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Abschied: Österreich trauert um den "Kuh-Grand-Prix"

Ein ganzes Land trauert, Zeitungen lichten Formel 1-Boss Bernie Ecclestone im Anzug, aber mit Stinkefinger ab und im TV gibt es humoristische Rückblicke: Spielberg wurde vom Rennkalender gestrichen.

Das österreichische Magazin "News" lichtete Formel 1-Boss Bernie Ecclestone im Anzug, aber mit Stinkefinger ab. Im Rundfunk (ORF) gibt es humoristische oder Ernst gemeinte Beiträge über "Männer, Mädchen und Motoren". Alle Zeitungen bringen seit Wochen sentimentale Rückschauen über das 25-jährige Jubiläum des Grand Prix in der Steiermark. Kein Zweifel - das Land liegt im Rennfieber. Und doch: "Jetzt ist hier Schluss mit lustig, weil Big Bernie, der absolutistische Formel 1-Regent, es so will", klagten die "Salzburger Nachrichten" am Wochenende.

Fast schon Nationalstolz

Und dabei war man so stolz, das sportliche Spektakel seit 1997 wieder auf dem früheren "Österreich-Ring" und heutigen "A 1-Ring" beherbergen zu können. Die Politik hatte sich dafür stark gemacht und den Ring für 30 Millionen Euro generalsaniert. Weitere 20 Millionen wurden zur Instandhaltung aufgebracht. Dafür pilgerten die Spitzenpolitiker im Dutzend nach Spielberg, um sich im Glanz der Rennfahrer zu sonnen.

"Kuh-Grand-Prix" als Auszeichnung

Werbemanager, Tourismusgewaltige und Medien hämmerten der Öffentlichkeit ein, dass damit in Österreich etwas weltweit unverwechselbares geschaffen wurde. Nur hier traten die Offiziellen im Janker und mit Lodenhut als "Uniform" auf. Die Fahrer wurden zum Start geleitet von "Grid-Girls in Dirndln geschnürt". "Blühende Bäume, liebliche Landschaft, schneebedeckte Berge, dazu vor dem Start noch die Sängerknaben", frohlockte auch die "Kronenzeitung" an diesem Wochenende. Und die Charakterisierung als "Kuh-Grand-Prix" galt nicht als Abwertung, sondern als Ehren- und Markenzeichen.

Nicht mehr wegzudenken

"Haben wir nicht die Fakten und Quoten geboten, auf allen Gully-Seiten der Trottoir-Presse die Nackten und die Zoten geliefert?", fragte augenzwinkernd das Magazin "Profil" über die selige "Formel einst". "Auch jene, die sich unter dreihundert Pferdestärken lange nur eine Leberkäs-Orgie hunnischen Ausmaßes vorstellen konnten, sind dem blanken Entsetzen schutzlos preisgegeben."

Ecclestone setzt auf neue Märkte

Die Schuldigen sind schnell gefunden. Die Politiker hätten die Angelegenheit verschlafen, so viele Kritiker. Die nationale Motorsportlegende Niki Lauda sieht das nüchterner. Ecclestone habe die Golfregion und China als Hoffnungsmarkt entdeckt, daher sei die Streichung von Spielberg aus dem Rennkalender nur logisch. Andere Insider behaupten, der Formel 1-Zampano habe die Republik Österreich über den Tisch gezogen. "Spielberg Ade. Hat Ecclestone nur abgezockt?", fragte "News".

Neue Pläne für A 1-Ring

Nun wird Spielberg also vom "Red-Bull"-Erfinder Dietrich Mateschitz übernommen, der hier die sagenhafte Summe von bis zu 300 Millionen Euro investieren will: In die Rennstrecke mit drei eigenständigen Kursen, eine Fachhochschule für Aeronautik, ein Motorsportzentrum sowie in die Hotellerie und Gastronomie. Betriebswirtschaftlich sei die Formel 1 in der Steiermark immer ein Verlustgeschäft mit einem Minus von bis zu acht Millionen Euro bei Regenwetter gewesen, trauert der neue Ring-Herr dem Formel 1-Auftrieb keine Träne nach.

Ein guter Werbeträger weniger

Doch die Touristiker verlieren einen unbezahlbaren Werbeträger, der weder durch das Neujahrskonzert in Wien noch immer neue Werbeanzeigen zu ersetzen ist. Trotzdem keimt in all der Trauer auch wieder Hoffnung auf. Ob Shanghai wegen der Lungenkrankheit SARS wirklich ein Erfolg wird? Ob die neue Formel 1-Strecke in Bahrain tatsächlich genug Zuschauer findet? "Vielleicht wird die Formel 1 und/oder ihre drohende Konkurrenzserie der Autohersteller eines Tages froh sein, im futuristischen Motor-Eldorado Spielberg noch auftreten zu dürfen", stimmen die "Salzburger Nachrichten" schon Zukunftsmusik an. Und selbst Ecclestone machte wieder Hoffnung: "Keine Sorge, wir kommen zurück", sagte er der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

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