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Taghazout: König der Wellen

Eine felsige Küste, eine schöne Bucht und perfekte Wellen: Das marokkanische Örtchen Taghazout gilt als Geheimtipp für Surfer, die dem deutschen Winter entfliehen wollen.

Von Johanna Berg

Gerade hat es die Sonne über die Bergkuppe geschafft. Sie lässt den Schaum der Wellen glitzern und das Wasser des Atlantik tiefblau strahlen. Sanfter Wind streichelt die Haut. Mit Salz auf den Lippen und noch ein wenig Schlaf in den Augen sitzen wir auf unseren Surfboards, haben nur Augen für das, was direkt auf uns zurollt: perfekte Wellen, etwa zwei Meter hoch. Sie brechen stets am selben Punkt und schälen sich dann in die geschwungene Bucht, entlang der felsigen Küste. Die besten, die besonderen Wellen, tragen ihre Reiter bis zu einem kleinen Strand, mehrere hundert Meter in die Ferne. Wenn sich das Wasser erschöpft zurückzieht, das Meer neuen Anlauf nimmt, lässt uns das steinige Riff seinen fischigen Atem spüren.

Was für ein Morgen! Er zaubert den etwa 30 Surfern im Wasser ein ums andere Mal ein breites Grinsen ins Gesicht. Mittendrin wir: zwei Mädchen, zwei Jungs aus Düsseldorf, Freunde seit vielen Jahren und alle Mitte 20. Für zwei Wochen sind wir ins Örtchen Taghazout gekommen, einer versteckten Oase für Surfer, die dem deutschen Winter entfliehen wollen. Hier lohnt es sich endlich, früh aufzustehen, auch wenn man sich aufwecken lassen muss von einem seltsamen Brummen, das ins offene Schlafzimmer dringt.

"Häääm! Häääm! Hääääääämmmm." Ich werde wach. Es klingt, als treffe sich ganz in der Nähe eine Gruppe Halbstarker mit ihren Mofas. Doch Mofa-Gangs gibt's im Dörfchen Taghazout nicht. Es sind die Fischer, für die noch vor Morgengrauen der Arbeitstag beginnt. Sie tragen ihre kleinen, bunten Boote vom Strand ans Wasser, starten die Motoren.

Optimaler Winkel für Atlantikbrecher

Es fröstelt mich. Wir wohnen zwar an der Küste, doch im Hinterland liegt die Wüste. Sie beeinflusst das Klima: Tagsüber ist es schön warm, angenehme 25 Grad, selbst im Winter. Nachts aber wird es kühl, so kühl, dass ich mich so tief wie möglich im Schlafsack verkrieche. Sechs Uhr früh - da ist noch ein wenig Dösen drin, denke ich. Doch Moritz steht in der Tür. Auch er wurde geweckt vom Geräusch der Motoren. Er grinst. "Die Wellen sind perfekt", sagt er. "Aufstehen!"

Die optimalen Bedingungen zum Surfen haben Taghazout, den kleinen Fischerort eine knappe Stunde nördlich von Agadir, in der Szene bekannt gemacht. Pauschaltouristen kennen ihn nicht. Doch unter europäischen Wellenreitern ist er ein Geheimtipp. Gute australische Surfer fliegen für einen Kurzurlaub nach Bali, amerikanische nach Hawaii - und europäische nach Zentral-Marokko. Hunderte Europäer kommen mittlerweile jedes Jahr mit ihren Brettern. Die beste Zeit dafür ist zwischen Oktober und März. Dann kommt der Wind aus Nord bis Nord-Ost, und es gibt große Tiefdruckgebiete über dem Atlantik, die der Region und ihrer steinigen Küste mit ihren Spots, die Namen haben wie "Devil's Rock", "Hash Point", "Mystery's" oder "Boiler's", zahllose Wellen bescheren. Die Küste hier hat einen optimalen Winkel für die anrollenden Atlantikbrecher und lässt sie brechen, eine nach der anderen. Je nachdem, wie massiv und stark das Tiefdruckgebiet ist, werden sie stolze fünf Meter hoch.

Wellen tragen bis an den Strand

Heute sind sie kleiner, und doch wollen sie bezwungen werden. Als Lohn trägt mich die Welle bis an den Strand. Mit dem Surfboard unter dem Arm gehe ich entlang der schmalen Straßen zu unserer Ferienwohnung. Auf der Seite stehen Ziegen in den Bäumen und knabbern an den Blättern - eine skurrile Szene, die ein Urlauber gleich fotografiert. Auch ich habe Hunger: Ich kaufe Baguettes, lasse mir ein Stückchen Butter vom Mega-Klumpen im Kühlschrank abschneiden, frische Minze für Tee liegt in einer Plastikkiste, genauso Tomaten, Paprika und anderes frisches Gemüse. Aus einer weiteren Kiste leuchten mich prächtige Orangen an. Auch die nehme ich mit. Das Ganze kostet nur 30 Dirham - nicht einmal drei Euro. In Deutschland würden wir ein solch winziges Geschäft einen Tante-Emma-Laden nennen. In Marokko ist dies aber neben Wochenmärkten die gängigste Form einzukaufen.

