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Schumacher zurück zur Formel 1: Alter Mann, was tun?

Michael Schumacher ist zurück, und der Hype um sein Comeback ist enorm. Die Formel 1 mutiert zur Ego-Weltmeisterschaft: Schumi herauszufordern, oder ihn zu besiegen, darüber definieren sich alle.

Von Elmar Brümmer, Manama

Die Fata Morgana der Formel 1 hat sich materialisiert. Freitagmorgen, sieben nach zehn, Bahrain International Circuit: Roter Helm in silberner Rennbüchse, das Comeback des Jahres beginnt mit einer so genannten Installationsrunde. Auch ein Rekordweltmeister muss checken, ob alle Systeme normal funktionieren - wohlgemerkt die seines Mercedes. Der Moment ist gekommen, in dem Wunsch und Wirklichkeit aufeinander abgestimmt werden müssen.

Am Ende des ersten Trainingstages zum Großen Preis von Bahrain in Manama steht Nico Rosberg ganz oben in der Zeitenliste, Michael Schumacher auf Rang drei, mit einer knappen halben Sekunde Rückstand auf den Kollegen im anderen Silberpfeil. Dazwischen hat sich Lewis Hamilton geschoben, dahinter rangiert der amtierende Champion Jenson Button.

Schumacher genehmigt sich ein Eis nach Feierabend. Es war kein schlechter Anfang nach 1239 Tagen Pause. "Angenehm sommerliche Temperaturen" sagt er, auf die ersten Eindrücke befragt. Und die Erkenntnis, die Hardcore-Fans beunruhigen muss: Schumi schwitzt! Mit den beiden Problemkreisen des Rückkehrers hat das allerdings nichts zu tun: "Ich habe noch nicht ganz den Rhythmus gefunden, auf eine Runde fehlt mir noch ein bisschen Routine - genau das macht den Unterschied zu Nico aus. Aber auf die lange Distanz waren wir identisch. Es sieht nicht schlecht für uns aus, aber es geht noch ein bisschen besser." Für eine grundlegende Analyse war der heiße Freitag noch nicht aufschlussreich genug, keiner weiß, mit wieviel Sprit der andere unterwegs war.

Schumacher ist der Weltstar der Serie

Anfangs fehlt es dem Schumi-Pfeil noch an der nötigen Balance. Erste Zwischenzeit der ersten schnellen Runde am Morgen: halbe Sekunde Rückstand auf den zu dieser Zeit führenden Lewis Hamilton im anderen silbernen Auto, dem von McLaren. Zweite Zwischenzeit: eine Sekunde zurück. Dritte Zeitnahme bei der Zieldurchfahrt: anderthalb Sekunden zurück. Das Warmfahren wäre nicht der Rede wert, ginge es nicht um Schumacher. Doch der 41-Jährige provoziert die Chronik der Trivialitäten nahezu, und das wird das ganze Rennjahr so weitergehen. 19 Wochenenden, und immer ist die Einschätzung eine Frage der Perspektive: Ist für einen siebenfachen Weltmeister beispielsweise ein zweiter Platz ein Erfolg oder ein GAU? Nach der ersten Trainingseinheit liegt er 1,079 Sekunden hinter dem Führenden, Force-India-Pilot Adrian Sutil, zurück. Platz zehn. Zu sagen hat das noch nicht viel, außer: ein Champ tastet sich heran. Die Taxifahrer im Steinwüsten-Staat haben das schon hinter sich, die Preise haben sich verdreifacht am Wochenende. Champion-Zuschlag.

Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone, der finanziell am meisten von der Rückkehr des Kerpeners profitiert, beobachtet die jüngste Hysterie mit gemischten Gefühlen: "Nichts beunruhigt mich mehr als die Frage, ob diese Weltmeisterschaft das halten kann, was sich alle davon versprechen. Einen größeren Hype als im Moment können wir nicht haben." Es geht um eine Ego-Weltmeisterschaft: Schumacher herauszufordern, oder ihn zu besiegen, darüber definieren sich scheinbar alle und alles. Ob der neue Schumi ganz der Alte werden kann, hängt entscheidend von der Qualität seines Mercedes ab: "An Michael selbst habe ich keine Zweifel", sagt Ecclestone über das wertvollste Pferdchen im Stall. Allein Mercedes hat einen Werbewert von mehr als 35 Millionen Euro hochgerechnet, seit Schumacher am Tag vor Weihnachten verpflichtet wurde - und das ist nur auf fünf europäische Länder bezogen. Schumacher ist der Weltstar dieser Serie, nicht der amtierende Weltmeister.

