder Öl. Erlaubt ist, was gefällt.

Rasur zelebrieren

Genießer zelebrieren ihre Mahlzeiten, statt Fast Food mit bloßen Fingern zu verschlingen; Ästheten unterzeichnen mit einem guten Füller, obwohl es auch ein Einwegkuli tun würde. Warum nur geben sich so viele Männer mit Rasierern zufrieden, welche die Ausstrahlung eines mit Plastikspoilern aufgemotzen Opel Manta haben? Und aus welchem Grund begnügen sich Männer mit Rasierseifen, die billig riechen?

Großes Angebot ist vorhanden

Seit Beiersdorf mit Nivea-Männerkosmetik im Massenmarkt kräftig abräumt, verbessert sich das Angebot für das Finish in jeder Preisklasse. Für die Hardware, also die Griffe zu gängigen Rasierklingen, finden sich in guten Parfümerien, Warenhäusern und Online-Shops wirklich stilvolle Varianten.

Elastisches Dachshaar statt Schweineborste

Auch bei Rasierpinseln gibt es Alternativen zur Billig-Schweineborste. Als beste Wahl gelten die aus elastischerem Dachshaar. Der Berliner Kosmetikladen "The English Scent" preist einen "Non-Badger" aus anderen Naturhaaren und Synthetik an, "nicht ganz so sanft, aber schneller bei der Schaumgestaltung". Das Geschäft, das seine Artikel auch versendet, ist ein Eldorado für Männer, die ihrer Rasur eine besondere Note geben wollen. Und es bietet als einziger Laden in Deutschland eine der derzeit spannendsten Innovationen für die Nassrasur an: Der Engländer David Collas (Künstlername David Somerset) hat ein Öl erfunden, das Rasierschaum und Aftershave extrem platzsparend ersetzt, ideal etwa für Reisende mit kleinem Gepäck. Es klingt wie ein Sensationsversprechen aus dem Shopping-TV, aber der Selbstversuch zeigt: Drei Tropfen von "Somersets Rasieröl", ins feuchte Gesicht gerieben, reichen für eine gründliche Rasur und ein kühl-frisches Hautgefühl danach - nur das schaumlos verschlafene Gesicht im Spiegel ist dabei gewöhnungsbedürftig. Das Öl riecht nach Gewürznelken, zehn Milliliter reichen für 90 Rasuren und kosten fünf Euro.

Online-Shop für die Rasur

Im Internet finden jene Hilfe, in deren Nähe kein Geschäft angemessene Accessoires für die perfekte Morgentoilette führt. Beim Online-Anbieter shave mac.de zum Beispiel können Kunden aus verschiedenen Formen, Farben und Haarqualitäten Wunschpinsel und -rasierergriffe zusammenstellen. Wer's mag, bekommt auch den Nutzernamen eingraviert. Aber Worte wie "Bernie" oder "Schatzi" auf den Rasierer schreiben zu lassen, das fällt dann doch eher Frauen ein. Kindisch benehmen können wir uns schließlich oft genug. Beim Rasieren dürfen wir Männer sein.

Werner Hinzpeter / print
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