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Michael Schumacher Testfahrer auf höchstem Niveau


Michael Schumacher fährt der Formel-1-Konkurrenz hinterher. Seinen Kritikern trotzt er vor dem Heimspiel in Hockenheim mit Gelassenheit. Ist das der Grund für den Misserfolg?
Von Elmar Brümmer

Frühmorgens, am Ortseingang von Hockenheim, ist Michael Schumacher noch eine Dose. Das Kinn der Renn-Nation wird plastisch auf einer Büchse im Kühlregal an der Tankstelle, der personifizierte Energy-Drink wirbt mit einer lang anhaltenden Zwei-Phasen-Sofortwirkung durch natürlich-funktionelle Inhaltsstoffe.

Den versprochenen Energieschub könnten der Formel-1-Pilot und sein Silberpfeil auch selbst gut brauchen, gerade beim Großen Preis von Deutschland, dem Heimspiel. Jenem Rennen in seiner Comeback-Saison, in dem er wirklich zurückkommt - in die Heimat. Die Weihnachts-Euphorie des Mercedes-Dream-Teams hat sich merklich abgekühlt, wie das Wetter im Badischen. Schwarz-Rot-Grau.

Die Veranstalter erwarten 62.000 Zuschauer im Motodrom, dann könnten sie eine schwarze Null schreiben. Es klingt paradox, aber immer noch ist der Alt-Meister die Attraktion, nicht Jungstar Sebastian Vettel, nach dem sogar eine eigene Tribüne benannt wurde. Dabei startet der Rekordchampion als WM-Neunter in die zweite Hälfte einer Saison, die er schon abgehakt hat.

Das Thema achter Weltmeistertitel ist aufs nächste Jahr vertagt, der Rest dieses Rennjahres sind Probefahrten auf höchstem Niveau: "Ich bin zurückgekommen, um noch einen Titel zu gewinnen. Das gilt auch weiterhin. Und ich bin immer noch zuversichtlich, dass ich das auch erreichen kann." Doch der erste Anlauf zum Comeback ist ins Stottern geraten, und das tut schon ein bisschen weh: Viermal hat er in Hockenheim schon gewonnen, so oft wie kein anderer. Am Wochenende ist er nur Außenseiter: "Wir sind nicht stark genug für den Sieg." Ein Mann spielt auf Zeit, und das in diesem rasenden Geschäft.

"Ich bin sehr positiv gestimmt"

Im Multimedia-Vorspiel zum ersten Auftritt als Stern-Fahrer auf deutschem Boden hat Michael Schumacher die Crash-Test-Anlage im Mercedes-Werk in Sindelfingen besichtigt. Keine schlechte Symbolik für einen, der es mit 41 nochmal drauf ankommen lässt. Nach drei Jahren Pause ist fahrerisch kein Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Schumi festzustellen, von den Ergebnissen her schon.

Mehrfach war er in den letzten Rennrunden ein leichtes Überholopfer, auch für Fahrer wie Jaime Alguersuari oder Adrian Sutil. Seit Wochen beginnt deshalb jedes Rennwochenende mit einem Dementi. Auch diesmal muss er wieder erklären, dass er keinesfalls die Lust verliere, wenn er nicht gewinnen kann: "Ich fühle mich nach wie vor sehr jung, sehr frisch, sehr motiviert. Ich bin sehr positiv gestimmt." Das soll der gleiche Schumacher sein, der selbst in den sieben fetten Titel-Jahren sauer war über einzelne verpatzte Runden? Niemand, der nur auf die nackten Ergebnisse guckt, mag das glauben.

Zuspruch vom alten Rivalen

Aber der neue Michael Schumacher fährt in seiner eigenen Welt: "Ich bin mit mir selbst zufrieden." Es scheint sie wirklich zu geben, die neue Leichtigkeit des Schumi-Seins. Als WM-Neunter hat er 109 Punkte Rückstand zur Spitze, das entspricht mehr als vier Siegen. Dass er sich ein Jahr ausgesucht hat, in dem der Wettbewerb enger ist denn je, und in dem nur die regelmäßig punkten können, die mit den launischen Reifen zurecht kommen, macht den Einstand schwierig. Zuspruch kommt ausgerechnet von einem seiner Lieblingsgegenspieler, Fernando Alonso: "Ich glaube nicht, dass Michael irgendwelche Probleme hat. Er gewöhnt sich einfach nur ans Auto und wird in der zweiten Saisonhälfte kommen."

In Silverstone vor zwei Wochen hat er zum ersten Mal selbst grobe Schnitzer gemacht, bis dahin war die fehlende Harmonie zwischen Rennfahrer, Rennwagen und vor allem Reifen der Schlüssel zum Misserfolg. Das beschäftigt Schumacher und Kollege Rosberg so sehr, dass es noch nicht wirklich zum prognostizierten Generationenkonflikt gekommen ist. Im direkten Vergleich der Qualifikation steht es 8:2 für den 16 Jahre jüngeren, die Samstagsleistungen sind Schumachers bislang größter Schwachpunkt. Sie wecken die Gnadenlosigkeit bei den Kritikern. Die Formel 1, das hat Schumacher angesichts der letzten Kritik öffentlich analysiert, sei zum Großteil "Showbusiness". Da zählen keine Durchhalteparolen, nur der schnelle Erfolg. Ansonsten wird die Häme schnell zum eigentlichen Treibstoff. Mercedes-Sportchef Norbert Haug versucht es mit Streicheleinheiten: "Versetzung nicht gefährdet. Michael hat mir nie besser gefallen als jetzt."

Seinen Zauber kann Michael Schumacher nicht verloren haben, denn ein Magier war er nie, vielmehr ein harter Arbeiter. Der Realo in ihm ist geblieben: "Ich war drei Jahre weg. Zu erwarten, dass ich nun sofort wieder dort anknüpfen kann, wo ich aufgehört habe, ist unrealistisch. Erst recht, wenn das Auto so etwas gar nicht zulässt. Es braucht Zeit, und die nehme ich mir. Ich habe an diesem gesamten Prozess Freude." Ich geb Gas, ich will Spaß. Schumi deluxe. Doch das Rennen gegen das Vorurteil, er sei nicht mehr der Alte, geht weiter. Es wird noch härter.


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