DER MANN OHNE GEWISSEN


Seine Männer töten und sterben für ihn, sobald er es befiehlt: ABU MUSAB AL-ZARQAWI dirigiert den Terror jede Woche im Irak und längst auch in anderen Staaten. \ Nicht mehr Osama bin Laden, sondern der 39-jährige Jordanier ist der meistgesuchte Mann der Welt
OLIVER SCHRÖM

EINFACH IST ES nicht, öffentlich einzugestehen, ein Monster in der Familie zu haben. Aber nach den vielen Toten bei den Terroranschlägen auf die Fünf-Sterne-Hotels in Amman entschließt sich Sayel Fadhil Nazar al-Khalaliyah zu einem ungewöhnlichen Schritt. Zusammen mit fünfzig Onkeln, Großonkeln und Cousins veröffentlicht er am 20. November 2005 in der jordanischen Zeitung "Al Rai" eine Anzeige, in der er König Abdullah II. verspricht: "Wir, die Stämme der Khalaliyah, lehnen stark und klar alle Akte und terroristischen Operation von Ahmed al-Khalaliyah ab, der sich selbst Abu Musab al-Zarqawi nennt, und wir erklären lautstark und öffentlich, dass unser Stamm ihn aus dem Stamm der al-Khalaliyah ausschließt." Zarqawi ist derzeit der meistgesuchte Terrorist der Welt. Im Irak vergeht keine Woche ohne Anschläge, Geiselnahmen und Terrorakte, die nicht ihm zugeschrieben werden. Die USA haben die Belohnung für seine Ergreifung auf 25 Millionen Dollar erhöht. Längst hat der Jordanier in der öffentlichen Wahrnehmung Osama bin Laden den Rang abgelaufen.

SPÄTESTENS SEIT dem 11. Mai 2005:

An diesem Tag lässt Zarqawi einen Film ins Internet stellen, der jedem Betrachter den Atem raubt: Vor laufender Kamera wird die amerikanische Geisel Nicholas Berg enthauptet. Wie die Insassen in dem US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba muss Berg einen orangefarbenen Overall tragen. Die Aufnahmen sind verwackelt.

Aber nach einer Stimmanalyse erklärt die CIA Zarqawi "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" zum Mörder. Seine Brüder, Onkelund Cousins in Jordanien sagen damals noch: "Unsinn, das ist nicht seine Stimme." Zarqawi wird am 30. Oktober 1966 als Ahmed Fadhil Nazar Khalaliyah in Zarqa geboren, einer jordanischen 800 000-Einwohner- Stadt. Seine Familie hat zehn Kinder und lebt in einer einfachen Wohnung in einem vierstöckigen Haus. Der Vater ist bei der Stadtverwaltung angestellt und Sprecher von einem der sieben Flügel der Khalaliyah-Sippe, die mehrere tausend Mitglieder hat.

Sein Sohn Ahmed, der in der Schule Durchschnittsleistungen bringt, gerät bald in die Szene der Jugendgangs. Dort lernt er Gewalt, prügelt, schreckt auch nicht vor Messerstechereien zurück. Seine Waffe ist ein Skalpell. Freunde rufen ihn nun "al- Zarqawi", Mann aus Zarqa.

Beinahe jeden Tag, erzählt ein Verwandter, holten ihn sein Vater und ein Onkel in diesen Jahren bei der Polizei ab.

Richter verurteilen ihn zu Jugendstrafen, doch Zarqawi wird immer wieder rückfällig.

In der 11. Klasse verlässt er die Schule.

Die Familie hofft, dass Geistliche ihm islamische Werte wie Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Vergebung beibringen. So geht er nun jeden Tag zur Umerziehung in die Al-Hussein-Ibn-Ali-Moschee.

IN DER MOSCHEE treffen sich viele fromme Koranstudenten. Manche sind im Afghanistankrieg gewesen, sie haben Heldengeschichten zu erzählen vom Kampf gegen die Sowjetunion. Zarqawi ist beeindruckt. Seine Eltern registrieren erleichtert, dass er nun nicht mehr trinkt.

Mit 22 Jahren heiratet er 1988 eine entfernte Cousine und geht mit ihr nach Afghanistan.

Er schlägt sich auf die Seite der Mudschaheddin, der Gotteskrieger, und leistet den sowjetischen Besatzern Widerstand.

