Nach Spielende, als alles vorbei war, als der FC Bayern ausgeschieden war aus der Champions League, musste die Enttäuschung raus. In der ersten Emotion, mit Tränen in den Augen, konzentrierte sich die Wut der Münchner nach dem 1:1 gegen Paris Saint-Germain auf eine Person: auf Schiedsrichter João Pinheiro.
Direkt nach Abpfiff stapfte Vize-Kapitän Joshua Kimmich voller Adrenalin auf den Portugiesen zu, zeterte und schimpfte wegen der aus seiner Sicht zu kurzen Nachspielzeit – dafür sah er die Gelbe Karte. Auch Trainer Vincent Kompany suchte das Gespräch mit Pinheiro, wollte eine Erklärung. Für die beiden großen Aufreger des Spiels, die zwei Szenen, als jeweils eine Hand eines PSG-Spielers die Hauptrolle spielte. Hätte es eine Gelb-Rote Karte für Außenverteidiger Nuno Mendes und einen Handelfmeter gegeben, würde man bei den Münchnern nun vielleicht um die Vergabe der Eintrittskarten für das Champions-League-Endspiel am 30. Mai in Budapest diskutieren. Der Traum vom Finale platzte ebenso wie der vom möglichen Triple. Aus und vorbei.
Das Ausgleichstor von Harry Kane in der Nachspielzeit kam, so Kompany, „vielleicht fünf Minuten zu spät“. Paris St. Germain hätte das Rückspiel nach der frühen Führung durch Khvicha Kvaratskhelia höher gewinnen können, was allein Torhüter Manuel Neuer durch einige Top-Paraden verhinderte. Die geschlagenen und frustrierten Bayern gingen auch angesichts des furiosen 5:4 für PSG im Hinspiel als Verlierer vom Platz der Allianz Arena. Aber nicht als schlechte Verlierer. Was an der Selbsterkenntnis von Trainer Kompany und seinem Kapitän lag, dass PSG besser, weil reifer und konsequenter war. „Wir waren heute keine Killer“, bemängelte Kapitän Neuer, „richtig krasse Chancen hatten wir nicht oft. Wir waren dennoch dem Finale nahe.“ Mehr aber auch nicht.
Angenehm ruhig und analytisch gratulierte Kompany PSG fair zum Finaleinzug gegen den FC Arsenal – und das nach dem „wahrscheinlich wichtigsten Spiel meiner Trainerkarriere“. Doch die Szenen des Halbfinal-Rückspiels, die die Bayern in der Hitze des Gefechts an der Seitenlinie zur Weißglut brachten, die wird Kompany noch lange in sich tragen. Und selbst irgendwann im Juni, wenn er dann Urlaub hat, nicht aus dem Kopf bekommen.
Bayern München wollte einen Handelfmeter
Aufreger-Szene Nummer eins geschah in der 29. Minute: Der bereits mit einer Gelben Karte vorbelastete Nuno Mendes bekommt den Ball an den ausgestreckten Arm, verhindert damit, dass Gegenspieler Konrad Laimer weiter Richtung Strafraum laufen kann. Die Bayern-Bank wie das Publikum sind entsetzt, dass es anstatt Gelb-Rot für Mendes einen Freistoß für PSG gibt. Auf Anraten des Vierten Offiziellen. Nach Ansicht der Bilder eine Fehlentscheidung. Denn Laimer spielt den Ball nur mit Bauch und Oberschenkel, sagte: „Ich will den Ball vorbeilegen und er spielt ihn klar mit der Hand weg – wahrscheinlich eine klare Gelbe Karte. Der Schiedsrichter pfeift fünf Sekunden später mein Handspiel, das kam mir komisch vor im Spiel.“
