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Kommentar

Personen größer als Klubs?: Akte Hochstätter: Liebe Fußballvereine, holt euch eure Macht zurück!

Christian Hochstätter und der VfL Bochum. Die Geschichte eines Mannes, der es schaffte einen ganzen Verein zu spalten. Am Mittwochabend zog der VfL die Reißleine und warf den Sportdirektor raus. Viel zu spät, wie unser Autor findet. So kann es nicht weitergehen.

Christian Hochstätter entlassen - VfL Bochum am Abgrund

Christian Hochstätter sagt tschüss – doch warum erst jetzt ?

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Der Slogan des VfL Bochum lautet : "Mein Revier ist hier!" Doch ist es in den letzten Jahren noch das Revier des Ruhrgebietsklubs gewesen? Oder eher das Revier des Christian Hochstätter?

Der Fall Hochstätter sorgte, nach langer Zeit mal wieder, für mediales Interesse an der Castroper Straße in Bochum. Am Mittwochabend hat der kriselnde Zweitligist seinen Sportdirektor von seinen Aufgaben im Verein entbunden. Der hatte mit seinen Aktionen den Rauswurf quasi erzwungen. Er hatte mit egoistischem Verhalten dem Verein nachhaltig geschadet und in die Krise gestürzt.

Die "Butter-Affäre" spaltet den Verein

Die Akte Hochstätter ist keine Erfolgsgeschichte. Seit 2013 war der gebürtige Augsburger und ehemalige Nationalspieler in Diensten der Bochumer. Der ambitionierte Verein aus dem Westen hat seitdem nicht einmal dort mitgemischt, wo er sich gerne sehen würde – im Aufstiegsrennen.

Hochstätter gab dabei oft keine gute Figur ab. Vor der Saison beispielsweise entließ er Trainer Gertjan Verbeek wegen sportlicher Differenzen. Es folgte Ismail Atalan, der  gerade einmal ein paar Wochen lang das versuchen durfte, was nun nüchtern betrachtet unmöglich erscheint: mit Christian Hochstätter klarzukommen. Nachfolger Jens Rasiejewski tat das zwar, führte den VfL allerdings noch tiefer in den Abstiegssumpf. Nun steht mit Heiko Butscher bereits der vierte Trainer in dieser Saison an der Seitenlinie der Bochumer. Was ist aus dem ambitionierten Ruhrgebietsklub geworden?

Kapitän Felix Bastians wurde aus dem Verein geekelt, nachdem die "Butter-Affäre" öffentlich wurde. "Brot kann schimmeln, ihr könnt nichts", soll er der Führungsetage entgegengerufen haben, nachdem ihm vor dem Spiel gegen Nürnberg Milchprodukte verabreicht worden sind. Bastians hat eine Laktoseunverträglichkeit, die seit Jahren im Verein bekannt war. Daraufhin suspendierte Hochstätter Bastians und verkaufte ihn schließlich nach China. Danach brach das Verhältnis von Führungsebene und Team, von Verein und Fans. Die Anhänger boykottierten Spiele der eigenen Mannschaft, skandierten immer wieder "Hochstätter raus". Der Verein hielt an Hochstätter fest. Zum Unmut der meisten Fans.

 

Erst Schaden anrichten, dann abziehen und eine saftige Abfindung kassieren

Nun, zu Beginn des Jahres, liegt der Traditionsverein am Boden. Keine Einheit auf dem Platz, im Verein und im Stadion. An besonders tristen Tagen wollen nur noch 9000 Zuschauer die Heimspiele des VfL sehen.

Als es auch mit Trainer Rasiejewski sportlich weiter bergab ging, zogen die VfL-Bosse die Reißleine. Am Mittwochabend feuerte man Hochstätter und Rasiejewski. Hochstätter hatte an einem Fan-Talk am Montag angeblich Interna ausgeplaudert und Kollegen sowie Spieler öffentlich harsch kritisiert. "Wenn ich morgen sage, ich bleibe zu Hause, dann ist dieser Verein nicht handlungsfähig", soll Hochstätter dort gesagt haben. Nun ja. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Prognose korrekt war. Man darf zumindest Zweifel haben.

Bitter für den VfL: Hochstätter war bis 2020 an den Klub gebunden. Die Abfindung wird dem sowieso finanziell stark gebeutelten VfL einiges abverlangen. 

Aubameyang und Co. – Vereine lassen sich am Nasenring durch die Arena ziehen

Der Fall Hochstätter ist ein weiteres Indiz dafür, was im Fußballgeschäft momentan schiefläuft. Spieler und Funktionäre stellen sich selbst über ihren Arbeitgeber. Sie positionieren ihr Ego – wie kleine Kinder – über den Zielen des Vereins. Stiften Brände, sorgen für Chaos. Und ziehen dann weiter, als wäre nichts gewesen.

In Dortmund kann man davon ein Lied singen. Gleich zwei Superstars, Aubameyang und Dembélé, erpressten ihren Wechsel. Die Vereine scheinen machtlos. Aber sind sie es wirklich? Warum wird bei Fußballvereinen, die heutzutage nur noch wie Firmen agieren, nicht rigoroser gehandelt? Warum traut sich niemand, einfach mal ein Exempel zu statuieren?

Im Fall Hochstätter hätte der Klub den Angestellten längst feuern müssen, ehe jemand auf die Idee kommt, ihm einen neuen Vertrag vorzulegen. Das wäre möglich gewesen. Ebenso wie der BVB einen Aubameyang auch auf die Tribüne hätte setzen können. Einfach um zu zeigen, wie die Rollen verteilt sind.

Wo ist die Weitsicht der Vereine? Warum fehlt das Gespür?

Wann begreifen die Vereine endlich, dass sie am längeren Hebel sitzen (könnten)? Wann zeigen sie ihren Angestellten, dass kein Spieler, kein Funktionär größer ist als der Verein? Es muss Schluss damit sein, sich auf der Nase herumtanzen zu lassen. Sonst werden die Probleme nur größer und größer. Die Sorgen und Diskussionen werden sich immer und immer wieder wiederholen. 

Die Klubs müssen endlich diese Weitsicht entwickeln, sie brauchen wieder ein besseres Gespür für die eigenen Bedürfnisse. Es ist an der Zeit, dass sich die Vereine endlich ihre Macht zurückholen. 

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