Waffen und Bargeld für die Rebellen kommen auch aus den USA.

In seine Heimatstadt Zarqa kehrt Zarqawi 1993 zurück. Er denkt jetzt radikal und ist entschlossen, auch so zu handeln und seinen Beitrag zum Heiligen Krieg zu leisten. Mit Gleichgesinnten plant er Anschläge auf die israelische Grenze, auf Kinos und auf Geschäfte, die Alkohol verkaufen.

Die Gruppe fliegt auf, in Zarqawis Wohnung finden Ermittler Sprengstoff und Sturmgewehre. Er wird zu 15 Jahren Haft verurteilt - bis zum Jahr 2009.

IM GEFÄNGNIS fängt Zarqawi an, Geist und Körper zu trainieren. Er stemmt Gewichte, die er aus Bettleisten und mit Salz gefüllten Olivendosen bastelt. Gleichzeitig versucht er wie ein Besessener, alle 114 Suren des Korans auswendig zu lernen. Das sind insgesamt 6219 Verse. Zarqawi wird respektiert, er agiert auch als Sprecher der Häftlinge. Im Februar 1999 verfügt der neue König Abdullah II. eine Generalamnestie für politische Häftlinge. Zarqawi ist ein freier Mann. Und schmiedet sogleich Anschlagspläne.

Bei den Feiern zur Jahrtausendwende will er mit Hilfe ehemaliger Mitgefangener Touristen umbringen, vor allem Amerikaner und Israelis. Doch im Oktober 1999 haben jordanische Ermittler die kleine Terrorzelle bereits im Visier. Sie verhaften ein Dutzend Militante. Zarqawi entkommt.

Er reist nach Peshawar in Pakistan, dort leben viele Islamisten. Seine Frau und seine vier Kinder lässt er nachkommen.

Zeit hat er jedoch kaum für sie. Zarqawi will jetzt eine eigene Terrororganisation aufbauen.

In Afghanistan sind inzwischen die Taliban an der Macht. Osama bin Laden betreibt Ausbildungslager für Araber und schafft al Qaeda, sein tödliches Netzwerk.

Irgendwann im Jahr 2000 treffen sich Zarqawi und bin Laden. Ihr Hass gegen die Ungläubigen eint sie. Aber während Osama bin Laden die USA als Hauptfeind ansieht, hat es Zarqawi auf das jordanische Königshaus abgesehen. Er lehnt ab, mit seinen Leuten Teil des internationalen Netzwerkes von al Qaeda zu werden.

Stattdessen richtet der 33-Jährige sein eigenes Trainingscamp für jordanische Extremisten ein, im Westen Afghanistans nahe Herat und nicht weit von der iranischen Grenze. Der Name seiner Organisation:

"Al Tawhid wa Al Jihad", Einheit und Heiliger Krieg. Die eingeschleusten Freiwilligen versprechen Zarqawi totalen Gehorsam.

Ein palästinensischer Gefolgsmann aus Jordanien bietet ihm seine Tochter als Frau an: Im April 2001 heiratetZarqawi.

Seine zweite Frau ist 14.

ZARQAWIS NETZWERK wird immer dichter. Seine Gefolgsleute sitzen auch in Europa und warten dort auf seine Befehle.

Doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 spricht alles nur von Osama bin Laden und al Qaeda. Erst am 5. Februar 2003 hört die Welt erstmals von Abu Musab al-Zarqawi. Colin Powell, damals US-Außenminister, erklärt dem UN-Sicherheitsrat, Zarqawi gehöre zur "finsteren Verbindung" zwischen Irak und al Qaeda. In Deutschland wundern sich die Nachrichtendienste. Sie wissen, dass sich Zarqawi nicht im Irak, sondern im Iran aufhält. Sie haben Telefonate zwischen dem Jordanier und seinen Gefolgsleuten in Deutschland abgefangen und dabei auch von Anschlagsplänen auf die jüdische Gemeinde in Berlin erfahren.

Nach dem Sturz Saddam Husseins sickert Zarqawi allerdings tatsächlich mit Anhängern in den Irak ein und bombt sich in das Bewusstsein der Welt: Im August 2003 zerstört ein LKW, beladen mit Sprengstoff, das UN-Hauptquartier in Bagdad. Nur Tage später rast ein Wagen voller Sprengstoff in die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf. Am Steuer sitzt der Vater von Zarqawis zweiter Frau.

