Urlaub 2006 Der Preis ist heiß


Die neuen Reisekataloge sind da, prall gefüllt, und hoppla: Vieles ist ein bisschen teurer. Wer den Urlaub 2006 dennoch günstig haben möchte, sollte zeitig buchen, offen sein für neue Ziele oder während der Fußball-WM fahren.

Karl Borns Fachgebiet an der Hochschule Harz ist das wundersame Wesen des Fremdenverkehrs, offiziell Tourismusmanagement genannt. Amüsiert beobachtet der Professor seit langem das Treiben des "Homo rabattus", wie er den nimmermüden Urlaubsschnäppchen-Jäger nennt. Für ihn hat er heuer zwei Nachrichten. Die schlechte: Pauschalreisen werden teurer. Die gute: Sie können sogar billiger werden - vorausgesetzt, man stellt sich clever an. "Wer scharf rechnet und flexibel ist, macht 2006 besser und günstiger Urlaub als je zuvor", sagt Born. Grund sei die Großwetterlage im Tourismus: einerseits ein Riesenangebot, andererseits eine noch zögerliche Nachfrage. Die Zahl der Kataloge ist in der Tat gewaltig. Mehr Strand, Kreuzfahrt, Citytour oder Wellness war nie. Vom kleinen Campingglück am Müritzsee bis zur Südpolarexpedition auf dem Fünf-Sterne-Dampfer "Hanseatic" zum Pinguinegucken ist alles auf dem Markt. Und nie zuvor war die weite Welt so nah, dank einer gewaltigen Luftbrücke. Die trotz Überkapazitäten immer noch expandierenden Airlines schaffen Urlauber selbst aus der thüringischen Pampa an Plätze wie Malaga, Mombasa oder Fort Myers.

Doch zum ersten Mal in einer Dekade, in der die Urlauber fallende Preise quasi als Naturgesetz empfanden, ziehen die Veranstalter die Schraube an. Der Kerosinpreis, innerhalb eines Jahres gewaltig gestiegen, schlägt jetzt durch. Zwar wirken die Steigerungen - zwischen 1,5 und 2,5 Prozent für Flugpauschalreisen auf der Kurzstrecke, 3 bis 5 Prozent bei Fernreisen (Kanada 6, Australien und Neuseeland sogar 9 Prozent) - auf den ersten Blick moderat. Eine vierköpfige Familie müsste danach für den 14-tägigen Grillurlaub am Mittelmeer nur 40 bis 60 Euro mehr löhnen. Aber dabei bleibt es nicht. Auch Leihautos, Taxis, Ausflüge, Bootstouren und so weiter werden teurer; eben alles, was mit Mobilität zu tun hat. Und das ist im Urlaub eine Menge. Wie es schon Autourlaubern, mit rund 50 Prozent die größte deutsche Touristengruppe, im Sommer sauer aufstieß, reißen die hohen Treibstoffpreise schnell ein Loch in die Kasse. Wer das nicht ausgerechnet im Urlaub durch Konsumverzicht stopfen möchte, muss schärfer kalkulieren.Heißt, sich durch einen Wust von Frühbucher-Rabatten zu ackern, welche die Veranstalter anbieten. Neckermann hat ein dreistufiges System entwickelt, das den Kunden logistische Höchstleistungen abverlangt. Das kann sich aber auszahlen, denn die Firmen belohnen ihre Frühchen mit erheblichen Abschlägen (Seite 82). Sie sind unter anderem für die langfristige Kalkulation von Betten und Flugsesseln wichtig. Insgeheim hoffen die Touristiker, steigende Preise könnten manchem Kunden das verhasste Last-Minute-Buchungsverhalten austreiben. Jenen Lieblingssport deutscher Urlauber, den die Reiseunternehmen selbst gefördert haben. Immer wieder verramschten sie Reisen weit unter Katalogpreis, aus Angst, auf der verderblichen Ware sitzen zu bleiben. Tui und andere Veranstalter beteiligen sich sogar am Last-Minute-Anbieter L'tur. Nun haben die Unternehmen ihr eigenes Last-Minute-Segment verkleinert. Dennoch besteht für Spätbucher kein Grund zur Panik. "Es wird auch in diesem Jahr Last Minute ohne Ende geben", prophezeit Karl Born, der acht Jahre lang Vorstandsmitglied beim Marktführer Tui war (Interview Seite 82). Für manchen bietet die Fußball-WM vom 9. Juni bis 9. Juli Gelegenheit, mal günstig in der Hochsaison zu verreisen. Weil die Veranstalter die WM als "Spaßbremse" (so das Fachblatt "Fremdenverkehrswirtschaft") fürchten, locken sie mit Rabatten (Seite 84). Tore gucken kann man auch im Ausland, denn natürlich sind in vielen Touristenhotels rund ums Mittelmeer die Fernseher auf WM geeicht. In den Bettenburgen auf Mallorca und anderswo werden während der Spiele Großbildleinwände stehen. Manche Veranstalter versprechen den Fans sogar Freibier und Grillfutter. Einen Köder für genervte Frauen von Fußballfanatikern hat Rewe-Touristik (ITS, Jahn, Tjaereborg) ausgelegt: Mit dem Lady Special wohnen zwei Frauen im Doppelzimmer und nur eine zahlt.

