Ferrari-Krise Intrigantenstadl in der Boxengasse


Ferrari steuert im Renn-Jahr eins nach Michael Schumacher eher ins Chaos als auf Titelkurs. Der Große Preis von Frankreich kann schon die Vorentscheidung bringen, ob die Italiener die Wende in der Formel 1 schaffen - oder als Intrigantenstadl enden.
Von Elmar Brümmer

Das Bild neulich aus der Boxengasse von Montreal könnte sinnbildlich stehen für die generelle Situation beim Formel-1-Team von Ferrari: die Rennwagen von Felipe Massa und Kimi Räikkönen stauten sich hintereinander beim Tankstopp. Ein Alarmsignal, kurz vor Saisonhalbzeit lahmt das cavallino rampante, das springende Pferdchen, doch ziemlich. Vor dem Großen Preis von Frankreich liegt die Scuderia in der Konstrukteurswertung 35 Punkte hinter McLaren-Mercedes auf Rang zwei, Felipe Massa hat 19 Zähler Rückstand auf WM-Tabellenführer Lewis Hamilton, Kollege Kimi Räikkönen liegt beinahe aussichtslose 26 zurück. Einen Stau kann man sich bei einer Aufholjagd mitten in der Saison erst recht nicht leisten. Da staut sich gerade noch mehr auf als Autos - Frust und Druck. In Kombination mit einem sehr eigenwilligen medialen Mikroklima führt das nicht immer nur zu Leistungsexplosionen, wie der vermeintliche Skandal um den beurlaubten Ex-Chefmechaniker Nigel Stepney zeigt.

Den Start in eine neue Ära hat man sich in Maranello ganz anders vorgestellt, eine nach dem Rücktritt von Michael Schumacher personell runderneuerte Rennabteilung sollte den Weg zurück nach vorn gestalten - mit deutlich stärkerer italienischer Prägung. Doch Ferrari-Direktor Jean Todt kann sich nicht so aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, wie er sich das vorgestellt hat. Er kehrt jedes Wochenende an die Rennstrecke zurück - als Krisenmanager. "Wenn wir einen guten Job machen, können wir mehr als zwei Punkte pro Rennen aufholen", rechnete der Franzose vor dem letzten Grand Prix in den USA die ideale Marschroute zurück an die Spitze vor. Das Ziel wurde in Indianapolis aber verfehlt, beim letzten Rennen verlor Ferrari noch mal sieben Zähler auf die bislang fehlerlosen Silberpfeile.

Jean Todt versucht, die Lage herunterzuspielen

Todt versucht die Lage herunterzuspielen, und kann immerhin auf vier Pole-Positionen und drei Grand Prix-Siege verweisen. Eine optimale Bilanz - allerdings nur, wenn man nur den Saisonstart betrachtet. Danach brachte Ferrari ein neues Modell an den Start, und seither geht es abwärts, ausgerechnet. Es wird gerätselt und spekuliert, warum die Italiener nur noch hinterherfahren, und eine technische Panne im Windkanal allein als Erklärung reicht nicht. Da muss mehr gekühlt werden als nur ein Motor, der zu wenig Fahrtwind bekommt.

Vielmehr wird jetzt richtig deutlich, dass die Scuderia in der ersten Phase der Saison, als sie einen komfortablen Vorsprung vor allen anderen hatte, noch reichlich von der Vorarbeit des kongenialen Fahrer/Techniker-Duos Michael Schumacher und Ross Brawn zehren konnte. Der Brite Brawn hat sich für 2007 eine Auszeit erbeten und will in den nächsten Wochen entscheiden, ob er Ende des Jahres in die Formel 1 zurückkehrt - und ob er dann bei Ferrari bleibt. Der 52-Jährige kann mit einem Angebot von Honda pokern und will sicher nicht bloß als Technikchef zurückkehren. Möglich, dass er das Amt von Teamdirektor Jean Todt beerbt. Dann könnte der richtige Umbau der Rennabteilung passieren, und für die nächste Stufe stünde dann der derzeitige Berufs-Urlauber Michael Schumacher vermutlich auch für ernsthaftere Einsätze am Ferrari-Kommandostand zur Verfügung.

Schumi wird zum Fluch

Schumi, nachdem natürlich bereits alle als Retter rufen, war ein Jahrzehnt lang der Segen für Ferrari - und jetzt wird er vorübergehend zum Fluch. Die Anlaufschwierigkeiten des Rennstalls zeigen, wie sehr alles auf ihn zugeschnitten war, wie sehr von seiner Leistung - gerade neben der Rennstrecke - die Stabilität des fragilen Rennstallgebildes abhängig war. Ferrari muss nach dem Umbruch, der sich gerade als Einbruch darstellt, erst wieder neu laufen lernen. Die Gefahr liegt in der alten Ferrari-Mentalität, die Todt ausgetrieben glaubte - eine Intrigenwirtschaft, die zwei Jahrzehnte lang den Titelgewinn verhindert hatte.

Besserwisser in den eigenen Reihen gibt es wieder viele, vorherrschend ist aber die Ratlosigkeit. Schließlich muss sich die ganze Renn-Mannschaft an einen neuen Arbeitsstil gewöhnen. Michael Schumacher hatte die Rolle des Chef-Piloten neu definiert, sich akribisch mit technischen Details befasst und in stundenlangen Briefings Entscheidungen vorangetrieben. Diese aktive Rolle mag Kimi Räikkönen nicht übernehmen, kann er vielleicht auch nicht. Der große Schweiger hat bei McLaren die Entwicklung und Abstimmung des Rennwagens von den Ingenieuren verordnet bekommen. Jetzt muss der als Schumi-Nachfolger verpflichtete Finne erkennen, dass das Talent zum Schnellfahren allein nicht reicht, um bei Ferrari zur Nummer eins zu werden. Es klingt hilflos, wenn er bilanziert: "Mit Sicherheit hatten wir nicht erwartet, auf dieser Position zu stehen. Ich denke, dass wir einfach versuchen müssen, uns zu verbessern; versuchen, die Dinge so hinzubekommen, wie wir das wollen; versuchen, zu beginnen, Rennen zu gewinnen." Ein echter Versuchs-Ingenieur...

Massa holt sich häufig Rat bei Schumacher

Felipe Massa hat zwar viel von Schumacher gelernt, und holt sich auch - im Gegensatz zu Räikkönen - häufig den Rat des Deutschen ein. Aber er ist zu sehr damit beschäftigt, seine eigene Position zu festigen und den ihm vor die Nase gesetzten Räikkönen hinter sich zu lassen, als dass er einen ganzen Rennstall nach vorn treiben kann. Die Scuderia, bislang exklusiver Entwicklungspartner des Pneu-Herstellers Bridgestone, hat durch die Einführung der Einheitsreifen zudem einen technischen Vorteil eingebüsst. Zudem macht die völlig veränderte Reifencharakteristik den roten Rennwagen schwer ausrechenbar. So nervös wie das Auto reagiert das ganze Ensemble. In Magny-Cours, auf einer Strecke, die dem F 2007 theoretisch liegen dürfte, muss endlich ein befreiendes Ergebnis her.

Das Team tut - trotz des Boxengastes Michael Schumacher gut daran, nicht bei jedem Problem in die Vergangenheitsform zu verfallen und zu sinnieren, was Schumi wie in welcher Situation getan hätte. Ferrari befindet sich in einem echten Emanzipationsjahr. Das Feuer brennt noch - leider momentan unterm eigenen Dach.


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