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Formel 1: Hexenjagd auf Hamilton

Er kann beim vorletzten Rennen der Formel 1 in Shanghai zum jüngsten Weltmeister der Geschichte werden. Es gibt nur ein Problem für Lewis Hamilton: Mehrere Fahrer kündigten an, für Felipe Massa fahren zu wollen, denn der Shootingsstar ist wegen seines Fahrstils nicht sehr beliebt unter den Kollegen.

Von Elmar Brümmer, Shanghai

Die Formel 1 ist angekommen im Drama, es ist an der Zeit, Alphamännchen zu machen. Lewis Hamilton muss sich auf der monströsen Gerade des Shanghai International Circuit fühlen wie ein Westernheld: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. In seinem Fall bedeutet es, dass sein Silberpfeil beim Großen Preis von China an allen vorbeischießen muss. Was weniger martialisch klingt, aber auch nicht ungefährlich ist. Die Stimmungsmache im Fahrerlager suggeriert jedenfalls, dass der 23-jährige, der schon am Sonntag jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte werden kann, ein Verkehrsrisiko ist. Hamilton beteuert in der Faz: "Wir sind doch Menschen, wir sollten uns nicht bis aufs Messer bekriegen."

Der WM-Stand - Hamilton 84 Punkte, Felipe Massa 79, Robert Kubica 72 - sorgt beim vorletzten Rennen für ein Menü mit viel scharf. Der Spitzenreiter kann als einziger schon vor dem Finale am 2. November in Brasilien alles klar machen. Es wäre sein ganz großer Befreiungsschlag, er hätte für alle Zeiten den Respekt, den er momentan so schmerzlich vermisst. Aber sein rüpelhaftes Image wird er so schnell nicht mehr los, in beide Harakiri-Manöver letzten Sonntag in Fuji war er verwickelt - einmal als Schuldiger, einmal unschuldig. Zusammen mit den Rücksichtslosigkeiten von Monza und Spa ergibt das ein stattliches Sündenregister für den Shooting Star der Branche.

Alonso schießt eine Spitze nach der anderen

Niemand sonst hat in den letzten 33 Rennen so viele Punkte gemacht wie der Pilot von McLaren-Mercedes, aber kein anderer hat so viele Kontroversen hervorgerufen. Nicht mal der notorische Unruhestifter Fernando Alonso. Der Spanier, im Vorjahr am eigenen Ego und an Hamilton gescheitert, revanchiert sich beflügelt von zwei Siegen in Folge im eigentlich chancenlosen Renault mit einer Spitze nach der anderen. Er werde Felipe Massa oder Robert Kubica helfen, den Titel zu gewinnen, Hamilton gehöre bestraft, und, und, und...

Die Meinungsmache fällt auf fruchtbaren Boden. Ob Mark Webber, Jarno Trulli oder Timo Glock. alle haben die stahlharte Seite von Hamilton zu spüren bekommen. Kompromittieren scheint ihm auf dem Asphalt näher zu liegen, als Kompromisse zu schließen.

Alle Ausnahmepiloten haben polarisiert

Die Rivalen der Rennbahn machen sich einen Spaß und einen Sport daraus, den Favoriten zu provozieren, wollen ihn am Freitagabend im Fahrerbriefing zur Rede stellen. Als wenn irgendeiner der Erfolgreichen in der Formel 1 anders gestrickt wäre. Schon im letzten Jahr musste sich der Brite an gleicher Stelle rechtfertigen, als er im Regen von Fuji eine zu eigenwillige Linie hinter dem Safety Car gefahren sein soll, und Sebastian Vettel in einen Crash lotste. Dass der Klassenbeste zum Feindbild gerät, ist nicht weiter ungewöhnlich im Verdrängungswettbewerb Formel 1. Ayrton Senna, Michael Schumacher, Jacques Villeneuve, Nigel Mansell - alle Ausnahmepiloten haben polarisiert. Meistens allerdings erst, nachdem sie ihren ersten Titel gewonnen hatten. Hamilton steht kurz davor, und er balanciert am Scheitelpunkt des Scheiterns.

Das Deja-vu droht, im Vorjahr hatten das Team und er es zu sehr auf den Sieg als auf den Titel angelegt - mit abgefahrenen Reifen landete der Beinahe-Champion im Kies der Boxeneinfahrt, und verzockte beim Finale in Brasilien die historische Chance endgültig. Die Gegner wissen, dass im Psycho-Duell die beste Möglichkeit liegt, den stärksten Fahrer der Saison aus der Ruhe zu bringen. Bisher konnte er sich im Kurvengetümmel selten mit der diktierten Zurückhaltung anfreunden. Dazu ist er zu sehr das, was man einen Racer nennt. Bei aller Abgezocktheit vielleicht noch nicht erfahren genug. Er kennt nur den Angriff und macht sich damit auch angreifbarer.

Die Hetze macht Hamilton zu schaffen

Lewis Hamilton hat unter schwierigen Bedingungen stets seine größten Taten vollbracht, im Regen von Monte Carlo oder Silverstone zum Beispiel. Genauso hat er beim Boxencrash in Montreal oder mit der Reifenwahl in Monza viel Bonus verspielt. Die Hetze der Kollegenschaft macht ihm mehr zu schaffen, als er zugeben kann und will. In Shanghai hat er sich ganz brav zum Tribunal mit Alonso, Räikkönen und Kubica begeben. Und siehe da: Die Großkritiker waren seltsam kleinlaut, Helden in Strumpfhosen. Keiner wollte öffentlich die Vorwürfe an den vermeintlichen Rowdy wiederholen. Das lässt erwarten, dass die Sache wie bisher auf der Piste geklärt wird, was Hamilton ebenfalls am liebsten ist. Sein alter Kumpel Nico Rosberg ahnt: "Eifersucht spielt in der Formel 1 immer eine Rolle." Hamilton muss raus aus dem Schmollwinkel.

Und die Gnadenlosigkeit gegen sich und andere, die aus der aktuellen Fahrergeneration am ehesten noch der Außenseiter im Titelduell, BMW-Pilot Robert Kubica pflegt, lässt den Kreis der Freunde schrumpfen. Erfolg isoliert, aber damit hat Hamilton kein Problem. Was die anderen auf die Palme bringt, ist eher die Außendarstellung des Rivalen: Kaum hat er das Cockpit verlassen, gibt er den charmanten und netten Kerl. Das mag für viele nicht zusammen passen, am dauerhaften Kompromiss kann ein Champion nur zerbrechen. Kein Zufall, dass beinahe alle dominanten Grand-Prix-Piloten zu Egoisten wurden, manche sogar zu Egozentrikern. Auch das Gebaren von Senna oder Prost wurde erst im Nachhinein weichgezeichnet.

Hamilton zitiert Martin Luther King

Beim Versuch der Neu-Positionierung hat er es mit Poesie probiert ("Ich wünschte mir, ich könnte noch einmal die gleiche Reise erleben") und mit Zitaten von Martin Luther King ("Entscheidend ist nicht, wo ein Mensch in Zeiten der Ruhe und Sicherheit steht, sondern wohin er sich in Zeiten der Herausforderung und Kämpfe stellt"). Aber am glaubwürdigsten ist er im Cockpit. Die Frage, die nur das Rennen beantworten kann, lautet wieder: Wie forsch ist zu forsch? Ob Freund oder Feind, auf der Piste hat den Platzhirschen so schnell noch keiner eingeschüchtert: "Es wird zweifellos ein hartes Wochenende. Aber ich sehe keinen Grund, etwas zu ändern." Showdown, der nächste. Hamilton ist zu allem bereit.

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