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stern tv - RTL: Schumi zieht Bilanz

Viel wurde über den Rücktritt von Michael Schumacher spekuliert. Bei seinem - wie er selbst sagt - vorerst letzten großen Fernseh-Interview erzählte der Formel-1-Star im Gespräch mit Günther Jauch, wie der Entschluss in ihm gereift ist.

Vor sechs Wochen haben Sie zum letzten Mal den Ferrari in der Boxengasse abgestellt. Wie ist das Gefühl, nicht mehr Rennen fahren zu müssen?
Es ist eine gewisse Erlösung für mich, weil natürlich mit dem Sport auch sehr viele Verpflichtungen verbunden sind. Ich habe auch immer hohe Ansprüche an mich selber gestellt. So gab es stets einen hohen Druck, sich damit zu beschäftigen, was man besser machen muss, was man am Auto, im Team und bei sich selber verbessern kann. Das schwirrt einem permanent im Kopf herum, auch in der Freizeit. Das hat sich nun verändert, ich bin schon wesentlich entspannter geworden.

Wollten Sie aufhören, als es noch am schönsten war?
Viele Jahre war ja über meinen Rücktritt spekuliert worden. Früher hatte ich daran gar keinen Gedanken verloren. Nachdem ich in diesem Jahr wieder ein sehr gutes Auto zur Verfügung hatte und zeigen konnte, wie gut wir sein können, hatte ich gedacht: Was ist danach? Dieser ständige Druck, dieses ständige Kämpfen mit mir selber - da ist dieses Jahr der Gedanke gereift: Das möchte ich nicht mehr. Im übrigen hatte ich ja auch nie ein Problem damit, dass dieser Tag einmal kommen würde. Ich habe von Anfang an gesagt, irgendwann wird einer kommen, der schneller als ich ist...

Das haben Sie sehr oft gesagt, aber der ist zur Zeit nicht in Sicht...


Zum Glück ist der nicht in meiner Zeit gekommen - allerdings kann man nur von denen reden, die im selben Team fahren, weil man da den echten Vergleich hat. Alles andere ist spekulativ.

Sind Sie dankbar für Ihr Elternhaus, in dem Sie zunächst kurz gehalten wurden? Die Kartkarriere wäre ja so nicht möglich gewesen, wenn nicht Hilfe von außen gekommen wäre.
Ich kann mich in keiner Weise beschweren. Ich habe im Grunde immer alles gehabt, auch wenn vielleicht nicht für alle Dinge die finanziellen Mittel vorhanden waren. Manchmal hat man nur gewisse Möglichkeiten, aber wenn das einem auf so liebevolle Weise wie bei mir vermittelt wird, dann ist das viel wichtiger als materielle Werte. Was die Gefühle betrifft, waren wir eine sehr reiche Familie.

Als Sie in Silverstone in den Reifenstapel gerast waren, spürten Sie, dass Ihr Herzschlag immer langsamer wurde. War das tatsächlich so, oder war das Einbildung?


Über diese Frage habe ich nie mit einem Arzt gesprochen. Damals lag ich da ruhig und hörte meinen Herzschlag, der nach und nach immer weniger wurde. Irgendwann hörte er ganz auf, und alles wurde ganz schwarz. Da denkt man: Ist jetzt der Moment gekommen, in dem alles vorbei ist? Das war eine sehr schreckliche Situation.

Stand für Sie Ihre Karriere irgendwann einmal auf der Kippe, zum Beispiel nach dem Tod von Ayrton Senna?


Ja, auf jeden Fall. Zu dem Zeitpunkt war ich schon viele Jahre im Rennsport. Das war das erste Mal, dass ich in meinem Sport mit dem Tod konfrontiert wurde. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass das passiert. Früher war so etwas öfter vorgekommen, weil die Autos sehr unsicher waren - aber nicht in unserer Zeit. Und plötzlich war ein "Idol" nicht mehr unter uns. Es bereitete mir immense Schwierigkeiten, damit umzugehen, das zu verkraften, zu verstehen und zu akzeptieren.

Hat Ihre Frau Sie nie gebeten aufzuhören?


Nein, das war nie ein Thema für uns. Meine Frau hat mich zu jeder Zeit zu hundert Prozent unterstützt. Sie ist dem Rennsport schon seit sehr langer Zeit verbunden und kennt die Risiken. Sie ist da sehr entspannt.

Was haben Sie in Ihrem Leben falsch gemacht?


Wenn ich an den Rennsport denke, muss man Jerez 97 nennen, die Rempelei mit Villeneuve. Ich bin jemand, der sich nicht unmittelbar danach hinstellen und sofort alles komplett analysieren kann. Gewisse Dinge brauchen bei mir Zeit; mir musste erst klar werden, was ich dort für einen Mist gebaut hatte. Dazu muss man aber auch sagen: Ich bin im Zeitalter von Senna, Prost, Mansell groß geworden, die mit viel härteren Bandagen gekämpft haben. In dieser Formel-1-Welt lebte ich damals. So war für mich in Jerez klar: Villeneuve kommt an mir nicht vorbei, egal was passiert - und dann kam dieser Überraschungsmoment, als er plötzlich neben mir war. Heute würde ich das sicherlich ganz anders machen.

Was würden Sie gerne zum Abschluss sagen?


Der größte Dank geht an meine Fans, die mich all die Jahre zum Erfolg getragen haben. Ich habe das alles auch erreicht, weil ich so viel Unterstützung bekommen habe, besonders in den schwierigen Momenten.

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