Felipe Massa Milchgesicht im roten Renner


Er sieht aus wie ein Schuljunge, dem jemand sein BMX-Rad gestohlen hat: Felipe Massa hat bei Ferrari die Nachfolge von Rubens Barrichello als Schumis Wasserträger angetreten.
Von Markus Götting, Madonna di Campiglio

Convention Center, das klingt ja schon so, als würde hier etwas ganz Wichtiges passieren. Und dann sitzt da ein Junge namens Felipe Massa auf dem Podium, hinter sich eine rote Wand mit ganz vielen Sponsoren drauf, die in jedem Fall wichtig sind, und jetzt das Auditorium: also sagenhafter Besuch. Massa ist ein bescheidener Bursche, er blickt ein wenig schüchtern unter seiner roten Schirmmütze hervor, und es fällt schwer, so einen Ernst zu nehmen, der aussieht, als würde man ihn an der Kinokasse noch nach dem Ausweis fragen.

Es ist ein sonniger Tag in Madonna di Campiglio, und die Ferrari-Familie trifft sich wie jedes Jahr zu ihrer als Saisonauftakt getarnten Skifreizeit. Mittendrin und zunächst einmal center of attraction: Felipe Massa, 24, bislang ja eher in der Peripherie der Formel 1 beschäftigt. Er macht selbst den Eindruck, als erschiene ihm das alles irgendwie irreal: seine Promotion vom kreuzbraven Sauber-Team aus der Schweiz direkt zum rasenden italienischen Mythos. Und der soll also dem lahmenden Pferdchen wieder auf die Sprünge helfen? Zumindest soll er Michael Schumacher dabei assistieren. Weil: Der wird auch sauer, wenn’s nicht bald mal wieder rollt.

"Vielleicht auch mal ein Rennen gewinnen"

Früher saß Rubens Barrichello, ebenfalls Brasilianer, an Massas Stelle; und im Laufe von sechs Jahren wirkte der mindestens genauso verzweifelt wie Saddams legendärer Chemical Ali. Jahr für Jahr sprach Barrichello davon, dass er es Schumacher jetzt aber mal richtig besorgen werde auf der Piste, und von wegen Nummer zwei im Team und überhaupt. Aber wenn man mal Bilanz zieht, dann hat er gerade mal neun Rennen gewonnen bei Ferrari. Das darf man sogar Massa zutrauen.

Einstweilen sagt Massa feine Sätze auf wie: "Ich habe die volle Unterstützung des Teams." Oder. "Ich möchte erstmal mit ein paar Podestplätzen anfangen, und dann vielleicht auch mal ein Rennen gewinnen." Auch prima: "Es ist leichter für das Team, zwei gleiche Autos zu bauen als zwei unterschiedliche." Der Subtext sagt gleichwohl: Ich hab hier wahrscheinlich nix zu melden und Spaß dabei. Ferrari-Technikchef Ross Brawn hat einmal gesagt: "Der Platz neben Michael ist der undankbarste Job in der Formel 1." Und Massa ist seine neue Stelle mit bemerkenswerter Illusionsarmut angetreten.

Massa nur eine Zwischenlösung?

Massa darf seit 2001 Formel-1-Rennautos fahren; begonnen hat er damit bei Sauber, quasi Ausbildungszeit. Da haben sie ihn allerdings nach einem Jahr schon wieder rausgeschmissen: wegen notorischer Zerstörung von Lehrmaterial. Massa, der von sich selbst sagt, er pflege einen aggressiven Fahrstil, war ein klassischer Crashpilot, bis er 2002 auf Vermittlung seines Managers Nicolas Todt Testfahrer bei Ferrari wurde. Dabei hat es ihm damals wie auch jetzt wohl nicht geschadet, dass Managers Papa der Rennchef bei Ferrari ist. Und auch das macht einem Mut, dass so ein Hunderte-von-Millionen-Euro-Business letztlich doch funktioniert wie ein Familienbetrieb.

Jetzt ist es natürlich nicht so schön für Massa, dass sie hier in Madonna di Campiglio schon wieder von Kimi Räikkönen reden, den Ferrari möglicherweise nächste Saison verpflichten wolle; oder von dem ebenfalls interessierten (und auch interessanteren) Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi, der vielleicht kommendes Jahr die Branche wechselt. Ist Massa also nur eine Zwischenlösung? Er sagt: "Es ist erstaunlich, dass jetzt schon so viel über 2007 geredet wird, obwohl 2006 noch nicht mal richtig begonnen hat." Und dann lächelt er recht freundlich.

"Ferrari war meine Universität"

Willy Rampf, Saubers Technikchef, hat einmal über Felipe Massa gesagt: "Sein größtes Handicap im Haifischbecken Formel 1 ist sein sonniges Wesen." Nun klingt das so, als würde man im Arbeitszeugnis eines Alkoholikers schreiben, dass er bei Betriebsfeiern stets durch seine Geselligkeit aufgefallen sei. Sonniges Wesen, das heißt im Falle Massa, dass der nicht gerade die tiefen Teller erfunden hat. Massa hat in einem Interview mal erzählt, dass er in der Schule zwei Klassen wiederholen musste, und dass er mit 17 von der Schule abgegangen sei; und wenn man das mal zusammen rechnet, dann kann er soweit nicht gekommen sein. Jetzt sagt Massa über seine Zeit als Testpilot bei der Scuderia: "Ferrari war meine Universität, ich habe viel gelernt." So gesehen gut möglich, dass Ferrari sein Engagement 2006 eher als eine Art Experiment betrachtet.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker