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Anmerkungen aus der Fußball-Provinz: Wenn Waldi wie ein Praktikant aussieht

Die ironischen Antworten des Nürnberger Trainers Hans Meyer auf bohrende Fragen von TV-Reportern sind legendär. Trotzdem sind sie nicht immer feingeistig, wie es heißt, sondern eitel und ernst. Wenn er Waldi Hartmann wie einen Praktikanten aussehen lässt, hört der Spaß auf.

Von Oliver Fritsch

Einerseits kann ich Hans Meyer gut verstehen. Der Haltung, der Berufsbranche der TV-Sportreporter, die oft nur auf Effekthascherei aus ist und auf den vermeintlich großen Skandal giert, den Respenkt zu verweigern, dieser Haltung kann ich meine Sympathie nicht verweigern. Auch dass er den Schlagzeilenjägern der Knallpresse vor Jahren die Kooperation gekündigt hat, rechne ich ihm als Charakterstärke an.

Andererseits, wenn er wieder mal Waldi Hartmann wie einen Praktikanten aussehen lässt, kann es sein, dass sich mein Vergnügen rasch in Abscheu wandelt. Keine Frage, der Mann ist wohl einer der besten deutschen Trainer, und es ist eine Schande, dass das erst jetzt, kurz vor (oder sogar nach) seiner Rente, den Experten auffällt. Doch so sehr ich es schätze, dass jemand die dummen Fragen der Fernsehreporter gegen die Wand laufen lässt, meist überdosiert Meyer seine Gehen-Sie-davon-aus-Ironie zur überheblichen Marotte. Zudem wirkt es oft sehr angestrengt, fast grimmig, wie er vors Mikro tritt.

Der künstliche Gegner: die Medien

Wohlmeinende halten ihm zugute, dass er seine Mannschaft, wie jetzt in diesen schweren Nürnberger Wochen, vor Kritik schütze, weil er alle Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Eine Strategie also. Da könnte was dran sein, zudem dient es der Gruppenbindung, wenn der Trainer einen künstlichen Gegner aufbaut - und seien es "die Medien". Doch warum hat er diese "Strategie" auch schon ausgeübt, als alles rund lief? Mit wem wird der Nürnberger Erfolg der letzten Saison in Verbindung gebracht außer mit Meyer natürlich? Die Elf des Pokalsiegers hat kein einziges Gesicht mit Profil und auch keine Stimme, was auch eine Folge der Meyer'schen Solo-Show ist. Der Star der Nürnberger ist der Trainer; würde Meyer überhaupt einen Star neben sich dulden?

Alles ist eitel, klagte schon der Barockdichter Gryphius, und wer möchte sich von diesem Wesenszug ganz freisprechen? Doch die überstiegene Form steht einer Führungskraft nicht gut zu Gesicht (gehen wir mal davon aus, dass er sie auch seinen Spielern gegenüber an den Tag legt, wenn auch in gemäßigter Weise). Ob Meyers Eitelkeit vielleicht sogar zum Nürnberger Sturz auf Platz 16 beigetragen hat?

Cholerische Einfallslosigkeit à la Beckenbauer

Zudem wundere ich mich, was in der Bundesliga als schöngeistige Ironie und als intellektueller Zynismus gewertet wird. Schauen wir doch mal zwei seiner Aphorismen genau an: "In schöner Regelmäßigkeit", hat er gesagt, "ist Fußball doch immer das Gleiche." O.k., ganz nett, aber das soll der beste Fußballspruch des Jahres sein, wie die Deutsche Akademie der Fußballkultur behauptet, die geistreichste und witzigste Pointe!?! Anderes Beispiel: "Wenn wir denjenigen rausfinden, der es verschuldet hat", karikierte Meyer einmal die Suche nach dem Schuldigen eines Gegentors, "werden wir ihn erschießen." Ha, ha. Das ist nicht weit entfernt von den cholerischen Einfallslosigkeiten à la Franz Beckenbauer, dem die Deutschen auch erschreckenderweise immer etwas Leichtes andichten - und der schon bei der kleinsten Gelegenheit in die Luft gehen kann. Meyer und Beckenbauer, zwei Protagonisten des deutschen Ernsts auch.

Recht verstanden, diese Kritik soll keineswegs die wehleidigen Journalisten verteidigen, die sich nun in Meyers sportlicher Schwächephase über ihn beschweren (manchen möchte man eher zurufen: "Lernt erstmal die Abseitsregel!"). Selbstverständlich ist es eine schwache Leistung, dass es ihnen nicht gelingt, Meyer, dessen Reaktionen man ja mittlerweile vorhersehen kann, ins Leere laufen zu lassen, zu kontern, also einfach mal ihm gewachsen zu begegnen. Warum dreht denn kein Reporter mal den Spieß um?

Es ist Fußball, wir wollen Typen, es muss nicht jeder so brav daherkommen wie der Trainerbeamte von Bayer Leverkusen, und Journalistenschelte ist gut; manchen gehört wirklich der Kopf gewaschen. Daher ist Hans Meyer kein schlechter Anfang. Aber dass er als Ironiker und Feingeist der Liga gilt, beweist nur die generelle Abwesenheit von Humor und Leichtigkeit im deutschen Fußball.

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