Flexibilität ist angesagt. Spaniens Restaurantpreise sind einfach verrückt, Italiens Herbergen teuer und abgewohnt? Dann mal aus der Euro-Zone ausbrechen. Die Adria ist in Slowenien, Kroatien und Montenegro ebenso attraktiv wie in Italien, der Service freundlicher, die Preise sind niedriger. Dubrovnik statt Venedig, Zagreb, Prag oder Bratislava statt Wien, Tunesien statt Fuerteventura, die Schwarzmeerküste anstelle von Kreta - in der Urlaubswelt mangelt es wahrlich nicht an Alternativen. Wussten Sie, dass es ein Pendant zu Finnlands Saimaa-Seenplatte gibt? Es handelt sich um die masurischen Seen, die quasi vor der Haustür liegen. Was, scharf besehen, braucht man im Urlaub wirklich? Sicher, ein Anhänger italienischer Lebensart wird sich schwer mit Marokko anfreunden, mag es da noch so preiswert zugehen. Doch Gestresste, die sich für die Ferien nicht viel mehr vorgenommen haben als entspannen, sonnenbaden und mit den Kindern spielen, benötigen kein Hinterland voller Gourmettempel, Kulturdenkmäler und Museen. Das eherne Robinson-Prinzip lautet: Wo der Club steht, ist wurscht, wenn nur die Sonne draufscheint. Alles andere bleibt eine Preisfrage. Reisen wechseln ihren Marktwert wie alle Waren. Regionen, die voriges Jahr noch gut im Kurs standen, können jäh abstürzen. Die Bilder von den Stürmen an der Golfküste von Mexiko und auf den Kanaren haben viele potenzielle Urlauber vergrämt. Sehr schlecht läuft das vom Tsunami hart getroffene Sri Lanka, obwohl mehr als 80 Prozent der Hotelanlagen wieder funktionieren. Das touristisch reizvolle Inland mit seinen Tempeln und Teebergen war überhaupt nicht betroffen. Auch das terroristisch heimgesuchte Bali leidet unter Besucherschwund. Urlauber, die mutig sind oder einfach der Statistik vertrauen (das Risiko, im Ausland durch Naturkatastrophen oder Attentate zu sterben, ist nicht größer als das, im deutschen Straßenverkehr umzukommen), können hier sparen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Gerade die armen Länder benötigen Devisen - oft hängt ihre fragile politische Stabilität daran.

Auch Thailand, ein Boomziel des Jahres 2004, ist für Urlauber derzeit günstig. Nicht weil vom Tsunami noch viel zu spüren wäre (Ausnahme: Khao Lak), sondern weil viele asiatische Gäste Thailands Strände meiden. Sie fürchten sich vor den Seelen der Ertrunkenen. Südafrika wird nicht mehr von Besuchern überrannt wie früher. Zu stark ist mittlerweile die Landeswährung, zu hoch die Kriminalität. Und der Run auf die neu entdeckten Kapverden hält sich auch in Grenzen - Urlaub auf den kargen Inseln im Atlantik wird billiger. "Was die Firmen in ihren Pressemitteilungen behaupten, vergisst man am besten ganz schnell", sagt Experte Karl Born. Seine Faustregel für Reise-Shopping: auf die improvisierten Angebote achten, die an den Fenstern der Reisebüros kleben. Länder oder Zielgebiete, die dort auffallend stark vertreten sind, verkaufen sich schleppend und leiden deshalb unter Preisverfall. Natürlich haben sie meist auch ein Problem. Etwa mit der Sicherheitslage (Ägypten), dem Service (Bulgarien) oder den Nebenkosten (Kanaren, Portugal). Auch besonders billige Offerten für das ohnehin preisgünstige Reiseland Türkei haben, versteht sich, einen Haken. Sie betreffen beispielsweise Gebiete, wo der Bauwahn unerhörte Blüten treibt, wie in der betonierten Region um Lara bei Antalya. Und auch der Sparknüller für den Luxusliner "Queen Mary 2" - 50 Prozent Rabatt, wenn man bis zum 30. April 2006 die 74-tägige Weltreise im Jahr 2007 bucht - hat einen kleinen Pferdefuß: Der reguläre Preis beträgt zwischen 25 980 und 265 960 Euro. PS: Trost für alle, die noch nie ein tolles Schnäppchen ergattert haben. Im Vergleich mit Einzelbuchungen sind Pauschalreisen - sogar die teuren - unglaublich günstig. Und: Der Urlaub wurde nach dem Krieg immer billiger. Ein hübsches Beispiel liegt in Form einer Rechnung im Archiv der mallorquinischen Hoteliersfamilie Riu. Anno 1955, lange vor dem massenhaften Tourismus, kosteten 14 Tage im Riu-Hotel "San Francisco" an der Playa de Palma 438 Deutsche Mark - inklusive Flug, Vollpension, zehn Mark "Taschengeld" und fünf Mark "Devisenbeschaffungskosten". Damals verdiente ein Facharbeiter durchschnittlich 422 Mark. Im Monat. Brutto.

Wolfgang Röhl print

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