Bayern gegen Dortmund Wenn Egos explodieren


Gehalten, vorbei, wieder nichts: Die Bayern vergaben gegen Dortmund Chancen am Fließband. Luca Toni wurde ausgewechselt, und Miroslav Klose bekam seine Wut zu spüren. Die beiden Torjäger stehen sich im Weg - das ist offensichtlich. Auch deshalb war Klose nach dem mühevollen Sieg außer sich.
Von Jens Fischer, München

Der Brasilianer Zé Roberto ist ein guter Mensch. Bodenständig. Gläubig. Eine ehrliche Haut, wie man im Volksmund sagt. Wenn andere den Mund aufreißen und große Töne spucken, hält sich der Rasta-Mann gerne mal zurück und lässt Blicke wirken. So auch diesmal. Abseits seiner Kollegen steht er in einem der vielen unterirdischen Gänge der Münchner Allianz Arena und lässt sich von den einigen wenigen Journalisten, die sich für ihn interessieren, in Ruhe befragen.

Wieso war der 3:1-Sieg seiner Bayern gegen Dortmund so schwierig? Wieso schießt er plötzlich so viele Tore? Und ein wenig später die alles entscheidende Frage: Vergeben Miroslav Klose und Luca Toni auch deswegen so viele Chancen, weil sie sich die Tore nicht wirklich gönnen? Ist da etwa Neid und Missgunst im Spiel? Zé schweigt. Er überlegt, schaut aus dem Fenster auf die wartenden Autogramm-Kinder, blickt nach oben und – schweigt weiter. Beinahe scheint er Angst zu haben vor einer verhängnisvollen Antwort, Panik davor, seinen Manager Uli Hoeneß mit schwingender Peitsche auf ihn zurasen zu sehen.

Zwei Egos im Sturm

Dann aber antwortet er doch und er sagt die Worte, die zum großen Thema der Partie zwischen den Bayern und Dortmund werden: "Das kann schon sein, jeder der beiden will eben seine Tore schießen." Er hätte auch sagen können: Klose und Toni stehen sich im Weg, zu oft nehmen sie sich Torerfolge gegenseitig weg.

Spätestens seit dem Dortmund-Spiel haben die Bayern ein Problem im Sturm. Auch wenn Klose die beiden Siegtreffer am Ende doch noch glückten, seine Stimmung war zu diesem Zeitpunkt längst im Eimer. Selten sah man einen Klose – nicht gerade berühmt für sein ausuferndes Temperament – so angefressen, so wütend wie nach diesen 90 Minuten gegen Dortmund. Man brauchte beinahe drei Hände, um die Torchancen zu zählen, die er an diesem Abend vergeben hatte. "Klar, sei er nach den beiden Toren erleichtert gewesen. Blöde Frage", meckerte er die Journalisten an. "Natürlich war der Tritt Absicht", wütete er auf die Frage nach der zugegebenermaßen üblen Attacke des Dortmunders Jerome Boateng.

Was Klose aber auch auf den Magen schlug, ist das Verhalten seines Sturmkollegen Toni bei dessen Auswechselung in der 72. Minute. Beim Stand von 1:1 holt Trainer Jürgen Klinsmann den bis dahin desolaten Italiener vom Feld, um "seinen" US-Boy Landon Donovan ins Gefecht zu werfen. Toni sah seine Nummer auf der Auswechseltafel, schaute erst irritiert, dann grimmig, lief in Richtung Außenlinie und verweigerte Klose den Handschlag. Eine abfällige Geste mit Symbolcharakter.

"Luca war einfach tierisch sauer", meinte Klose nach dem Spiel. Aber so einfach ist es nicht. Toni machte ein schwaches Spiel, verballerte einen Ball nach dem anderen und leistete sich beim Abgang diese dem Teamgedanken abträgliche Aktion – kaum vorstellbar, dass Klinsmann den Italiener nach dessen Rückkehr vom Italien-Länderspiel nicht zur Rede stellen wird.

Goldener Griff von Klinsmann

Klose und Toni sind lupenreine Torjäger. Alphatiere. Egoistisch auf dem Platz. Hungrig nach Erfolg. Serienweise servierte ihnen Franck Ribéry gegen die insgesamt schwachen Dortmunder die Bälle maßgerecht, aber Roman Weidenfeller, der Torwart der Dortmunder, machte eines der besten Spiele seiner Laufbahn. Auch aus diesem Grund musste Klinsmann handeln. Wenn auch einige in der Allianz Arena ungläubig staunten, die Entscheidung, Toni vom Platz zu nehmen, war richtig und konsequent. Er hätte auch Klose nehmen können, es wäre kein Unterschied gewesen. Aber Klose traf noch, Klinsmann hatte alles richtig gemacht.

"Wir hatten 100.000 Torchancen und haben keine reingemacht. Wenn wir das Spiel nicht gewonnen hätten, hätte sich die Konkurrenz kaputtgelacht", wusste Manager Uli Hoeneß um die Problematik des bayerischen Taubenschießens. Zumal Klose und Toni schon seit Monaten mit Ladehemmung zu kämpfen haben. Toni hat es im Laufe der Saison auf neun Treffer gebracht, Klose hat nach seinem Doppelpack jetzt acht Erfolge auf seinem Arbeitsnachweis. Deutlich zu wenig in Anbetracht der exzellenten "Fütterung" durch Vorlagengeber wie Ribéry, Bastian Schweinsteiger oder auch Zé Roberto.

Was passiert mit dem Sturm?

Die Bayern-Verantwortlichen wissen um ihr Sturm-Problem. Zu abhängig sind sie in dieser Saison von Toni und Klose, zu selten wurden die beiden denen an sie gestellten höchsten Anforderungen gerecht.

Toni befindet sich in diesem Jahr nach einer hervorragenden letzten Saison im Formtief und Klose ist vor dem Tor trotz großem Kampfeswillen einfach nicht kaltschnäuzig genug. Lukas Podolski war nur sehr selten eine echte Alternative und was aus Donovan wird, steht in den Sternen. Gegen Dortmund brachte der Amerikaner keinerlei Impulse. Der Hamburger Ivica Olic wird kommen, aber erst im Juli, bis dahin müssen Toni und Klose die Bayern zu Ruhm und Ehre schießen.

Toni bleibt stumm

Die Frisur sitzt, der hellbraune Kaschmir-Mantel sieht gut aus, nur das Lächeln fehlt zum perfekten Erscheinungsbild. Der glücklose Toni will jetzt einfach nur noch weg. Die Bayern haben am Ende ohne ihn gewonnen, so fühlt sich das für einen wie ihn dann schnell mal an. Toni ist einfach sauer.

Deswegen rennt Toni an den Journalisten vorbei, hört nichts, sieht nichts, will jetzt nur noch zu seinem Chauffeur, der ihn hier wegbringt. Zur Nationalmannschaft, zu seinen Italienern, zum Spiel gegen Brasilien. Dort fühlt er sich richtig wohl. Ein paar Tage Ferien von seinem "Partner" Klose - das braucht er jetzt. Die Bayern und Klose können erst mal warten.


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