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Skitour: Im Auge des Steinbocks

Ausflüge mit Motorschlitten, illuminierte Nachtpisten, Airboards und andere Finessen der modernen Touristik können auch zuviel werden. Hinter dem Julier-Pass lauert St. Moritz, kurz davor bei Bivio geht es in das Reich der weißen Stille.

Von Gernot Kramper

An der Abzweigung von Julier und Septimer haben schon die Römer Station gemacht. Recht hatten sie. In "Bivio" lag einst eine Gabelung ihrer strategisch bedeutenden Passtrassen. Auch heute liegt hier das oberste Dorf der Talschaft Surses, danach kommt nur noch die Passhöhe. Danach die Skiorte, wo man gesehen werden will und sich nicht weiter anstrengen möchte.

Bergführer Geni Ballat organisiert von Bivio aus Ausflüge in die Welt der weißen Stille. In Berge hinein, in denen außer dem Knirschen des Schnees und dem eigenen Atem kein Laut zu hören ist. Die noch nicht von unzähligen Liften und Aufstiegshilfen erschlossen sind. Scharf geschnitten sind Bart und Gesichtszüge. Leicht kann man sich vorstellen, wie in ihm das Blut der letzten Römer fließt, hier auf 1700 Meter Höhe. In dem letzten Ort jenseits der Alpenwasserscheide in dem noch italienisch gesprochen wird. Wenn andere Destinationen mit Liftkapazität und mit dem Computer vermessenen Neigungswinkeln prahlen, kann Bivio lächeln und auf seine Gipfel und Touren stolz sein.

Die "Perle am Julier" liegt im Zentrum mehrerer Seitentäler. Ohne Umstände lassen sich 30 Gipfel erreichen - mit Touren aller Schwierigkeitsgrade. Besonders beliebter Startpunkt etwa zum Piz Surgonda ist der Parkplatz kurz unterhalb der Passhöhe. Man staunt, wie viele Urlauber den beschwerlichen Weg der Tour gehen, anstatt sich mit geheizten Liftkissen in den nächsten Pils kutschieren zu lassen. Das Basislager "Parkplatz" ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Hier oben starten die richtigen Touren, gemütlicher geht es mitten vom Ort aus los. Wir schummeln uns heute mit dem Lift ein paar Hundert Höhenmeter hinauf. Geni hat Nachsehen mit dem Anfänger. Im Tiefschnee geht es wieder hinab, dann beginnt der echte Aufstieg. Der Bergführer befestigt spezielle "Felle" - heute natürlich aus Kunststoff - unter den Tourenski. Das Gewebe macht es erst möglich, mit dem glatten Ski bergauf zu steigen. Elastische Stiefel und spezielle Steighilfen in der Bindung erleichtern den Aufstieg. Lawinensuchgeräte, Rucksack und Wäsche zum Wechseln komplettieren die Ausrüstung.

Auf einer bereits angelegten Spur geht es zum Joch hinauf. Ein Segen, wer zu zweit eine neue Spur legt, muss sich die Freude am unberührten Schnee hart erkämpfen. Langsam geht der Atem, gleichmäßig muss er bleiben, gleichmäßig müssen auch die Schritte gesetzt werden. Im Zickzack steigen wir bergan, trotz klirrender Kälte spürt man die Hitze unter dem High-Tech-Gewebe. Exakt wollen die Ski an den Kurven der Bahn gesetzt werden. Wer stürzt, verliert viel Kraft, wenn er wieder aufsteigen muss.

Im Reich der Steinböcke

Am gegenüberliegenden Hang hat sich ein Schnee-Brett gelöst. Rau und aufgeworfen liegt der Schnee auf einem Feld groß wie ein Fußballplatz inmitten der weißen Glätte. Geni kennt die gefährlichen Stellen. "Da streicht der Wind drüber, da löst es sich dann." Die Ortskenntnis des Führers kann ein geübter, aber fremder Tourengeher nicht ersetzen. Schweigend steigen wir weiter. Plötzlich werden wir beobachtet, von unzähligen Augenpaaren aus den Felsen. Hier oberhalb von Bivio beherrschen die majestätischen Steinböcke wieder die Felsen. Einst waren sie ausgerottet am Julier und in der ganzen Schweiz. "Da haben wir die Italiener gebeten, ob sie uns welche geben könnte", grinst Geni. Aber der damalige König wollte nicht, also haben die Eidgenossen dreißig Stück von Wilderen fangen und in die Schweiz schmuggeln lassen. Nun stehen sie über uns, stolz und erhaben, als wüssten sie, dass wir unbeholfene Menschen mit unseren Brettchen unter den Füßen sie nie erreichen könnten.

Rast vor dem Häuschen

Dafür erreichen wir endlich das Joch. Mit rotem Kopf und rasselndem Atem, nur Geni wirkt, als sei er gerade vom Frühstück aufgestanden. Oben wartet ein Bretterverschlag wie ein Klohäuschen. "Früher haben wir in diesen Schuppen die Rettungsschlitten untergestellt, damit man sie, falls etwas passiert, nicht hinauftragen muss", erklärt der Guide. Von nun an geht es bergab. Wer kann, darf sich gleich im halsbrecherischen Schwung den jungfräulichen Hang hinunter schwingen. Wer es nicht kann und wem die Beine zu schwer werden, sollte sich in großen Bögen ganz langsam nach unten begeben.

Touren-Eldorado am Julier

Skitouren haben in Bivio Tradition. Geni organisiert zusammen mit dem Hotel Post spezielle Touren-Ferien. Ohne Guide kann man diesen Sport nicht empfehlen. Wer glaubt, eine Laiengruppe würde im Ernstfall nach zehnminütiger Einweisung mit dem Lawinen-Suchgerät das Richtige tun, der träumt. Selbst mit Guide sind Touren-Ferien nicht teurer als Alpin mit Lift, schließlich spart man die teure Karte für die Bergbahn. Bis zum Anfang des Jahrhunderts machten im Hotel Post die Kutschen Station. Wer etwas Fantasie besitzt, kann sich in Bivio in diese Zeit noch zurückversetzen. Viele alte Häuser, zum Teil aus dem 16. Jahrhundert sind erhalten geblieben. Kleine Gassen schlängeln sich zwischen Wand und Ställen hindurch. Auch im Winter lassen die Bauern Kühe und Pferde kurz hinaus. "Die Viecherl wollen auch mal die Sonne sehen", wird der Gast aufgeklärt. Natürlich kann man in Bivio auch ganz normal Ski fahren. 35 Kilometer sanft geschwungene, breite Pisten bietet der 220 Seelen Ort. Genug für die meisten Familien oder für die erschöpften Tourengeher am Tag danach.

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