Großer Preis von Spanien Musterschüler Hamilton unter Druck


Steht der Superstar im Silberpfeil vor dem Absturz? Eine Pleiten- und Pannenserie sowie die Konkurrenz im eigenen Team durch Heikki Kovalainen machen Lewis Hamilton schwer zu schaffen. Beim Europa-Auftakt der Formel 1 in Barcelona wird sich zeigen, wo die diesjährige Reise für den Briten hingeht.
Von Elmar Brümmer, Barcelona

Auf gute Nachbarschaft: Ganz am Ende des Fahrerlagers auf dem Circuit de Catalunya findet sich neuerdings der Silber-Palast von McLaren-Mercedes, eine Strafversetzung wegen der leidigen Spionage-Affäre des Vorjahres. Statt Ferrari und BMW heißen die Nachbarn nun Super Aguri und Force India, die als sportliche Schlusslichter der Formel 1 auch in der Wohnwagenburg hinter den Boxen ganz hinten rangieren. Zum Einstand im Neubaugebiet bat McLaren zum Kennenlern-Tee.

Lewis Hamilton hatte die Bekanntschaft mit Force India schon im letzten Rennen gemacht, als er in Bahrain rundenlang versuchte an Giancarlo Fisichella vorbeizukommen. Normalerweise ein Klacks für ihn, aber in den letzten Wochen läuft für den Shooting Star der Vorsaison nichts mehr so, wie er es von seinem rasanten Aufstieg gewohnt war. Beim Europa-Start der Formel 1 am Sonntag hoffen viele Teams und Fahrer auf einen Neuanfang, genährt durch technische Neuerungen an den Rennwagen - aber niemand braucht den Turnaround so sehr wie Hamilton (sein Erzrivale Fernando Alonso mal ausgenommen).

Hamiltons Problem: Er ist sein eigener Maßstab

Im letzten Rennen das Auto am Start im Training zu Schrott gefahren, am Start in den Leerlauf bugsiert, zweimal mit Alonso kollidiert, beim Grand Prix in Malaysia strafversetzt wegen einer Blockade in der Qualifikation, im Rennen Opfer eines verpatzten Boxenstopps. Wer erinnert sich noch an den Auftaktsieg im Chaos-Grand-Prix von Melbourne, obwohl der ganze sechs Wochen zurückliegt? Das große Problem des Lewis Hamilton: Dass er sein eigener Maßstab ist, mit neun Podiumsplatzierungen in den ersten neun Rennen. Den Glauben an sich hat der Kritisierte jedenfalls noch nicht verloren: "Der Druck kommt von mir selbst. Eigentlich ist das für mich selbst kaum anders als im Vorjahr. Nur, das niemand anderes etwas von mir erwartet hat, jetzt hingegen schon. Das kümmert mich aber nicht im Geringsten." Auf die Frage, welche Schlüsse er aus dem letzten Debakel geschlossen habe, kokettiert er: "Überhaupt keine." Wer's glaubt...

In der Heimat, wo allenfalls Max Mosley ihm die Seite-Eins-Schlagzeilen stehlen kann, machen sie böse Rechnungen auf. Nicht der aktuelle WM-Stand vor dem Großen Preis von Spanien, nachdem Hamilton mit 14 Punkten hinter Kimi Räikkönen (19) und Nick Heidfeld (16) keineswegs ein aussichtsloser Dritter ist, wird zur Untermauerung der Krisen-Thematik herangezogen. Vielmehr werden die letzten fünf Rennen bewertet, also auch die verpatzten Finalläufe des Vorjahres in Shanghai und Sao Paulo, wo Hamilton seine WM-Führung verspielte und am Ende um ein Pünktchen den Titel verspielte. Nach diesen Zahlen liegen Räikkönen (39), Felipe Massa (24), Heidfeld (21), Robert Kubica (18) deutlich vor Hamilton (16). Und der Daily Telegraph verglich Hamiltons Leistungen zuletzt mit der eines "Boxers, der auf allen Vieren durch den Ring krabbelt und seinen Mundschutz sucht".

Berufsnörgler haben Oberwasser

Endlich bekommen sie mal Oberwasser, die Berufsnörgler, die jeden werdenden Super-Star begleiten. Die, die es immer gewusst haben, dass ein 23-Jähriger noch nicht reif sein kann für den Titel, diejenigen, die gewarnt haben, dass das zweite Jahr immer das Schwerste ist. Und die spanische Presse, die Hamilton als Zerstörer der Alonsomania von ganzem Herzen verachten, und hochrechnen, dass McLaren ohne den Spanier einfach in die Krise rutschen musste.

Lewis Hamilton wird jetzt damit konfrontiert, was Alonso 2007 widerfuhr: Plötzlich ist der eigentlich als Trittbrettfahrer im Silberpfeil verpflichtete Finne Heikki Kovalainen derjenige, der die etatmäßige Nummer Eins entzaubern kann. Zweimal im Rennen und einmal in der Qualifikation ist dem 26-Jährigen das schon gelungen. Hamilton und Kovalainen sind punktgleich. Die Vergleiche mit dem letzten Jahr oder dem Kollegen schrecken den Briten kaum: "Ich denke nicht, dass mich die Situation ablenkt oder mir die Arbeit schwieriger macht, ich will einfach nur mehr denn je gewinnen." Demgegenüber sind die Sorgen, dass es wie bei den Testfahrten zu Jahresbeginn in Barcelona rassistische Äußerungen durch die Alonso-Anhänger geben wird, die geringsten für ihn.

Fahrer und Team brauchen unbedingt ein Erfolgserlebnis

Angeblich hat McLaren-Chef Ron Dennis seinen sportlichen Ziehsohn schon ins Gebet genommen, öffentliche Reue gelobte er bereits nach dem Debakel von Bahrain: "Ich habe mein Team im Stich gelassen." Von nun an wird jedes Rennen zur Wiedergutmachung, was dadurch erschwert wird, dass der McLaren-Rennwagen bisher nicht in der Lage war, auf Ferrari-Niveau zu fahren und inzwischen auch von BMW überholt wurde. Die Anspannung beruht auf Gegenseitigkeit, Fahrer wie Team brauchen dringend ein Erfolgserlebnis. Wer richtet sich an wem auf?

So lange gilt das (Vor-)Urteil, dass Hamilton einfach viel zu viel zu schnell will. Für McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh ist es "ganz normal, dass man in dieser Situation übers Ziel hinausschießt." Die paradoxe Situation, dass es erst der Fehler bedarf, um dem ob seiner geradlinigen Karriereplanung schon als Maschine eingeschätzten Fahrer auch menschlich erscheinen zu lassen, erinnert an die Situation des späten Michael Schumacher. Lewis Hamilton hat demnach weiterhin als frühreif zu gelten...


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