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Formel-1-Analyse: Hamiltons Wiederauferstehung und Spekulationen um Schumi

Nichts ist sicher in der Formel 1: Das gilt technisch nach dem Horror-Unfall von Felipe Massa, und sportlich nach dem Überraschungssieg von Lewis Hamilton beim Grand Prix von Ungarn. Und dann wären da noch die Spekulationen um Michael Schumacher.

Von Elmar Brümmer, Budapest

Staub. Hitze. Langeweile. Dieses Warm-Up der Vorurteile ist wohl der Grund, warum der Große Preis von Ungarn immer vor der Sommerpause der Formel 1 stattfindet. Die PS-Branche muss sich erholen nach solch körperlichen Strapazen. In diesem Jahr braucht auch die Seele Balsam, bevor es in drei Wochen in Valencia weitergeht.

Der Horror-Unfall von Felipe Massa war die ziemlich unsanfte Erinnerung daran, dass Motorsport immer noch brandgefährlich ist. Der brasilianische Ferrari-Pilot, den eine 800 Gramm schwere Stahlfeder von der Radaufhängung an Rubens Barrichellos Brawn-Mercedes am Samstag bei Tempo 240 am Helm getroffen und k.o. geschlagen hatte, wurde im Budapester Militärkrankenhaus immer mal wieder aus dem künstlichen Koma geholt, in dem er auch die nächsten 48 Stunden zur Sicherheit noch bleiben soll. Bleibende Schäden soll der 28-Jährige nicht davon tragen, es war auch kein Schädelbasisbruch, wie zunächst gemutmaßt wurde, in einer zweistündigen Operation musste der eingedrückte Stirnknochen herausgezogen werden.

Das ist und klingt alles furchtbar, und vermutlich ist Massa nur Millimeter am Tod vorbeigeschrammt, aber die eigentliche Botschaft ist ziemlich positiv: Dass der Karbon-Helm der Braunschweiger Manufaktur Schuberth die ungeheuren Kräfte ausgehalten hat. Die Diskussion, die jetzt entsteht, ist dennoch positiv: Sollen die Cockpits wieder wie früher stabile Windschutzscheiben bekommen, um herumfliegende Teile abzuhalten? Dass der von der Pole Position gestarteten Fernando Alonso im Rennen ein Vorderrad verlor, das dann unkontrolliert über die Piste hüpfte, wird als weiteres Warnzeichen gewertet.

Erster Sieg mit KERS in der Formel 1

Die Formel 1, von jeher an der Grenzlinie zwischen Leben und Tod angesiedelt, geht mit solchen Zwischenfällen professionell um, für Außenstehende beinahe kalt wirkend. Aber der Glaube an sich selbst und die Technik ist die einzige Möglichkeit, nicht vom Gaspedal zu gehen. Als Felipe Massa schon bewusstlos geschlagen war, funktionierte der erste Reflex zumindest so, dass er den Fuß auf die Bremse bewegte, ansonsten wäre er mit mehr als 190 km/h in die Reifenstapel eingeschlagen. Aus allen Zwischenfällen mit herumfliegenden Teilen, ob diese nun Fahrer, Zuschauer oder Streckenposten verletzt hatten, wurden Konsequenzen gezogen. Höhere Cockpitwände, verbesserte Zaunkonstruktionen, Fangleinen an den Radaufhängungen. Die absolute Sicherheit wird es nie geben können. Aber immerhin ein Versuch, das Maximum zu schaffen. Renndirektor Charlie Whiting warnt vor überhasteten Rückschlüssen und sieht den Vorfall vom Samstag als große Ausnahme: "Wahrscheinlich würde man diese Szene in fünf Millionen Versuchen nicht nachstellen können." Die harmlosere Unsicherheit auf dem Hungaroring lag in den Prognosen von Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der den von Rang vier gestarteten noch amtierenden Weltmeister Lewis Hamilton nicht als Siegkandidaten gewertet wissen wollten. Als der Brite in der zwölften von 70 Runden die Führung übernommen hatte, wusste aber auch der Tiefstapler aus Untertürkheim, dass die Rehabilitation für den Champ und der Lohn der Aufholjagd nach dem verkorksten Saisonstart klappen könnte. Mit Tränen in den Augen: "Eine Sensation. Lewis war eine Klasse für sich. Für uns war es wirklich überraschend, so einen Schritt gemacht zu haben. Ein historischer Sieg, der erste mit KERS in der Formel 1." Für Hamilton war sein zehnter Saisonsieg nach der Lügenaffäre zum Auftakt auch eine persönliche Genugtuung. Die Silberpfeile haben in Ungarn mehr Punkte gemacht als in der gesamten ersten Saisonhälfte zusammen. Eine Umkehr zu den alten Kräfteverhältnissen? Auch Ferrari hat mit dem zweiten Platz von Kimi Räikkönen bewiesen, dass noch nicht alles verloren ist.

Schumi-Comeback im Bereich des Möglichen

Das WM-Quartett an der Spitze ist zwar noch nicht komplett neu durchgemischt worden, aber die Verschiebungen sind nicht zu übersehen. Einmal mehr schwächelte Spitzenreiter Jenson Button mit dem Brawn-Mercedes, aber seine zwei Pünktchen lassen ihn mindestens noch ein weiteres Rennen den Platz an der Sonne genießen. Mark Webber hat sich mit seinem dritten Rang auf Gesamtrang zwei geschoben, und im internen Red-Bull-Rennen auf Platz eins. Sebastian Vettel hatte zusätzlich zu seinem schlechten Start aus der ersten Reihe noch einen Schlag von Räikkönen abbekommen und musste nach 28 Runden das unfahrbar gewordene Auto abstellen. "Das ist natürlich bitter." Bester Deutscher war Nico Rosberg, der seinen Williams auf Rang vier chauffierte. Timo Glock im Toyota machte den größten Sprung, von Startplatz 14 auf Rang sechs. Sollte Felipe Massa in drei Wochen nicht schon wieder fit fürs Cockpit sein, wovon ausgegangen werden darf, ist ein Comeback von Michael Schumacher im Bereich des Möglichen. Das wird zunächst zwar heftig dementiert, hinter den Kulissen aber dennoch in Betracht gezogen. Schumi ist immer noch einer der offiziellen Ersatzpiloten neben Luca Badoer und Marc Gene. Die fehlende Superlizenz ist angesichts von sieben Weltmeistertiteln eher kein Problem, wenn ein 19-Jähriger namens Jaime Alguersuari ohne jegliche Erfahrung an den Start gehen darf - und nicht mal Letzter wird, sondern Vorletzter.

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