Im Laden spielt ein vielleicht sechsjähriger Junge neben dem Verkäufer, lässt Reis aus einem der Säcke durch seine Finger gleiten. "Dein Bruder?", frage ich den Verkäufer. "Nein", sagt er. "Mein Cousin". "Und das", er zeigt auf ein Foto an der Wand und lächelt, "ist mein König". Er sei neulich in der Gegend zu Besuch gewesen - ein Ereignis für die Marokkaner, die so stolz sind auf ihren König.

Der Regent auf dem Jetski

Er heißt König Mohammed VI., ist 43 Jahre alt und bestieg 1999 den Thron. In einer Fernsehansprache kündigte er an, gegen Armut und Korruption vorzugehen sowie Wirtschaft, Menschenrechte und auch die Rechte der Frauen zu stärken. Die Menschen hier sagen: Er macht seine Sache gut. Es geht voran. Außerdem rechnen sie ihm an, dass er manchmal auch ein Draufgänger ist. Auf dem Foto im Tante-Emma-Laden sieht man Mohammed VI. nicht in strenger Regentenpose. Stattdessen fliegt er mit einem Jetski über eine Welle durch die Luft.

Zurück im Haus. Unsere Wohnung in Taghazout liegt so, wie man es sich wünscht, direkt am Meer. Von der Terrasse aus, wo wir frühstücken und abends lange sitzen, sieht man das Wasser und eine Hand voll Surfspots. Wir haben Glück gehabt. Zu verdanken haben wir das Jamal. Als der Taxifahrer bei unserer Ankunft am Marktplatz hielt, wussten wir nicht, wo wir wohnen würden. Wir waren ein wenig nervös, bepackt mit schweren Rucksäcken, einem Gitarrenkoffer und einer sperrigen, zwei Meter langen Tasche mit vier Surfboards. Da kam Jamal um die Ecke, ein junger, freundlich lächelnder Marokkaner. Wir kannten uns nicht, doch er begrüßte uns wie alte Freunde, auf deren Ankunft er lange gewartet hat. Jamal war genau der, den wir brauchten.

Freundlich zu sein und zu helfen ist Jamals Job. Er ist quasi ein mobiles Reisebüro. Er lebt von Trinkgeld und Provision. Jeden Tag wartet er am Marktplatz des 500-Seelen-Dorfes neben den Teppich-, Schmuck-, und Obstverkäufern auf Neuankömmlinge. Kommen sie auf eigene Faust und mit dem Bus oder Taxi, spricht er sie an. Ihn interessiert: Wie heißt ihr? Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin? Wie lange bleibt ihr? Irgendwann sagt er: "Lasst uns gehen." Dann zieht er mit den Touristen von Haus zu Haus und zeigt Zimmer und Apartments.

"Sie brechen sich vor meiner Haustür"

Manche haben eine Terrasse oder Fenster mit Meerblick, manche ein Plumpsklo, manche Hühner im Innenhof, manche eine Küche, manche ein Dach aus Stoff, das die Bewohner öffnen können, so dass sie den typisch tiefdunkelblauen Himmel über Marokko sehen können. "Es ist für jeden was dabei", sagt Yamal - dabei gibt es eines, was man hier vergeblich sucht: große, moderne Hotels. In den Gassen des Dorfes stehen nur kleine ockerfarbene Häuser mit bunten Türen und Fenstern. In ihnen wohnen entweder mehrere marokkanische Familien oder marokkanische Familien und Surfer zusammen.

Gleich neben Jamal macht auch Farid Geschäfte. Farid, 27 Jahre alt, verkauft herrlich bunte, geknüpfte Teppiche und gehäkelte Mützen aus Schafswolle für kühle Abende. Er stellt ähnliche Fragen wie Jamal. Aber aus einem anderen Grund. "Ich komme nicht raus aus meinem Land", erzählt er. Visa, Reisepass, Ticket: So etwas könne er sich nicht leisten.

"Komm auf einen Tee vorbei, und erzähl mir von deinem Land", sagt Farid. Das sei seine Art zu reisen. Wenn er hört, dass Deutschland jetzt winterlich grau ist und ziemlich teuer, und dass die Surfer für gute Wellen mindestens 1000 Kilometer bis nach Frankreich fahren müssen, lacht er zufrieden. "Ich bin nicht reich, mein Leben ist einfach. Aber für schöne Wellen muss ich nicht weit fahren. Sie brechen sich vor meiner Haustür."

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