Osama bin Laden, der irgendwo im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan festsitzt, braucht den Jordanier als neue Führungsfigur für den Kampf gegen Amerika. Auf verschlungenen Pfaden korrespondieren die beiden Terroristenführer miteinander. Im Gegensatz zu Osama bin Laden hat Zarqawi noch keine Interviews gegeben. Trotzdem ist er ein Meister der PR. Seine Waffe: Videoclips im Internet.

Am 11. April 2004 stellt er seinen ersten Film ins Netz, Titel: "Die Helden von Falluja". Der Clip zeigt maskierte Männer, wie sie Sprengsätze am Straßenrand deponieren.

Als ein Geländewagen der Amerikaner vorbeifährt, wird die Bombe gezündet.

Zwei Wochen später, am 25. April, bekennt er sich im Internet auch zu einem Anschlag in der südirakischen Stadt Basra.

Der meistgesuchte Terrorist der Welt nutzt Websites als seine Bühne. Und seine Botschaft wird verstanden, seine Taten von den Anhängern goutiert. "Den habt ihr zu schnell geschnitten", ist in den Foren der Websites zu lesen. Die Islamisten wollen mehr. Mehr Tote, mehr blutige Videoclips: "Scheich Abu Mussab Zarqawi", fragt einer, "wann kommt der nächste?" DER NÄCHSTE KOMMT am Abend des 20. September 2004. Unterlegt von Kampfgesängen erscheint auf einer Website der Schriftzug "Al Tawhid wa Al Jihad", Zarqawis Terrornetzwerk. Dann folgt ein kurzer Text: "Die Mediensektion der Gruppe Al Tawhid wa Al Jihad präsentiert die Schlachtung der Geisel. Name: Eugene Armstrong. Nationalität: Amerikaner. Position:

Versorgung von Lagern der amerikanischen Armee mit Material." Es folgt ein Schnitt, dann sieht man fünf schwarz gekleidete Männer mit Gewehren und Gesichtsmasken vor einer Wand stehen. Der Mann in der Mitte hat breite Schultern - es ist Zarqawi. Eugene Armstrong sieht man auch, er kauert auf dem Boden. Vor zwei Tagen ist er in Bagdad gekidnappt worden. Man hat ihm die Augen verbunden und einen orangefarbenen Overall angezogen, wie auch die bereits ermordete Geisel Nicholas Berg ihn tragen musste. Armstrong ist Bauingenieur, 52 Jahre alt und stammt aus Michigan.

Sein Arbeitgeber im Irak ist die Firma GSCS Gulf.

Zarqawi verliest hinter ihm mit tiefer Stimme einen Text, mehr als sechs Minuten braucht er dafür. Armstrong wippt vor und zurück. Sein Atem geht schwer. Zarqawi schimpft über die USA und spricht ihren Präsidenten direkt an: "Bush, dein Tag wird kommen! Unsere Männer lieben den Tod, wie du das Leben liebst. Töten im Namen Allahs ist ihr größter Wunsch.

Deine Soldaten und ihre Helfer zu schnappen beschert ihnen die glücklichsten Momente ... Bush, wir geben dir 24 Stunden, um alle weiblichen muslimischen Gefangenen freizulassen." Wenn nicht, werde er weitere Geiseln töten. Dann hat Zarqawi ein Messer in der Hand, mit einer 25 Zentimeter langen Klinge. Er wendet sich seinem Opfer zu, hält dessen Kinn mit der linken Hand fest und trennt ihm dann konzentriert den Kopf ab. Man sieht den Schnitte, man sieht das Blut, man hört dieSchreie. Man sieht die komplette Hinrichtung des US-Bürgers Eugene Armstrong.

Das neue Enthauptungsvideo - noch detaillierter, noch grausamer - wird auch von Zarqawis Verwandten in Zarqa gesehen.

Der Familienrat tagt am Abend des 20. September. Diesmal gibt es keine Zweifel.

Sie haben den Mörder erkannt, es ist der Mann, mit dem sie Kindheit und Jugend verbracht hatten. Die Beduinensippe beschließt, seinen Namen nie mehr auszusprechen. Ihr Verwandter sei krank und verrückt. Zarqawi köpft drei Tage später vor laufender Kamera den britischen Ingenieur Kenneth Bigley. Seine neue Familie heißt nun al Qaeda.

