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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Merde in Germany - die beste EM aller Zeiten

Die Fußball-EM hat einen Aufreger nach dem anderen geliefert. Genau so ein Fußball-Festival will Micky Beisenherz sehen.

Bei der EM 2016 steht die französische Nationalmannschaft mit ausgebreiteten Armen vor den eigenen Fans

"'üh!": Frankreich jubelt isländisch

Jogi Löw ist

  1. der deutsche Bundestrainer
  2. Wurstwasser.

Zu beobachten, wie Menschen für die korrekte Beantwortung dieser Bitteschaltensienichtum-Frage 50.000 Euro gewinnen, während man selber im Monat auf knapp 1500 netto kommt - so in etwa muss es sich für die deutsche Elf anfühlen, Portugal im Finale zu sehen.

Nach sportlichen Gesichtspunkten natürlich eine große Ungerechtigkeit, ein riesiger Aufreger und gerade deshalb:

Das Geile am Fußball. Diesem unerreichten Emotionstheater.

Ich gehe sogar noch einen Schrott weiter und sage:

Das hier ist die beste EM aller Zeiten!

Ein Fußball- Festival, das alles mitgebracht hat, wofür dieser Sport steht.

Mehr Chancen liegen gelassen hat nur der Bachelor

Nehmen wir doch nur unser Spiel gegen die Franzosen, oder kurz:

Wenn der Griezmann zweimal klingelt.

Da macht "La Mannschaft" das beste Spiel des Turniers- und scheidet mit 0 zu 2 aus.

Das Resultat wurde natürlich gleich auf die deutsche Art besprochen, indem schnell die Frage zu klären versucht wurde:

Wer hat Schuld?

Für Waldi Hartmann als Vorsitzenden des Zentralrats der Sofa-Übungsleiter war gleich der Name Nicola Rizzoli klar.

Der ist aber nur Schiedsrichter - und nicht etwa deutscher Stürmer.

Zweifellos ist die deutsche Offensive der Grund, warum wir heute keinen Titel feiern können.

Mehr Chancen liegen gelassen als wir hat eigentlich nur der Bachelor.

Abschlussschwäche: Merde in Germany.

Wäre allerdings dieser dämliche Elfmeter (einer von zwei dämlichen Elfmetern) nicht gewesen, das Spiel wäre gewiss anders verlaufen.

Am Ende gilt für Schweinsteiger wie für Boateng oder Jogi Löw in der Coaching-Zone: Lasst die Hände da, wo sie hingehören.

Dieser unerklärliche Hang zum Manuellen.

Sollte Löw zurücktreten, wäre Heiner Brand vielleicht der richtige für die Nationalelf, oder, wie der große Fußballphilosoph Nilz Bokelberg sie unlängst umtaufte, "La Handschaft".

Gerissener als Thomas Müller und Co.

Ist es nicht das, was wir wollen? Die großen Aufreger! Die großen Überraschungen! Das spektakuläre Versagen!

Das Viertelfinale bot doch alles davon. Das schlechteste deutsche Elfmeterschießen seit 1976- und dennoch gewonnen!

Der erlösende Sieg gegen den alten Angstgegner Italien.

Dummerweise ist es den Franzosen mit uns ebenfalls gelungen, den ewig unbesiegbaren Rivalen zu schlagen.

Offensichtlich sind die Serien bei dieser EM gerissener als Thomas Müller und Co.

Und als ob es nicht reichte, uns Deutschen den verdienten Sieg zu stehlen, klauen die Franzosen den Isländern auch noch den Jubel für die Kurve.

Da imitieren die Griezländer doch tatsächlich das markante "Huh", beziehungsweise "'üh!"

Aber das lieben wir doch!

Der Stempel der Underdogs

Wir sind eine Empörungsnation, und diese EM hatte alles, was der Fan braucht, um in der Kantine am nächsten Tag sagen zu können, wie es in einer gerechten Welt zu laufen hat.

