"Hamiltonmania" Wunderkind hinter Gittern


Ausnahmezustand für einen Ausnahme-Rennfahrer, ach was, für eine ganze PS-Nation: Beim Großen Preis von Großbritannien startet Lewis Hamilton zum ersten Mal zu einem Formel-1-Heimspiel. Man weiß nicht, was größer ist - die Begeisterung oder der Druck.
Von Elmar Brümmer, Silverstone

Von Spionen lässt sich Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone sein Geschäft nicht kaputt machen. Egal, was bei der Affäre um Ferrari und McLaren-Mercedes herauskommt - die Fahrer haben nichts zu befürchten: "Er hat doch nur ein Auto, steigt ein, weiß nichts davon." Kollektives Aufatmen auf der Insel, der Skandal um den Transfer vom Ferrari-Techniker Nigel Stepney zu McLaren-Designchef Mike Coughlan platzte unmittelbar vor der großen Party von Silverstone.

Damit hat Hamilton automatisch einen Nebenjob bekommen - er soll auf der Strecke die Ehre der britischen Renn-Gemeinde wiederherstellen. Hamilton sagt unbeeindruckt: "Ich war zu beschäftigt, um mich um die Angelegenheit zu kümmern."

Zurück zu den Wurzeln

Zum Auftakt seines heißen Renn-Wochenendes durfte er zurück zu seinen Wurzeln, auf die Kartbahn von Milton Keynes, wo die Nachwuchsserie "Stars von morgen" fährt - in der er selbst vor elf Jahren fuhr. Auf alle Fragen war Lewis Hamilton anschließend gefasst, auf das, was ihm der Fernsehreporter zwischendurch an den Kopf warf, allerdings nicht: Einen gefalteten Union Jack.

Während des Interviews umklammerte er die Flagge Großbritanniens in der Hand. Erst als keine Fragen mehr kamen, sondern nur noch die immer lauter gebrüllten Aufforderungen der Kameraleute "Lewis, hiss' die Fahne!", tat der Shooting Star der Formel 1 auch seine Schuldigkeit dem Vaterland gegenüber: Er drapierte das blau-weiß-rote Tuch um seine Schulter. Als wenn es nicht genügen würde, dass er die ersten acht Formel-1-Rennen seines Lebens allesamt auf dem Podium beendet hat und souveräner WM-Tabellenführer ist. Er hat gefälligst auch Nationalheld zu sein.

Der Rummel um Hamilton geht erst los

Der Mann mit den zwei Charakteren - charming außerhalb des Cockpits, schamlos hinterm Lenkrad - absolviert auch den Auftakt zum Großen Preis von Großbritannien mit professioneller Routine. Für einen Moment kehrte er zurück auf das Terrain, auf dem alles begann - eine Kartbahn. Dort durfte er die schwarz-weiß karierte Flagge für das Rennen der "Stars von morgen " schwenken.

Der Hype um Hamilton fängt aber jetzt erst so richtig an. Die selbst ernannte "Heimat des Motorsports" ist seit elf Jahren ohne Weltmeister, seit dem Jahr 2000 hat kein Insulaner mehr das Prestigerennen in Silverstone gewonnen. Hamilton erfüllt das Sehnsuchtsgefühl der 120.000 erwarteten Zuschauer: "Wir sind wieder wer..." Na endlich! Auch Großvater Davidson Hamilton wird erstmals den Enkel in einem Rennwagen erleben.

Ein Star unter Stars

Die Hamilton-Maschinerie läuft auf Hochtouren. Er darf sich jetzt mit den Musikern, die er bis vor ein paar Monaten nur von seinem iPod kannte, in einer Limousine lümmeln - P. Diddy, Natasha Bedingfield, Nick Mason. Der 22-Jährige macht auf der Bühne des Showgeschäfts eine ebenso gute Figur wie auf dem Podium für die Siegerehrung. In scheinbar allem, was Hamilton tut oder lässt, wirkt er außergewöhnlich gefestigt. Gut, dass er aus seinem Apartment im Londoner Norden ausgezogen ist und jetzt hinter Gittern lebt - in einer eingezäunten Wohnanlage nahe der Rennfabrik von McLaren-Mercedes.

Höflich spricht er von "einer neuen Erfahrung, die Aufmerksamkeit zu kontrollieren." Das klingt sehr abstrakt, aber genauso denkt das Wunderkind der Formel 1: "Meine Welt wurde in den letzten Monaten komplett auf den Kopf gestellt. Aber an meiner eigenen Sichtweise hat sich nichts verändert." Er kann sich einfach unheimlich schnell anpassen - auf und neben der Strecke.

Stressige Zeiten

Sonst hätte er vor seinem vielleicht schwersten Grand Prix - der Druck der Öffentlichkeit, die Sorge, den ersten Fehler in der Formel 1 machen zu können - überhaupt keine Ruhe. Der Andrang ist so groß, dass das Team McLaren-Mercedes am Donnerstag gleich drei verschiedene Gesprächsrunden mit Journalisten ansetzen musste, um dem Andrang Herr zu werden - exklusiv gibt es ihn schon lange nicht mehr.

Von Boulevardzeitungen hält sich Hamilton zwar fern, umgekehrt gilt das allerdings keinesfalls. Diese Woche hatten die Mutter ("Ich gab ihn frei, damit sein Vater einen Star aus ihm machen konnte"), der Fahrlehrer ("Vier Stunden bis zur Prüfung") und eine ganze Klasse ehemaliger Mitschüler ("Er konnte sich immer so gut ausdrücken") ihre groß gedruckten Auftritte. Das Zwischenmenschliche der intimeren Art ist inzwischen ebenfalls abgecheckt. Eine Schulkameradin berichtete Details vom Rücksitz eines Mini Coopers. Lewis Hamilton und die Engländer: Eine echte Love-Story.


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