HOME

Stern Logo Bundesliga

Analyse

HSV-Boss Beiersdorfer: Der Überforderte

Die gescheiterte Verpflichtung von Bochums Sportdirektor Christian Hochstätter ist nur eine weitere Farce in der zweiten Ära des Dietmar Beiersdorfer. Warum ist der HSV-Boss eigentlich noch im Amt?

Dietmar Beiersdorfer

Viel Macht, wenig Erfolg: Dietmar Beiersdorfer, Vorstandsvorsitzender des HSV und Gesicht der Krise des Vereins

... und schon wieder gibt es zwei Versionen: "Die Ablöseforderung des VfL Bochum war nicht hinnehmbar", begründete HSV-Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer gegenüber dem "Hamburger Abendblatt", warum die Verpflichtung von Christian Hochstätter geplatzt sei. Die Hamburger hätten 500.000 Euro für den Sportvorstand des Zweitligisten gezahlt, die Bochumer sollen aber einen siebenstelligen Betrag gefordert haben und seien auch nicht zu Verhandlungen bereit gewesen. Für den HSV sei das Thema damit erledigt gewesen.

In Bochum sehen sie die Angelegenheit ein bisschen anders. Hans-Peter Villis, Aufsichtsratschef des VfL, sagte: "Die Darstellung, dass der HSV uns abgesagt hätte, ist schlichtweg falsch." Christian Hochstätter habe ihn gegen 20 Uhr (am Sonntag, Anm. d. Red.) informiert, dass er dem HSV abgesagt habe: "Und darüber bin ich froh." Auch habe der HSV sein Angebot am Wochenende nicht noch einmal erhöht, so Villis. Überhaupt habe es keine wirklichen Verhandlungen gegeben, lediglich HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein habe sich in Bochum gemeldet: "Von Beiersdorfer habe ich gar nichts gehört."

HSV: "Außendarstellung zum Fremdschämen"

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, aber das spielt beim HSV schon lange keine Rolle mehr - denn der frühere TV-Kommentator Marcel Reif hat Recht, wenn er im Sport1-"Doppelpass" sagt: "Die Außendarstellung des Vereins ist zum Fremdschämen." Und daran trägt Beiersdorfer einen Großteil der Schuld. Wenn der Verein "seit Jahren eine Lachnummer" (Reif) ist, dann spielt der Boss die Hauptrolle in der Klamotte: Didi, der Überforderte. Den Fans bleibt das Lachen schon lange nur noch im Halse stecken.

Denn es ist nicht das erste Mal, dass Beiersdorfers Version sich gravierend von der seiner Verhandlungspartner unterscheidet. Erst kürzlich war er sich in den Gesprächen mit Ex-HSV-Kapitän Nico Hoogma nicht einig geworden. Hoogma galt Beiersdorfer ohnehin nicht als Wunschkandidat. Das ließ der Clubchef den Niederländer auch wissen, der daraufhin verbittert absagte: "So geht man nicht mit einem Menschen um." Beiersdorfer betonte trotzdem weiter öffentlich, dass er Hoogma abgesagt habe - und nicht umgekehrt. Öffentlichkeitsarbeit zum Fremdschämen.

Und es ist auch nicht das erste Mal in der zweiten HSV-Ära des Funktionärs Beiersdorfer, dass es ein bisschen peinlich wird. Im Sommer 2014 kehrte der Hoffnungsträger von Zenit St. Petersburg zurück an die Elbe, wo er von 2002 bis 2009 bereits eine erfolgreiche Zeit als Sportchef erlebt hatte. Doch aller Zauber von früher scheint verflogen: Fragwürdige Verpflichtungen und unglückliche Trainerentscheidungen prägen einen fahrigen Eindruck von Beiersdorfers Handeln. Die Posse um Hochstätter erinnert eklatant an das wochenlange Werben um Trainer Thomas Tuchel, der sich 2015 dann doch für den BVB entschied.

Beiersdorfer scheint seine Fehler also zu wiederholen und das ist so ziemlich das schlechteste Zeugnis, das einem Verantwortlichen in seiner Position ausgestellt werden kann. Eigentlich müsste sich also zwangsläufig die Frage stellen: Warum ist er überhaupt noch im Amt - oder wird nicht zumindest stärker infrage gestellt? Wahrscheinlich wollen sie es nicht wahrhaben. Schließlich wurde Beiersdorfer eigentlich als großer Hoffnungsträger verpflichtet.

Dietmar Beiersdorfer und die größte Fehleinschätzung

Aber so langsam drängt sich die bittere Erkenntnis auf: Vielleicht war der 52-Jährige schon während seiner ersten Ära als Sportchef im Verein gar nicht so kompetent, wie alle dachten. Vielleicht hatte der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann doch einen größeren Anteil am Erfolg als allgemein angenommen. Schließlich wurde Hoffmann seinerzeit selten ernst genommen und umso häufiger belächelt, was seine sportliche Kompetenz betraf.

Es wäre nicht die erste Fehleinschätzung der letzten Jahre im Volkspark. Mit dem entscheidenden Unterschied: Die meisten anderen Fehleinschätzungen betrafen nicht Beiersdorfer, sondern sind von Beiersdorfer zu verantworten. So stellt sich in diesem harten Hamburger Herbst am Ende des grauen, kalten Tages vor allem eine entscheidende Frage: Ist es womöglich die größte Fehleinschätzung, noch länger an Beiersdorfer festzuhalten?

Wissenscommunity