Schmetterlinge auf Ideallinie bringen

Der Mann, der Zukunft und Vergangenheit der Formel 1 sein soll, hat die große Bühne beim Auftakt zum Großen Preis von Bahrain über den Hinterausgang des Mercedes-Autohaus am Sheikh Salman-Highway betreten. "Gebrauchtwagen" stand über der Tür. Links vom Podium, auf dem Schumacher seine Rückkehr rechtfertigen darf, hat man einer Schaufensterpuppe ein T-Shirt mit Stern und der Nummer eins übergezogen. Was wie eine Botschaft zur Erwartungshaltung an Michael Schumacher und seine Wieder-Vereinigung mit dem Silberpfeil-Team aussieht, ist in Wahrheit ein Restposten, es handelt sich um ein Hamilton-Hemdchen aus dem Vorjahr.... Es gibt auch eine neue Kollektion, mit Schumachers Startnummer drei auf dem Rücken, ein Preisschild baumelt noch nicht daran. Unbezahlbar? Auf etwa 20 Millionen wird das Jahressalär des 91fachen Grand-Prix-Siegers taxiert. Ums Geld geht es bei dieser Summe primär nicht, aber um den Stellenwert.

Was die Gegner über Schumacher denken, lesen Sie bitte auf der nächsten Seite.

Das Comeback des Rekordweltmeisters ist eine Sternstunde für alle, und der 41-Jährige geht ähnlich damit um, wie alle die, die darauf brennen, sich mit ihm zu messen: Eine Mischung aus Konzentration und Lässigkeit. Sebastian Vettel führt die Schumi-Gegnerschaft an, zumindest aus deutscher Sichtweise, noch vor Schumachers Mercedes-Kollegen Nico Rosberg (24). Aber da lauern auch Lewis Hamilton und Jenson Button im McLaren-Mercedes, Fernando Alonso und Felipe Massa bei Ferrari, wo der verlorene Sohn aus Kerpen als zusätzliche Motivation herhalten muss. Die sind alle sicher nicht langsamer geworden in den letzten drei Jahren. Überhaupt gilt es zu klären: Wer jagt hier eigentlich wen? Schumacher seiner Jugend nach, oder jagt die Jugend Schumacher? Die Frage, wer mehr zu verlieren habe, lässt er offen. "Es macht keinen Unterschied, ob man gegen einen oder fünf Favoriten antritt, am Ende geht es immer gegen den einen, der direkt vor einem ist."

Am Sonntag fährt er nach 1239 Tagen Früh-Rente seinen 250. Grand Prix. Weiter geht die Geschichtsstunde. Ob er sich erinnere an die frühen Neunziger, als er selbst gegen Idole wie Nigel Mansell und Alain Prost antreten musste? "Als ich ankam, waren die so weit weg. Dann habe ich aber schnell gemerkt, dass sie auch nur mit Wasser kochen", erinnert er sich - und formuliert damit vermutlich exakt die Art und Weise, wie die Meute ihm jetzt begegnet. Die graue Eminenz kokettiert damit, dass er nicht ständig in den Reisepass schaue: "Bei der Vertragsunterschrift habe ich mich wie ein kleiner Junge gefühlt, und seither bin ich nicht wesentlich älter geworden..." Er spricht auch verdächtig oft von einem "Spielplatz", auf den er zurückkehre. Jetzt muss er nur noch die Schmetterlinge im Bauch auf Ideallinie bringen. "Einarbeitungsphase" nennt er das.

Volles Risiko, alles oder nichts

Schumacher verneint, dass ihn das Kräftemessen mit der nächsten Generation zu übermäßigem Risiko bewegen könne: "Es geht mir generell um die Herausforderung des Rennfahrens, nicht um Namen, die ich schlagen will. Aber die jungen Wilden haben jetzt eine Chance, die sie nützen müssen." Ein rhetorisches Angebot. Volles Risiko, alles oder nichts. Der alte Schumi-Rivale Fernando Alonso macht ein Kompliment: "Einen Weltmeistertitel gegen ihn zu gewinnen, ist mehr wert. Wir sind uns doch alle einig, dass er der Beste aller Zeiten ist." Dass ausgerechnet der Spanier im Ferrari neuerdings so gastfreundlich ist, muss stutzig machen. Jenson Button (30), der amtierende Champion, ist schon frecher: "Dank Michael fühlt man sich gleich jünger." Er weiß aber auch um die Wirkung der deutschen Kühlerfigur für die Formel 1: "Diese Saison sollte elektrisieren, sonst machen wir alle etwas falsch." Die Spannung steigt, der Druck auch. Alter Mann, was tun?

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