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Anabolika, Wachstumshormone, Insulin: Akten deuten Staatsdoping auch im Westen an

Einst eilten DDR-Sportler von Sieg zu Sieg. Dass der frühere Arbeiter- und Bauernstaat Staatsdoping betrieb, ist kaum zu bestreiten. Nun rütteln Aktenfunde massiv auch an der Unschuld des Westens.

Dopingforschung ist einem Medienbericht zufolge in den 70er-Jahren auch im Westen Deutschlands staatlich finanziert worden. Dies sei nun erstmals auch durch offizielle Schriftstücke zu belegen, berichten die "Main-Post" und die "Märkische Oderzeitung". Demnach habe das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) vor den Olympischen Spielen 1972 in München Versuche zur leistungsfördernden Wirkung von Anabolika in Freiburg bezuschusst. Das gehe aus Akten des Koblenzer Bundesarchivs hervor.

Zudem habe es auch mit Steuergeldern unterstützte Forschungen mit 15 Versuchspersonen zur Wirkung von Insulin und Wachstumshormonen gegeben. Das BISp äußerte sich auf DPA-Anfrage zunächst nicht zu dem Medienbericht. Das Institut ist dem Bundesinnenministerium (BMI) nachgeordnet. Das BMI war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Laut des Medienberichts genehmigte das BISp nach Prüfung eines Antrags aus dem Oktober 1971 finanzielle Mittel für weitere Forschung mit Anabolika in Freiburg. Genehmigt worden sei demnach die Summe von 139.200 D-Mark. Die Versuche seien im Jahr 1973 auf "maximal trainierte Gewichtheber der deutschen Spitzenklasse" ausgeweitet worden. Die Freiburger Ärzte wollten demnach feststellen, ob durch die Dopingsubstanz "eine weitere Förderung der Kraft noch möglich ist".

Abschlussbericht unter Verschluss

Um die Aufarbeitung der westdeutschen Doping-Geschichte gibt es seit Jahren Streit. Eine Forschergruppe der Berliner Humboldt Universität hatte in einer vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiierten Studie bereits festgestellt, dass es "staatlich subventionierte Anabolika-Forschungen" gegeben habe. Diese seien nach 1970 in Freiburg beim umstrittenen Sportmediziner Joseph Keul "konzentriert" worden. Der Abschlussbericht der Forscher ist bislang jedoch nicht veröffentlicht, das BISp und der DOSB nannten Datenschutzbedenken als Grund.

"Ich habe die Studie 2008 initiiert, damit die Doping-Vergangenheit auch im westdeutschen Sport aufgearbeitet wird. Wir werden die Ergebnisse der Studie 'Doping in Deutschland' intensiv analysieren und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach am Montag.

In der Studie "Doping in Deutschland 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" hatten sich die Forscher auf interne handschriftliche Notizen aus dem BISp gestützt. Zudem lagen ihnen Zeitzeugenberichte vor. Die nun angeblich im Koblenzer Bundesarchiv aufgetauchten Akten wären die ersten offiziellen Dokumente zur staatlichen Dopingförderung in den 70-er Jahren.

Auch in Freiburg stockt die Aufklärung

Auch an der Uni Freiburg stockte die Aufklärung der Doping-Vorgänge zuletzt. Letizia Paoli, Leiterin einer Untersuchungskommission, hatte im Februar beklagt, einen manipulierten Arbeitsauftrag erhalten zu haben und bei den Nachforschungen behindert worden zu sein. Die Uni-Spitze bestritt dies. Auch hier liegt noch kein Abschlussbericht der Gutachter vor.

kng/DPA / DPA

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