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Heidfeld-Krise: Nick gar nicht mehr quick

Es ist die vielleicht schlimmste Krise seiner Karriere: Nick Heidfeld fährt im Formel-1-Zirkus nur noch hinterher. Sein Boss bei BMW, Mario Theissen, hält ihm die Stange - noch. Am Wochenende in Spa muss Heidfeld in die Punkte fahren, sonst droht der Verlust seines Cockpits.

Von Elmar Brümmer, Spa-Francorchamps

Zweimal hintereinander nicht in die Punkte zu fahren, das war Nick Heidfeld noch nie passiert in diesem Formel-1-Jahr. Kommt es nach dem Null-Punkte-August beim Großen Preis von Belgien an diesem Wochenende auch noch zum Frust-Hattrick, dann steckt der BMW-Pilot - seinem sechsten WM-Platz zum Trotz - in einer echten Existenz-Krise. Schon mit Blick auf die Zukunft des 31 Jahre alten Mönchengladbachers im deutschen Werksteam fordert BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen: "Es ist für Nick wichtig, dass er zur Normalform zurück findet." So lange wird in München die längst erwartete Entscheidung in der Fahrerfrage vertagt. BMW spielt auf Zeit - Nick Heidfeld muss die Chance nutzen.

Theissens Feststellungen sollen keine Drohung sein, aber Heidfeld sind sie Warnung genug. Beim Aufgalopp vor den Medien in Spa-Francorchamps sitzt er zufällig neben Kimi Räikkönen auf dem Podium. Es ist die erste Reihe, aber in diesem Fall sitzen dort die akuten Problemfälle der Formel 1 auf einer Linie. Der Finne und der Deutsche kämpfen mehr mit der Charakteristik ihrer Dienstwagen als mit den Gegnern. Das Fahren haben sie nicht verlernt, aber beide bekommen, seit die Traktionskontrolle verboten ist, die Reifen nicht schnell genug auf die optimale Betriebstemperatur. Für den Laien nur ein Detail, das aber meist den Verlust der besten Startplätze bedeutet, und damit ist schon nach der Qualifikation das Rennen meist gelaufen. Auch wenn sich Heidfeld müht, mit die besten Starts und im Rennen die häufigsten Überholversuche hinzulegen. Doch in der Statistik, die in der Formel 1 am meisten zählt, hat er das Nachsehen: Elf zu eins führt der Pole Robert Kubica im internen Qualifying-Duell, schlechter ist nur noch Nelson Piquet junior gegen Fernando Alonso.

Theissen hält noch still

Angesichts des grauen Ardennen-Wetters musste Heidfeld diesmal auf die überdimensionale Sonnenbrille verzichten, die ihm in letzter Zeit häufig als Schutzschild diente, wenn er von Journalisten ins Kreuzverhör genommen wurde. Eine ungewollte, aber treffende Symbolik: Der 31-Jährige blickt der entscheidenden Phase seiner Laufbahn ins Auge. Er verbittet sich jedes Mitgefühl, überhaupt Einmischungen von außen: "Ich setze mich selber mehr unter Druck, als das irgendjemand von außen könnte." Beschönigen ist nicht sein Ding: "Ist doch klar, was los ist, wenn das gleiche Auto, mit dem ich Neunter werde, von Robert auf den dritten Platz chauffiert wird." Wie zuletzt in Valencia passiert. Es sind die alten Probleme, die er im frühen Sommer schon überwunden wähnte, die ihn ausgerechnet jetzt wieder als böse Geister einholen. Da fällt es beim besten Willen schwer, nicht an sich zu zweifeln. Für seine letzte Leistung in Spanien hatte er selbst nur Vokabeln wie "absolute Katastrophe" und "extreme Enttäuschung" übrig. Die Cockpit-Perspektive ist dabei manchmal sogar härter als die Sichtweise von draußen, denn Mario Theissen gab spontan zu Protokoll: "Ich habe schon ordentlich Geduld und halte nichts davon, in Schwächephasen schnell die Pferde zu wechseln."

Entscheidend ist die Frage, ob es sich um eine Phase oder einen Trend handelt. Die erfreuliche Test-Bestzeit letzte Woche in Monza, die Chill-out-Phasen mit der Familie -alles Balsam für Heidfelds Seele. Aber auf Dauer hilft eben nur die Ergebniskorrektur. An seine drei zweiten Plätze in den letzten zwölf Rennen mag sich kaum einer erinnern. "Es hängt alles daran, ob wir das Problem verstehen und etwas ändern", sagt der Mann, der über Zweifel und Zweifler siegen muss. Dienstherr Theissen stimmt dem zu: "Die Situation ist ohne Zweifel komplex, weil es sich um eine Kombination von Mensch und Technik handelt."

Schützenhilfe von Robert Kubica

Die Gründe, warum BMW die Fahrerpaarung für 2009 noch nicht bekannt gegeben hat, liegen allerdings nicht allein in der Formkrise Heidfelds. Da kommen ein paar Dinge zusammen: Bindet sich Robert Kubica nur für ein oder gar für mehrere Jahre an das Münchner Team? Und wenn, zu welchem Preis? Wird Fernando Alonso tatsächlich zu haben sein? Und selbst wenn der Spanier nicht in München anheuert, könnte das anstehende Revirement in der Branche Auswirkungen auf die strategischen und personellen Planungen von BMW für die Zukunft haben. Angeblich soll Heidfeld eine Option für kommendes Jahr besitzen, aber er könnte auch ausbezahlt werden. Alles eine Frage der Alternativen. Und der hypothetischen Antwort auf die Frage, welcher Fahrer bei den drastischen Regeleinschnitten im kommenden Jahr besser zurecht kommt.

Schützenhilfe für Heidfeld kommt vom Kollegen Robert Kubica, der mehr oder weniger offen als Nummer eins gehandelt wird: "Die Leute vergessen, was Nick für das Team geleistet hat. Wenn sich die Dinge so dramatisch ändern, muss man hinter das offenkundige Bild schauen - und nicht das, was man sehen will. Nick hat oft genug beweisen, dass er ein sehr guter Fahrer ist. Ich tue mich schwer, in der Formel 1 einen zu finden, der schneller ist." Sicherheitshalber guckt sich Heidfeld am Ende seiner neunten Grand-Prix-Saison trotzdem nach Optionen um. Wie praktisch, dass er gleich zwei Manager hat, da sollte doch ein Arbeitsplatz herausspringen.

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