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Diskussion um Polizeigewalt: "Als Fußballfan hat man seine Grundrechte verwirkt"

Eine Anhängerin des 1. FC Köln berichtet, wie die Polizei friedliche Fans schikaniert. Die Polizei dagegen spricht von aggressiven Übergriffen auf Beamte. Fest steht: So macht Fußball keinen Spaß.

Von Daniel Bakir

Wer wissen will, was ein ganz normaler Fußballfan auf einer Auswärtsfahrt erleben muss, der sollte sich den Augenzeugenbericht von Zarah Peters durchlesen. Peters ist Anhängerin des 1. FC Köln und war am Wochenende beim Spiel in Karlsruhe. In ihrem Bericht beschreibt die Journalistin, wie sie schon bei der Ankunft am Karlsruher Hauptbahnhof in einen Polizeikessel gerät. Wie sie miterleben muss, dass 60 Kölner Fans vom Bahnhof nicht zum Stadion, sondern direkt in die Polizeizelle gefahren werden. Wie ihr Polizisten auf der Rückfahrt beim Zwischenhalt in Mainz verbieten, den Bahnhof für einen kleinen Snack zu verlassen, weil sich die Wege mit Mainzer Fans kreuzen könnten. Wie der Zug mitten auf der Strecke für vier Stunden stehen bleibt - ohne Ersatzbus, Taxen oder Toiletten -, weil die Polizei Personalien von Störern überprüfen will. Wie sie Anhängern begegnet, deren Augen vom Pfefferspray verquollen sind und wie man ihr berichtet, dass andere verprügelt und abgeführt wurden. Zarah Peters schreibt: "Als Fußballfan, der auf Auswärtsspiele fährt, ist man nur ein Mensch zweiter Klasse. Durch pure Anwesenheit hat man seine Grundrechte verwirkt und die Polizei darf alles. Ich fühle mich ohnmächtig und der Willkür der Beamten schutzlos ausgeliefert." Weitere Augenzeugen melden ebenfalls Übergriffe der Polizei. Unter Peters' Blogeintrag berichten auch Fans anderer Vereine von Willkür und Polizeigewalt bei Fußballspielen.

Wer wissen will, was Polizisten an einem ganz normalen Fußballsamstag erleben, der muss sich den Bericht der Karlsruher Polizei und der Bundespolizei anhören. Dann erfährt man, dass die Polizei zunächst die Karlsruher Hardcore-Fans daran hindern muss, den Bahnhof zu stürmen, an dem die Kölner ankommen. Dass einige Kölner Shuttle-Busse demoliert haben sollen und 28 Personen in Gewahrsam genommen werden. Dass sich 300 Fans vor dem Stadion mit den Festgenommenen solidarisieren, von denen einige Flaschen auf die Beamten werfen. Dass nach dem Spiel ein Gästefan von einer Gruppe schwarz Vermummter schwer verletzt wurde. Dass sich die Stimmung in einem Waggon des Sonderzuges so hochschaukelt, dass Beamte mit Schlägen und Tritten angegriffen werden, woraufhin der Zug gestoppt und 77 Personalien aufgenommen werden. Ein Sprecher der Karlsruher Polizei sagt: "Leider sehen viele das Fußball-Wochenende als Ventil. Das ist ein unschönes Phänomen, das es nicht nur in Karlsruhe oder Köln gibt. Wir haben hier ein gesellschaftliches Problem, mit dem die Polizei nicht alleine fertig werden kann."

Die Bilanz der Karlsruher Polizei: 26 Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung, Diebstahl, Landfriedensbruch, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Bundespolizei wertet derzeit die Videoaufnahmen aus dem Zug aus, um über weitere Strafanzeigen zu entscheiden. Sollte es Verstöße der Beamten gegeben haben, sollen die ebenfalls geahndet werden, heißt es.

Am kommenden Fußball-Wochenende haben die Ligen erstmal Pause - die Nationalelf spielt. Zeit für alle Beteiligten, sich zu hinterfragen, ob es so weitergehen kann.

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