Wenn Portugal heute Abend die EM gewinnt, ist das nur das konsequente Ende dieses Turniers. Und ein vermeintlich ungerechter Triumph des Sportlers, der sich durch peinliche Jubel-, Wimmer- oder Freistoßinszenierungen die Anerkennung zerschossen hat, die ihm als Musterprofi zweifelsohne zusteht:

Cristiano Ronaldo. Das epilierte Gesicht des Establishments, das wir so gerne haben scheitern sehen.

War es nicht wundervoll, wie die vermeintlich Kleinen die Großen gedemütigt haben.

Österreich ärgert Portugal.

Die Isländer, wie sie die Engländer nach Hause schicken.

Wales macht Belgien endgültig zum geheimsten Geheimtipp aller Zeiten.

Die Underdogs haben diesem Turnier ihren Stempel aufgedrückt und mit ihrer Leidenschaft daran erinnert, was diesen Sport so spannend und unberechenbar macht:

Eine Handvoll unrasierter Typen, die in den elitären Zirkel hineinstoßen und die Edel-Teams aus der Comfort-Zone stoßen.

Plötzlich blieb man da oben nicht mehr unter sich.

Wales, Ungarn, Island, kommt wieder, es war wunderbar mit Euch.

See Huh soon!


Wir könnten uns sogar die nervige Qualifikation sparen

Viele haben geschimpft, dass das Teilnehmerfeld von 16 auf 24 Teams aufgebläht wurde. Völlig zurecht. Wir sollten gleich auf 32 gehen!

Natürlich. So kommen wieder nur die Gruppenersten und -zweiten weiter, und es wird wieder mehr auf Sieg gespielt.

Denn es waren ja nicht die vermeintlichen Minderleister, die das spielerische Niveau des Wettbewerbs geschmälert haben. Es war die Art, wie die Teilnehmer des Achtelfinales errechnet wurden. Eine Art Aufruf zum Nichtstrauen.

Nach dieser Meisterschaft wird niemand mehr ernsthaft bestreiten wollen, dass Teams wie Irland oder die Slowakei ein echter sportlicher Gewinn sind.

Die nordirischen Anhänger haben uns mit "Will Grigg's on fire" sogar einen lupenreinen EM- Song geschenkt. Aus der Mitte der Fans. Fernab von reißbrettartigen Emotions-Placebos aus der Marketinghölle. Einfach, weil´s von Herzen kommt.

Oh, ja. 32 Teams. Die sechs zusätzlichen vertragen wir auch noch, oder?

Keine Ahnung. Was weiß ich.

Bosnien, Serbien, Griechenland, Dänemark, Norwegen, ja, von mir aus sogar Holland als Exoten.

Wobei, das ist jetzt etwas arg verrückt.

Am Ende könnten wir uns sogar diese nervige Qualifikation sparen.

Die kommt eh bei RTL.

Die beste EM aller Zeiten

Bis zur nächsten Europameisterschaft lassen die Verrückten von der Uefa dann vielleicht auch wieder die Kinder der Spieler nach dem Match aufs Feld. Zumindest, wenn man ihnen vorher Coca-Cola oder McDonald's auf die Stirn tätowiert.

Und dann regen wir uns wieder auf: Über den ewigen Ronaldo, die Mauer-Griechen, den unverschämten Scholl, der sich anmaßt, das DFB-Regime zu kritisieren, bis Bierhoff den deutschen Botschafter einbestellt, dass Özil nicht die Hymne singt - und natürlich die rappeldoofen Terror-Tweets der Twitter-Irren Beatrix von Storch.

Toll!

Ich bleibe dabei: Es war die beste EM aller Zeiten.

Wie sehr ich sie jetzt schon vermisse, ist mir gestern aufgefallen: Da habe ich doch tatsächlich das Wimbledon-Finale im Damentennis geguckt.

Gott steh mir bei.

P.S.: Was macht Natalie Licard eigentlich ab morgen?