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INTERVIEW: »Ich weiß nicht, warum er verärgert ist!«

Während Juan Pablo Montoya vor sich hin tobt, ist Michael Schumacher die Ruhe selbst. Im Interview hakt der Weltmeister den Vorfall mit nur einem Satz ab.

Juan Pablo Montoya ist nicht zu beruhigen. Der Kolumbianer unterstellt Michael Schumacher bei der Start-Kollision in Brasilien volle Absicht und kritisierte ihn als Wiederholungstäter. Schon vor zwei Wochen in Malaysia sei Schumacher ihm ins Auto gefahren, und er sei dann bestraft worden. »Michael kommt hier ungeschoren davon«, bezichtigte Montoya die Rennkommissare von Sao Paulo, gegenüber dem Ferrari-Piloten Gnade vor Recht ergehen lassen zu haben. »Die Entscheidungen der Stewarts sind ein Witz.« Während Juan Pablo Montoya vor sich hin tobt, ist Michael Schumacher die Ruhe selbst. Im Interview hakt der Weltmeister den Vorfall mit nur einem Satz ab.

Haben Sie mit diesem Sieg auf einer Strecke, bei der ihre Williams-BMW-Kontrahenten Bruder Ralf und Juan Pablo Montoya als Favoriten galten, gerechnet?

Michael Schumacher: »Ich bin sehr glücklich über diesen Sieg. Wir haben nicht wirklich erwartet, auf diesem Kurs zu gewinnen. Der Sieg war für viele eine Überraschung, für mich auch. In Australien waren wir sehr stark, zwei Wochen später in Malaysia sah es nicht so gut aus. Nach dem ersten Training hier in Sao Paulo war ich eher etwas pessimistisch. Es war eine große Herausforderung gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner. Ich hatte befürchtet, dass unsere Fortschritte noch nicht für einen Erfolg reichen würden.«

Frage: Hatten Sie keine Angst, Ihr Bruder Ralf könnte Sie noch von der Spitze verdrängen?

»Es war zwar ein knappes Rennen, aber nicht so schwierig, Ralf in Schach zu halten. Auf diesem Kurs kann man praktisch nur vor der ersten Kurve überholen. Ich habe mich deshalb darauf konzentriert, sicher zu stellen, dass er mich dort nicht passieren konnte, indem ich spät bremste und eine gute Position zum Herausbeschleunigen wählte. Im Innenteil der Strecke kann man nicht überholt werden, es sei denn, man macht einen Fehler. Ich musste natürlich Gas geben, um ihn nach dem Boxenstopp hinter mir zu halten. Aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte, ihm davon zu fahren, wozu auch keine Notwendigkeit bestand. Ich musste nur meine Führung verteidigen.«

Juan Pablo Montoya hat Sie beschuldigt, ihm den Frontflügel abgefahren und so sein Rennen zerstört zu haben. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

»Ich weiß nicht genau, was in Turn 4 passiert ist. Ich bin nach links gezogen, um die Außenseite frei zu lassen. Ich weiß nicht, ob er mich berührt hat. Ich habe jedenfalls nichts gespürt und an meinem Auto war nichts beschädigt. Ich sah Montoya dann nur plötzlich zurückfallen. Aber ich habe wirklich nichts bemerkt und weiß nicht, warum er verärgert ist.«

Worauf führen Sie ihren vierten Sieg in Sao Paulo zurück?

»Der Sieg hat nichts mit Glück zu tun. Wir haben sehr hart an der Entwicklung des neuen Ferrari und der neuen Bridgestone- Reifen gearbeitet. Das neue Auto und die Reifen waren Hauptfaktoren.«

Waren Sie überrascht, dass die Bridgestone- so gut mit den Michelin-Reifen mithalten konnten?

»So eine gute Vorstellung habe ich nicht erwartet. Ich rechnete damit, dass die Bridgestone stärker abbauen würden als die Michelin. Aber Williams-BMW war am Schluss nur minimal schneller als wir. Meine Reifen hielten viel besser als gedacht. Daher konnte ich so gute Rundenzeiten fahren und einen so späten Boxenstopp einlegen.«

Wie schätzen Sie Ihre Chancen beim Ferrari-Heimrennen in Imola in zwei Wochen ein?

»In Sao Paulo und in Imola haben wir im Vorjahr nicht so gut ausgesehen. Nachdem wir nun hier mit dem neuen Auto gewonnen haben, bin ich wesentlich optimistischer, auch auf Strecken, auf denen wir 2001 stark zu kämpfen hatten, gute Vorstellungen zeigen zu können. Zudem können wir uns natürlich noch steigern, obwohl wir schon viel vom Potenzial des F2002 gesehen haben. Man muss auch von Kurs zu Kurs abwarten, wer von den Reifen her Vorteile hat. Aber ich denke, es wird für uns nicht so schlecht für Imola aussehen. Wir treten beim Großen Preis von San Marino zuversichtlich an.«

Sie haben in Sao Paulo beim 11. Start hier Ihren 10. und insgesamt den 100. Podiumsplatz geholt. Ihr Teamkollege Rubens Barrichello ist dagegen bei seinem 10. Heimrennen zum 9. Mal ausgefallen und sah in dieser Saison noch nie das Ziel...

»Rubens hatte viel Pech, er tut mir Leid. Der arme Kerl fuhr wie zuletzt in Malaysia ein tolles Rennen und wurde wieder nicht belohnt.«

Aufgezeichnet von Elmar Dreher (dpa)

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