OSAMA BIN LADEN hat ihn zum Emir der Terrororganisation für den Irak ernannt.

Der saudische Milliardärssohn hat die Bedeutung des Jordaniers für den Terrorismus im Irak begriffen. Der allerdings beschränkt seinen Kampf gar nicht mehr auf dieses Land.

Am 9. November 2005 explodieren in Amman, der jordanischen Hauptstadt, drei Sprengsätze in den Fünf-Sterne-Hotels Radisson SAS, Grand Hyatt und Days Inn. Sechzig Menschen sterben, mehr als hundert werden verletzt. Die Hälfte der Todesopfer gehören zu einer Hochzeitsgesellschaft.

Seine Familie reagiert erneut:

"Wir schließen Abu Musab al-Zarqawi aus, bis zum Jüngsten Tag." Und: "Wer so etwas tut, ist kein Jordanier." AM 18. DEZEMBER 2005 wird Zarqawi in Jordanien in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Doch dann heißt es plötzlich, Zarqawi sei bereits tot. Bei einem Gefecht in der nordirakischen Stadt Mosul soll er ums Leben gekommen sein. Aber die Geschichte erweist sich als Gerücht. Am 9. Januar dieses Jahres sprengen sich vor dem Innenministerium in Bagdad zwei Selbstmordattentäter in die Luft. 28 Menschen sterben. In Kirkuk wird ein Richter erschossen, der mehrfach an Terrorprozessen beteiligt war. Dann schickt Zarqawi dem arabischen Sender al Jazeera ein Tonband, kritisiert darauf die sunnitischen Parteien im Irak wegen ihrer Beteiligung an der Parlamentswahl.

Das Monster, es lebt.

Kasten:

FOTOGRAFEN UND AUTOREN OLIVER SCHRÖM, 42, gilt als einer der besten investigativen Journalisten Deutschlands. Für VIEW recherchierte der Buchautor ("Gefährliche Mission") das Leben des brutalsten Terroristen der Welt: Abu Musab al-Zarqawi. (Seite 42)

Kasten:

UND WAS MACHT OSAMA BIN LADEN?

DER NOCH IMMER BEKANNTESTE TERRORIST DER WELT versteckt sich nach Ansicht von US-Fahndern weiterhin in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan ist er auf der Flucht.

Im Dezember 2001 zerbombt die US-Armee seine Bergfestung Tora Bora.

EIN JAHR LANG hat der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 geschwiegen.

Am 19. Januar 2006 aber sendete der arabische Sender al Jazeera ein Tonband, auf dem der 48-Jährige den USA "einen lang dauernden Waffenstillstand" anbietet.

Bedingung: US-Militärs ziehen aus allen islamischen Ländern ab. Gleichzeitig kündigt er neue Anschläge an: "Diese Aktionen werden vorbereitet, und ihr werdet sie in euren Häusern sehen, sobald sie abgeschlossen sind." DIE CIA GLAUBT, dass die Stimme auf dem Band bin Laden gehört. Einen Waffenstillstand lehnen die USA ab. Sie wollen den Top-Terroristen fassen und verurteilen.

Bildunterschrift:

Eine der wenigen Aufnahmen, die den Terror-Chef Abu Musab al-Zarqawi zeigen, stammt aus einem Video von Anfang 2005

In Bagdads Straßen werden Zarqawis Morde öffentlich kritisiert. Auf dem Plakat, das den Terroristen als Reiter mit Schwert zeigt, steht: "Angehörige der Fitna". Das arabische Wort bedeutet "Zerfall der Glaubensgemeinschaft".

Auf dem rechten Poster ist Zarqawi als Zerstörer islamischer Werte abgebildet. Darunter steht groß: "Die Feinde des Glaubens"

Vor laufender Kamera enthaupten Abu Musab al-Zarqawi und seine Helfer am 20. September 2004 ihre Geisel, den Amerikaner Eugene Armstrong

Diese drei Zarqawi-Fotos aus verschiedenen Jahren haben nur dessen ernsten Blick gemeinsam. Unter dem Fahndungsbild vom Februar 2004 (links) steht auf Arabisch, dass es für Zarqawis Ergreifung fünf Millionen Dollar Belohnung gibt

OLIVER SCHRÖM

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