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Formel 1 in Singapur: Vettel verspielt WM-Chance leichtfertig

Eine Durchfahrtstrafe kostet Sebastian Vettel in Singapur den zweiten Platz und seine Chance auf den WM-Titel. Weltmeister Lewis Hamilton siegt souverän, ein anderer Deutscher fährt auf Platz zwei.

Von Elmar Brümmer, Singapur

Nachtschicht in der Formel 1, das ist nur etwas für besonders ausgeschlafene Jungs. Bis gestern Abend, Ortszeit Singapur, war es keine Frage, dass Sebastian Vettel unbedingt dazuzählen ist. Doch ein simpler Infrarot-Blitz hat den deutschen Red-Bull-Piloten wohl endgültig um die letzte Titelchance gebracht. Statt dem sicheren zweiten Platz hinter dem Silberpfeil von Lewis Hamilton bleibt am Ende nur Rang vier. Toyota-Pilot Timo Glock aus Wersau stiehlt ihm mit dem zweiten zweiten Platz seiner Karriere glatt das Rampenlicht und urteilt über das, was Vettel in der entscheidenden Szene wohl fehlte: "Hier kann der Fahrer den Unterschied ausmachen - und die Konzentration."

Der Alptraum drückt sich mit Blick auf das Szenario des WM-Endspurts aus. Bei drei noch ausstehenden Rennen in Suzuka gleich am nächsten Wochenende, Sao Paulo und Abu Dhabi hat der komfortabel fünft platzierte Brite Jenson Button nun 84 Punkte auf dem Konto, und damit einen weiteren Zähler auf seinen auf Platz sechs gelandeten Brawn-Temkollegen Rubens Barrichello (69) gutgemacht. Sebastian Vettel belegt mit 25 Punkten Rückstand auf Button WM-Rang drei - bei maximal 30 zu gewinnenden. An diese Chance können Theoretiker glauben, aber die machen auch nicht so viele Fehler wie die Red-Bull-Besatzung in dieser Saison. Dem Heppenheimer bleibt nur das, was schon beim Kampf im beleuchteten Straßendschungel von Singapur schief gegangen ist: "Für uns heißt das für die nächsten Rennen: Volles Risiko!"

Vettels dunkler Moment in der schwülen Renn-Nacht am Äquator passiert in der 40. von 61 Runden. Letzter Boxenstopp, bis auf 1,1 Sekunden hat sich der Red Bull ans Heck von Hamilton herangeschoben. Hamilton gibt ohne Verfolger im Nacken auf der Strecke richtig Gas - der Heppenheimer leider auch. Vor den Garagen überschreitet sein Auto die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Ob es der Fehler des Fahrers oder der des Teams war, muss die Datenaufzeichnung von Red Bull noch ergeben. In jedem Fall bedeutete es eine Durchfahrtstrafe, aus Rang zwei wird der vierte Platz. Fast landet Vettel noch in der Mauer, so schwer ist sein Bolide auf der Buckelpiste der Innenstadt zu steuern, so groß ist der Frust.

"Mein Auto hat sich zum Teil aufgelöst"

Im besten Falle hätte er in dieser Nacht sechs Punkte auf den Nerven zeigenden Button gutmachen können. "Ich habe den Speedlimiter gedrückt und ich hatte nicht das Gefühl, zu schnell gewesen zu sein", lamentierte Vettel später, "es war schade. Und am Ende hat sich mein Auto dann zum Teil aufgelöst." Singapur ist kein Einzelfall, der noch junge Red-Bull-Rennstall scheiterte in dieser Saison schon häufiger an solchen Unpässlichkeiten. Diesmal war es ein brandgefährliches Bremsproblem, dass Vettels Aufholjagd noch zusätzlich erschwerte. Er musste froh sein, überhaupt ins Ziel gekommen zu sein - der abgefallene Außenspiegel zeugt davon.

Strafhalt bremst Nico Rosberg aus

Nach dem ersten Renndrittel hatte schon der Wiesbadener Nico Rosberg den am Start mit seinem Williams erkämpften zweiten Rang verloren, er hatte bei der Boxenausfahrt zu früh die weiße Begrenzungslinie überfahren. Auch für ihn das harsche Urteil: Strafhalt. In Kombination mit einer Safety-Car-Phase als Deja-Vu-Erlebnis zu der im Vorjahr von Nelson Piquet verschobenen und von Fernando Alonso gewonnenen Nacht-Premiere rutschte Rosberg auf einen desillusionierenden elften Platz. Ausgelöst wurde die Neutralisierung von zwei anderen Renn-Teutonen. Adrian Sutil, in Monza zuletzt noch Überraschungs-Vierter wurde mit dem Force India in der 21. Runde des 14. WM-Laufs wieder zum Verkehrshindernis. Bei einem Überholversuch rutschte er weg und kam so unglücklich zum Stehen, dass ihm Nick Heidfeld im runderneuerten Werks-BMW den Frontflügel rasierte, bevor er sich ins Aus drehte. Ein Alptraum-Ergebnis.

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