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Formel 1: Spione in der Boxengasse

Ein Doping-Problem hat der Top-Motorsport nicht, dafür einen handfesten Spionage-Skandal. Abgucken, abwerben, sabotieren - in der Boxengasse tobt ein wirklich kalter Krieg. Willkommen im Copyshop Formel 1.

Von Elmar Brümmer

Willem Toet, heute Chef der Aerodynamik-Abteilung von BMW-Sauber hat in seiner Zeit beim Ferrari-Team auch die "Konkurrenzbeobachtung" übertragen bekommen. Wie ein Tourist sollte er über die Startaufstellung vor dem Rennen schlendern und mehr oder weniger unauffällig die interessanten Details an den Fahrzeugen der Konkurrenz ablichten. Auch ein Verwandter des Niederländers soll dabei eine Rolle gespielt haben. Der stellte sich mit seinen schwarz-weiß karierten Hosen neben ein Auto. Nach diesem "Erinnerungsfoto" konnten später Skizzen gemacht werden, denn das Schachbrettmuster diente als idealer Maßstab für das Nachmessen - und den Nachbau - von Flügelteilen.

Ferrari hat zum wiederholten Mal Ärger mit unzufriedenen Mitarbeitern. Erst im April waren die Ingenieure Angelo Santini und Mauro Iacconi in Modena wegen der "Weitergabe von Werksgeheimnissen" zu Bewährungsstrafen von neun und 16 Monaten verurteilt worden. Die beiden hatten 2003 eine CD mit Konstruktionsdaten zu ihrem neuen Arbeitgeber Toyota mitgenommen. Der japanische Rennwagen kam Ferrari-Teamchef Jean Todt daraufhin sehr italienisch vor, er erstattete Anzeige. Bei einer Razzia der Kölner Staatsanwaltschaft in der Toyota-Rennfabrik im Vorort Marsdorf sprang den Beamten ein bekanntes Markenzeichen förmlich aus dem Computer entgegen: Das Pferdchen von Ferrari. Eine Art elektronisches Wasserzeichen zur Sicherung der Urheberrechte an Rennwagenzeichnungen, das sich beim besten Willen nicht löschen ließ. Toyota wies jede Mitwisserschaft von sich, trennte sich aber später von seinem Chefdesigner Gustav Brunner. Das Verfahren wegen Industriespionage gegen Toyota-Offizielle in Deutschland ist noch anhängig.

Insiderwissen ist käuflich

Dass es in den Hinterhöfen der Formel 1 schmutzig zugeht, darf auch ohne die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft angenommen werden. Einer der Weltmeister-Motoren von Mercedes-Benz verschwand mal auf dem Weg zum Großen Preis von Argentinien. Mit Verzögerung tauchte das Kraftpaket dann doch noch beim Silberpfeil-Team auf. Allerdings geöffnet - Kiste wie Zylinderköpfe.

Tatort Boxengasse. Auf dem grauen Markt ist Insiderwissen käuflich, aber teuer. Doch selbst ein paar hunderttausend Euro für besonders detaillierte Informationen sind angesichts der immensen Kosten für Eigenentwicklungen beinahe ein Schnäppchen. Besonders beliebt ist es auch, den Funkverkehr der anderen während des Rennens abzuhören. Wer weiß, über was die Konkurrenz spricht, kann leicht Rückschlüsse über Strategie und Tankmengen ziehen. Deshalb müssen die Fahrer nach dem Verkehr neuerdings auch beachten, welches Codewort gerade aktuell ist. Die Parolen wechseln manchmal von Tag zu Tag, je nachdem, wie schnell der gegnerische Abhördienst sie dechiffriert hat. Die Antennenmasten, die im Fahrerlager aus den Transportern sprießen, dienen nicht nur der eigenen Datenübertragungen, sie sollen auch die Frequenzen der anderen überwachen. Die Anlagen werden immer leistungsfähiger - ohnehin ist die Elektronik das Doping der Formel 1.

Spione, die aus der Kälte kommen

Noch sensibler sind die Telemetriedaten, die in ungeheuren Gigabyte-Größen zwischen Rennwagen, Boxenkommandoständen und Fabriken hin und hergeschickt werden, es sind die intimsten Geheimnisse der Formel-1-Technik. Das Weltmeisterteam von Renault, auf dem Gebiet der Elektronik seit Jahren führend, hat die Computerzugänge in seiner Hightech-Schmiede in Südengland allein durch vier verschiedene Zugangscodes und vielen in sich verschachtelte Firewalls gesichert, die Daten für sich sind nochmals komprimiert und verschlüsselt. Der IT-Bereich des französischen Rennstalls wurde das Opfer von Profi-Hackern, in den Datenklau der Motoren-Software sollen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verwickelt gewesen sein. Also wirklich Spione, die aus der Kälte kamen.

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