Aaron Rodgers hatte sich für den hochspannenden Schlussakt im kalten Pittsburgh mit einer Wollmütze an der Seitenlinie präpariert und wusste nach dem Coup gar nicht, wie ihm geschah. Der alternde Star wurde nach dem überraschenden und viel umjubelten Last-Minute-Einzug der Pittsburgh Steelers in die Playoffs der National Football League von Mitspielern und Fans gefeiert.
Schließlich hatte der 42 Jahre alte Quarterback beim 26:24 gegen die Baltimore Ravens noch einmal gezeigt, dass in seinem rechten Wurfarm immer noch Magisches steckt. 55 Sekunden vor Schluss spielte Rodgers den spielentscheidenden Pass über 26 Yards zum Touchdown von Calvin Austin. "Von einem alten Kerl mit grauen Haaren im Bart erwarten sie genau solche Spielzüge. Und es ist schön, in solchen Momenten abzuliefern", sagte Rodgers.
Die späte Heldentat wäre aber nichts wert gewesen, hätte Ravens-Kicker Tyler Loop nicht zwei Sekunden vor dem Ende ein Field Goal vergeben. Rodgers erlebte die entscheidende Szene am Spielfeldrand. Damit treffen die Steelers am kommenden Montag (Ortszeit) in der ersten K.o.-Runde auf die Houston Texans. Für den viermaligen MVP ist es nach drei leidvollen Jahren die erste Playoff-Teilnahme.
Spätes Glück in Pittsburgh
Dabei schien die ruhmreiche Karriere von Rodgers wenig spektakulär zu Ende zu gehen. Nach seinen Glanzzeiten bei den Green Bay Packers, mit denen er 2010 den Super Bowl gewann, waren die vergangenen beiden Spielzeiten bei den New York Jets eine einzige Enttäuschung. 2023 verletzte er sich im ersten Spiel schwer an der Achillessehne und fiel die ganze Saison aus, ein Jahr später gewann Rodgers mit den Jets nur fünf Spiele und verpasste klar die Playoffs. Schließlich versuchte der Altstar noch einmal sein Glück bei den Steelers, die seit 2017 auf einen Sieg in den Playoff-Spielen warten.
Diese Negativserie soll nun enden - mit Rodgers. "Das war unsere Vision im Frühjahr, als wir ihn umwarben. Ein Mann mit so einem Lebenslauf. Er ist nicht nur fähig, er blüht in solchen Situationen richtig auf", lobte Chefcoach Mike Tomlin. Ausgerechnet im entscheidenden Spiel gegen die Ravens warf Rodgers seine Saison-Bestleistung von 294 Yards.
Vertrag läuft aus - wie geht es weiter?
Eigentlich zu gut, um aufzuhören. Das war zumindest Rodgers' Plan. Nach seiner Unterschrift unter einen Einjahresvertrag im Juni hatte er angekündigt, dass es "ziemlich sicher" sein letztes Jahr sei. Das hört sich inzwischen anders an. "Wann immer die Saison zu Ende ist, werde ich ein Free Agent sein. Das eröffnet mir viele Möglichkeiten, falls ich weiterspielen möchte", sagte Rodgers unlängst und fügte hinzu: "Na ja, vielleicht nicht viele, aber es wird welche geben, denke ich. Vielleicht ein oder zwei."
Der Mann aus Kalifornien ist weitgehend verletzungsfrei durch die Saison gekommen. Der Bruch seines Handgelenks an der linken Hand, mit der er nicht wirft, zwang ihn zu einer Pause gegen Chicago, war aber ansonsten kein großes Handicap. Er fühle sich in gewisser Weise wie die fiktive Film-Figur Benjamin Button, die rückwärts altert, scherzte der Quarterback zuletzt. Rodgers warf in dieser Saison 3.322 Yards an Pässen und war somit an 24 Touchdowns beteiligt, was eine ordentliche Leistung ist.
Pittsburghs Wide Receiver Marquez Valdes-Scantling, der bereits von 2018 bis 2021 vier Jahre lang mit Rodgers in Green Bay spielte, sieht das Karriereende bei seinem Kollegen jedenfalls noch nicht gekommen. "Er kann Football spielen, bis er 50 ist. Definitiv! Den Ball werfen? Das wird er noch können", sagte der elf Jahre jüngere Mitspieler.
Ruf nach Corona-Skandal wieder aufpoliert
Rodgers wird wieder bewundert und verehrt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Vor allem nach der Sache mit der Corona-Impfung im Herbst 2021, als sein Ruf schweren Schaden genommen hatte. Damals war herausgekommen, dass Rodgers gar nicht geimpft war, nachdem er einige Wochen zuvor Gegenteiliges behauptet hatte. Die Entrüstung war jedenfalls groß.
In Pittsburgh ist dies kein Thema mehr. So ist der Altstar glücklich über seinen womöglich letzten Karriereschritt. "Hätte ich diesen Weg nicht eingeschlagen, hätte ich nie so viele Jungs in der Kabine kennengelernt, die ich heute enge Freunde nenne. Ich habe das Gefühl, dass in meinem Leben eine kleine Lücke fehlt, wenn ich dieses Kapitel nicht erlebt hätte." Ein Kapitel, dass in den Playoffs weitergeht - und womöglich auch noch etwas länger.