Nach 30 Minuten PSG nur noch zu zehnt – wohl spielentscheidend. Bayerns Sportvorstand Max Eberl sah es als einen Fakt an: „Dann geht das Spiel anders aus.“ Ex-Bayern-Profi Michael Ballack meinte zu dieser Szene bei DAZN: „Das ist eine spielentscheidende Situation. Es ist das erste Mal, dass der Vierte Offizielle in so eine Szene eingreift. Ich hatte das Gefühl, sie wollten die Gelb-Rote-Karte nicht geben. Das sage ich ganz offen. Man sucht ja manchmal nach Situationen, um ein Spiel nicht in eine Bahn zu lenken. Ich will ihm nichts unterstellen, aber die Situation hat es nicht hergegeben, diese Entscheidung so zu fällen.“
Aufreger-Szene Nummer zwei passierte zwei Minuten darauf. Als PSG-Mittelfeldspieler Vitinha den Ball aus dem eigenen Strafraum schlägt, schießt er seinen Mitspieler Joao Neves an, der mit abgespreiztem Arm den Ball blockt. Wieder gehen die Münchner emotional aus dem Sattel, fordern nun Elfmeter. Doch Schiedsrichter Pinheiro lässt weiterspielen, der VAR greift nicht ein. Korrekt, wenn man in die Regelauslegung des IFAB, des internationalen, unabhängigen Gremiums für Fußballregeln, schaut. Dort heißt es: Wenn der Ball vom eigenen Spieler kommt und nicht auf das Tor kommt, handele es sich nicht um einen Elfmeter.
Die Szene schmerzt die Bayern-Seele dennoch doppelt, da man beim 4:5 im Hinspiel in Paris einen Elfmeterpfiff schlucken musste, als Bayerns Außenverteidiger Alphonso Davies den Ball an den Oberschenkel bekam und dieser von dort an den Arm sprang. Daraus fiel das 3:2 für PSG.
War der 38-jährige Pinheiro, der Schiedsrichter des Rückspiels, zu unerfahren? Die Partie in München war erst sein 15. Einsatz in der Königsklasse, ein Highlight wie dieses der Kategorie Halbfinale war ihm noch nicht vergönnt. Darauf spielte auch Bayerns Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen an, als er kurz vor Mitternacht sagte: „Es ist mindestens erstaunlich, dass ein Schiedsrichter mit nur 15 Champions-League-Einsätzen so ein Spiel leiten darf. Und das erklärt dann vielleicht auch so manchen Pfiff.“
Aber unterm Strich nicht allein die Gründe für das Aus der Bayern, die noch nicht reif genug für diese Gewinner-Truppe von PSG waren. Die Bundesliga haben die Münchner überlegen dominiert. Am 23. Mai in Berlin können sie mit dem Gewinn des DFB-Pokals gegen den VfB Stuttgart aus dem Meistertitel noch das Double machen – ein Trostpflaster. Und nächste Saison?
Ist diese Mannschaft, angeführt von Erfolgscoach Vincent Kompany, nicht bald überreif? Die Führungsspieler kommen in ein betagtes Alter. Kapitän Neuer (40), der wohl noch eine weitere Saison dranhängt, Kane (32), Kimmich (31), Jonathan Tah (30), der verletzt ausgefallene Serge Gnabry (30) – sie alle werden nicht jünger. Auf der anderen Seite haben sich junge Hoffnungsträger in den Mittelpunkt gespielt, stehen für die Zukunft: Aleksandar Pavlović (22), Jonas Urbig (22), Tom Bischof (20) und vor allem die Saison-Entdeckung, Teenager Lennart Karl (18). Auch Jamal Musiala, schon recht erfahren, ist erst 23.
Bleiben sie hungrig, könnten sie gemeinsam mit Kompany den nächsten Entwicklungsschritt machen. „Ich habe die Hoffnung, dass wir es nächstes Jahr besser machen können“, sagte der Bayern-Trainer, der versicherte: „Ich kann nicht lange enttäuscht sein. Ich bin jetzt schon motiviert. Es kommt wieder ein Moment, es kommt wieder eine Möglichkeit. Und dann hoffe ich, dass einige der engen Schiedsrichter-Entscheidungen zu unseren Gunsten ausfallen werden."