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Kommentar

Playoff-Endspiel: Warum Italien bei der WM einfach dabei sein muss

Argentinien hat es auf den letzten Drücker geschafft, die Niederlande nicht. Heute Abend geht es für Italien gegen Schweden um die Teilnahme an der WM in Russland. Für die große Fußballnation wäre das Aus ein Desaster. Für Fußball-Romantiker auch.

Gianluigi Buffon, Torwart von Italien

Daumen hoch: Für seine letzte Fußball-WM wird Torwart-Legende Gianluigi Buffon mit Italien gegen Schweden noch einmal alles geben

Zugegeben, die Ausgangslage ist denkbar schlecht. Das 0:1 aus dem Hinspiel in Stockholm hat den Italienern ausgesprochen wenig Mut gemacht, die Qualifikation zur Fußball-WM 2018 in Russland über den Playoff-Umweg doch noch zu packen. Schlimmer noch: Die Schweden waren giftiger, auch unfairer, schlicht heißer auf den dreckigen Sieg. Sie waren alles, was der Fan in einem entscheidenden Match normalerweise von der Squadra Azurra gewohnt ist.

Andererseits ist der Fan auch gewohnt, dass Italien bei einer Fußball-WM am Start ist. Nicht der Fall war dies zuletzt 1958 beim Endturnier in, ausgerechnet, Schweden. Und bei aller Antipathie, die vor allem der deutsche Fan bisweilen gegen die nickelige Nationalmannschaft in den blauen Trikots hegt: Ein Weltturnier ohne den Angstgegner wäre einfach nicht dasselbe.

"Schlechte Qualität, unorganisiert und ziellos"

Sicher, besonders viel Spaß macht es dieser Tage nicht, der "schlechten Qualität einer unorganisierten und ziellosen Elf" ("Tuttosport") um das ewige Torwart-Denkmal Gianluigi Buffon zuzuschauen. Andererseits waren für den fußballerischen Augenschmaus schon immer eher andere zuständig - zum Beispiel die Niederländer, die nächstes Jahr in Russland bei aller Häme ebenfalls eine große Lücke im Line-up hinterlassen.

Warum Italien bei der WM trotzdem dabei sein muss? Weil sie mit ihrer Mentalität selbst in limitierten Zeiten zu jenen Duellen in der Lage sind, an die sich der Fußball-Romantiker noch lange erinnert - wenn auch vielleicht nicht gerne. Spiele gegen Italien haben immer das Zeug zum Klassiker, nicht zuletzt für die DFB-Elf: Man erinnere sich nur an das atemberaubende Halbfinale bei der WM 2006, an Mario Balotelli bei der EM 2012 oder an das Elfmeter-Drama bei der Europameisterschaft in Frankreich im vergangenen Jahr.

Der gewiefte Statistiker könnte nun einwenden, dass Italien aber schon bei den Weltturnieren 2010 und 2014 nicht viel auf die Reihe bekommen hat und jeweils nach der Vorrunde den Heimweg antreten musste. Warum sollten sie es also ausgerechnet im nächsten Jahr nach derart mühevoller Qualifikation besser machen? Die Antwort kostet drei Euro ins Phrasenschwein, ist aber deshalb nicht weniger wahr: Weil Italien dazu immer in der Lage ist.

Schon bei der EM 2016 standen sie bei keinem Experten auf dem Zettel, und doch hatten sie die Weltmeister von Jogi Löw im Viertelfinale am äußersten Rand der Niederlage. Und auch wenn sich Abwehrspieler Giorgio Chiellini kürzlich beklagt hat, dass der "Guardiolismo" des Fußballs die italienischen Defensivkünstler ihrer Stärke beraubt hätte: Der aktuelle Leistungsstand spielt für die Turnierperformance einer großen Fußballnation aufgrund ihres Selbstverständnisses traditionell nur eine untergeordnete Rolle.

Ein gutes Beispiel für diese These lieferte Anfang des Jahrtausends ausgerechnet die Generation der deutschen Rumpelfußballer, die sich nach der peinlichen EM 2000 erst über die Playoff-Spiele gegen die Ukraine für die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea qualifizierte - wo sie es mit Minimalistenfußball und einem Oliver Kahn in der Form seines Lebens trotzdem bis ins Finale gegen Brasilien schaffte.

Fußball-WM ohne Italien? "Die Apokalypse ist nah"

Davon sind die Italiener aktuell noch einige Meilen entfernt. "Die Apokalypse ist für die Azzurri nah und Russland noch nie so weit entfernt gewesen", moderiert die "Gazetta dello Sport" mit dem üblichen Pathos das Rückspiel im Mailänder San Siro an. Um den fußballerischen Totalschaden abzuwenden, werden sie die Unterstützung der Fans im in die Jahre gekommenen Fußballtempel brauchen. Und sie werden auf ihre alten, abgezockten Tugenden zurückgreifen müssen, um alle fußballerischen Defizite noch ein letztes Mal zu überspielen.

Nichts gegen die sympathischen Schweden, aber die Nostalgiker unter uns möchten ihnen zurufen: Reißt euch zusammen, ragazzi! Wir würden euch sonst sehr vermissen.

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