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Formel 1: Der Schatz im Silberpfeil

Die Europameisterschaft verpasst, in Wimledon nicht mehr vertreten - jetzt schaut ganz England gebannt auf Lewis Hamilton. Der Mc-Laren-Mercedes-Pilot muss bei seinem Heim-Grand-Prix zeigen, wie gut er wirklich ist.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

David Coulthard, der Branchen-Opa, in der goldenen Mitte bei der Pressekonferenz? Irgendwas läuft da gerade schief beim Großen Preis von Großbritannien, der in Wirklichkeit ein einziger Hamilton-Grand-Prix ist - nicht nur, weil der führende Campingplatz am Örtchen Silverstone praktischerweise auf der Gemarkung "Hamilton Fields" liegt.

Der Kampf des Löwen

Hinter allen Hecken in der Grafschaft Buckinghamshire campiert das Renn-Volk, zum ersten Mal in 60 Jahren Historie sind die Tribünen an allen drei Renntagen ausverkauft. 90.000 Fans mal drei, die nach zwei Nullnummern in Folge Lewis, den Löwen, kämpfen sehen und ihn feiern wollen.

Und dann schiebt sich der ewige Coulthard dazwischen, der es in 236 Formel-1-Rennen einmal zu dem gebracht hat, was Hamilton in nur 17 Anläufen erledigt hat: einmal Vize-Weltmeister zu werden.

Aber jetzt hat der 37-Jährige seine 15 Sekunden Ruhm, als alles auf Wortspenden Hamiltons wartet, erklärt der Schotte auf englischem Boden seinen Rücktritt zum Saisonende. Hamilton und die Ex-Hoffnung Jenson Button sind für den fotografischen Moment nur Staffage, Button hübscht das Erinnerungsbild durch einen Bruderkuss auf. Dann hat Coulthard, der bei Red Bull Racing wohl durch den Heppenheimer Sebastian Vettel (21) ersetzt wird, seine Schuldigkeit getan.

Das Rennland England kennt nur eine Mitte an diesem Wochenende: Silverstone, Home of British Motor Racing. Die Tennis-Hoffnung Murray fliegt endgültig raus aus den Blättern, alle sind sie jetzt spitz auf den Silberpfeil-Piloten, nicht nur Pussycat Doll Nicole Scherzinger. Das halbe Versprechen hat er ja schon gegeben, im letzten Jahr: Pole-Position. Im Rennen wurde es Rang drei, was für einen Debütanten großartig ist, für einen Hamilton aber nicht zählt.

Schaulaufen mit dem Union Jack

In den letzten Tagen bekommt man den Eindruck, dass der Pilot von McLaren-Mercedes, mit zehn Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Felipe Massa kurz vor Saisonhalbzeit Vierter der Fahrer-Weltmeisterschaft, sich bei jeder Gelegenheit nur mit dem britischen Union Jack bekleidet. Dabei hat er doch gerade mit Reebok einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen, der ihm gute zwölf Millionen Euro im Jahr Ausrüstungskosten-zuschuss bringt. Eine der vielen Extrawürste, die Ron Dennis, Familienoberhaupt aller McLarens, nur seinem sportlichen Ziehsohn erlaubt - und damit einmal mehr Hamiltons Ausnahmestellung unterstreicht. Der 10.000-Pfund-Triathlon-Wette, die Button angeboten hat, weil Hamilton behauptet haben soll, fitter zu sein, wird der BigMäc kaum zustimmen.

Zuletzt rummste es gewaltig

Der derzeit vermutlich am besten bezahlte Sportler der Insel wird trotzdem eine ordentliche Vollkaskoversicherung abgeschlossen haben. In letzter Zeit rummst es häufiger, als ihm lieb ist. Das Auto in Bahrain abgewürgt, in Montreal ins Heck von Kimi Räikkönen gehämmert, in Magny-Cours Sebastian Vettel illegal überholt.

Die Serie setzt sich im Privaten fort: Der Papa chauffierte einen geliehenen Porsche Carrera GT in die nächste Hecke, Hamilton erlebt an Bord einer Hochseesegelyacht einen Crash mit einem anderen Boot, bevor die Regatta überhaupt beginnt, und beim Wildwasserfahren in der Schweiz reißt er sich die Oberlippe auf.

Kleine Dramen, große Schlagzeilen. Jeder britische Alltag beginnt jetzt mit Ham(ilton) und Eggs. Noch Fragen zum Ausnahmezustand?

Der junge Mann mit der verzeihlichen Fehlerquote, dem hohen VIP-Faktor (Geburtstagsgast bei Nelson Mandela) und dem Ehrgeiz am Limit weiß genau, was in England gerade gebraucht wird: "Ich hoffe nur, dass ich mein Land stolz machen kann."

Hamilton braucht das perfekte Wochenende

Dann wären sich ja alle einig. Diesmal lässt sich der Druck nicht mit einem "nobody ist perfect" wegdiskutieren. Hamilton ist kein Nobody mehr, er braucht das perfekte Rennwochenende. Möglichst schnell, möglichst jetzt. Die Fehlerquote des Schatzes im Silberpfeil ist erschöpft, 24 Punkte haben ihn diverse Missgeschicke und harsche Bestrafungen in dieser Saison gekostet - für einen, der im Vorjahr den sicheren Titel um ein einziges Pünktchen verpasst hat, muss das ein Albtraum sein. Mercedes-Sportchef Norbert Haug weiß, wie enorm der Druck ist, der auf der großen Hoffnung lastet: "Lewis tanzt auf einem hohen Seil."

Die Top-Vier der Formel 1 - Felipe Massa, Robert Kubica, Kimi Räikkönen und Lewis Hamilton - sind sich über den Schlüssel zum Titelgewinn 2008 sogar wortwörtlich einig: "Entscheiden wird von nun an die Zuverlässigkeit." Ausreißer haben sie alle gehabt, so kam es zu der kuriosen - und enorm spannenden - Situation, dass es nach den letzten vier Rennen vier verschiedene Gesamt-Spitzenreiter gegeben hat. Momentan fehlen Hamilton zehn Punkte zum Platz an der Sonne. Umgerechnet ist das lediglich ein Sieg. Bange machen gilt noch nicht. Hamilton versichert: "Ich bin bereit."

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