Meinung
Das Ende der Romantik – warum der FC Bayern scheitern musste

Entzaubert: FC Bayern Flügelspieler Michael Olise blieb gegen Paris blass
Entzaubert: FC-Bayern-Flügelspieler Michael Olise blieb gegen Paris spielerisch blass
© Tom Weller / Picture Alliance

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Der FC Bayern benötigt Pathos, Hitze und Schlachtenlärm, um seinen besten Fußball zu spielen. Paris entzog der Partie all dies – und zeigte den Münchenern, was ihnen noch fehlt.

In der vierten Minute der Nachspielzeit verdichtete sich noch einmal alles, was den FC Bayern in dieser Champions League-Saison so unwiderstehlich gemacht hatte: Wucht und Wille, Eleganz natürlich auch, denn es war Harry Kane, der den Ball am Fuß führte. Sein Tor zum 1:1 gegen Paris ließ die Bayern wieder zu jener Mannschaft werden, die das große Real Madrid niedergerungen hatte im Viertelfinale und die dieses sagenhafte 4:5 gegen Paris auf den Platz gezaubert hatte eine Woche zuvor. 

Das Problem: Kanes Treffer kam zu spät. Die Münchener fanden erst zu sich, als die Partie fast zu Ende war. Nur eine halbe Minute nach dem Ausgleich pfiff Schiedsrichter Joao Pinheiro das Spiel ab.

Der FC Bayern ist ausgeschieden, und in München müssen sie sich fragen, warum gerade sie, die doch in dieser Saison gefeiert und besungen wurden als beste Mannschaft des Kontinents, nicht dabei sind, wenn am 30. Mai in Budapest das Finale der Champions League steigt. 

Der FC Bayern zahlt einen hohen Preis für sein mutiges Spiel

Die Frage, die das Scheitern gegen Paris aufwirft, lautet: Ist das Spiel der Bayern allzu romantisch angelegt? Ist es lediglich eine Liebeserklärung an den Offensivfußball, zwar schön anzusehen, aber nicht tauglich, um damit einen großen europäischen Titel zu gewinnen? 

Auf der Suche nach einer Antwort müssen die Bayern noch nicht einmal auf sich selbst schauen. Es genügt, die Spielweise von PSG in den Blick zu nehmen. Paris beherrscht nämlich beides: leidenschaftlichen Angriffsfußball und kühles, ergebnisorientiertes Defensivspiel. 

Die Bayern hingegen haben zuletzt viele Schlachten geboten, die man hätte in Öl malen können. Das war sogar gegen kleinere Vereine wie Freiburg, Mainz oder Heidenheim der Fall. Stets lag man zurück, um sich dann heroisch aufzubäumen und das Spiel zu drehen. Wer diese Partien gesehen hat und nicht nur die Schwergewichtskämpfe gegen Real und Paris, der gewann den Eindruck, dass das Spiel der Bayern zwingend Hitze braucht. Es muss dampfen, stauben und nach Schießpulver riechen, sonst kommen die Bayern nicht in Wallung.

Was aber, wenn der Gegner einen solchen Fight verweigert? Wenn er, wie PSG-Torwart Matvei Safonov am Mittwochabend, den Ball in Serie auf die Haupttribüne drischt? Wenn er bloß zerstören und nichts beitragen will zu einem schönen Spiel?

Kompany zu strittiger Szene
Kompany befragt Presse zu strittiger Szene: "Haben Sie andere Bilder gesehen?"
© n-tv.de
Kompany über strittige Szene: „Haben Sie andere Bilder gesehen?“
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Im Mittelfeld klafft ein großes Loch

Dann sind die Bayern ohne Idee. Dann sind sie verwundbar, und es ist kein Zufall, dass die Münchener auch gegen Arsenal London verloren zu Beginn der laufenden Champions League-Saison. Gegen jenes straff organisierte Arsenal, das gerade ins Finale von Budapest eingezogen ist mit einem minimalistischen 1:0 gegen Atletico Madrid. 

Bayern-Trainer Vincent Kompany weiß seit Mittwochabend auch, dass sein Spiel dekodiert worden ist. PSG hat der Fußballwelt gezeigt, wie diese Bayern zu zähmen sind. Die Erkenntnis lautet: Wer ihre Flügelspieler kontrolliert, kontrolliert das Spiel. Michael Olise und Luis Díaz, noch im Hinspiel Bayerns Beste, wurden von der Pariser Defensive kaltgestellt. Zugleich war das Münchener Zentrum verwaist: Serge Gnabry ist verletzt, Jamal Musiala auf der Suche nach der alten Form und Lennart Karl noch zu jung für große Aufgaben. Das Loch im Mittelfeld, es ist derzeit zu groß, um einen europäischen Titel zu gewinnen. 

Die Bayern werden dafür eine Lösung finden – und sei es, wie so oft, mit einem Transfer. Schwierig ist dagegen die emotionale Arbeit, die Vincent Kompany jetzt leisten muss. Er muss seine Mannschaft umerziehen, gegen ihre Natur und so, wie sie gar nicht sein will. Ein bisschen rationaler, selbstkontrollierter und auch: leidenschaftsloser.

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