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Bayern nach der Champions-League-Niederlage Das Trauma-Team braucht frisches Blut


Die Niederlage gegen Chelsea hat deutlich gezeigt, dass die Bayern ihre Ur-Tugend, den Glauben an die eigene Stärke, verloren haben. Die Mannschaft braucht unbedingt eine Blutauffrischung.
Eine Analyse von Mathias Schneider, München

Nun sind seine schlimmsten Befürchtungen also tatsächlich wahr geworden: Der FC Bayern wird die Saison 20011/2012 mit drei zweiten Plätzen in Bundesliga, Pokal und Champions League beenden. Er tut es nach einer Nacht, in der ihm ausgerechnet im größten Spiel der Vereinsgeschichte, dem Finale der Champions League, ausgespielt in der vor Euphorie und Vorfreude förmlich berstenden eigenen Stadt, jene Tugend abhanden gekommen ist, die dieser Klub gewissermaßen als seine eigene DNA rühmt. Den Glauben in die eigene Stärke, gebündelt in dem Vereinsslogan: Mia san Mia.

Drei vergebene Matchbälle beklagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge zu vorgerückter Stunde auf dem festlichen Bankett im Postpalast. Nachdem die Elf nach der Führung von Thomas Müller in der 83. Minute den Pott eigentlich schon gewonnen hatte, ließ sie ihn sich zunächst von Didier Drogba in der 88. Minute entreißen, bevor Arjen Robben in der Verlängerung einen Elfmeter verschoss. Schon da steuerte das Drama unweigerlich auf seinen traurigen Höhepunkt zu. Dass auf der Zielgeraden des Elfmeterschießens ein Vorsprung abermals nicht reiche, wunderte dann schon keinen mehr. Die Angst vor dem Scheitern, sie hatte da längst vom ganzen Stadion Besitz ergriffen.

Ein Verdacht wird zur Gewissheit

Man kann Bayerns bislang wohl größte Niederlage überhaupt dem Pech zuschreiben. Selbst die bittere Niederlage im Champions-League-Finale in Barcelona 1999 wirkt dagegen vergleichweise kurz und schmerzlos. In der Tat verdienen diese sonst bis an die Schmerzgrenze selbstgewissen Bayern – auch das ist neu – Mitleid nach großartigem Kampf und ansehnlichem Spiel gegen einen Gegner, dessen zynische wie destruktive Defensivtaktik keine Belohnung verdiente.

Reduziert man einen dramatischen Abend allerdings einmal auf seine Fakten und stellt das Spiel in einen größeren Zusammenhang, so wird ein Verdacht zur Gewissheit, der diese Elf nun schon seit Monaten begleitet: Dass den Bayern dann, wenn es gilt, dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen, die letzte Überzeugung in die eigene Stärke fehlt. Nach Müllers Treffer Minuten vor dem Ende grassierte plötzlich eine Nervosität auf dem Rasen, als sei man nicht in Führung gegangen, sondern ins Hintertreffen geraten. Beim Elfmeterschießen gingen den Bayern gar die Schützen aus, selbst der Torwart Manuel Neuer musste antreten.

Der eigenen Aura beraubt

Bereits vor einigen Wochen überreichten die Bayern dem neuen Rivalen aus Dortmund quasi die Meisterschaft. Auch damals hatte Robben vom Elfmeterpunkt in der Schlussphase nicht getroffen. Beim Pokalfinale in Berlin in der Vorwoche, wieder gegen Dortmund, ließ sich die Elf in einem echten Endspiel der beiden besten deutschen Mannschaften 2:5 vor den Augen einer ganzen Nation herspielen, statt dem eigenen Selbstvertrauen die dringend benötigte Vitaminspritze zu verabreichen. Es war die fünfte Niederlage in Serie gegen ein Team, das schon länger am bayerischen Thron kratzt, als sie das in München wahrhaben wollen. Die Bayern ergaben sich dennoch wehrlos. Als es am Samstag gegen Chelsea zählte, fehlte ihnen jene Zuversicht, die sie sich gegen die Borussia eigentlich hätten holen sollen.

Statt den Gegner mit den alten Waffen der Unerschrockenheit zu bekämpfen, geeint vom gemeinsamen Ziel, beraubte sich die Elf so zuletzt selbst ihrer einst so gefürchteten Aura - trotz aller Qualität ihrer Weltklassespieler Lahm, Schweinsteiger, Ribéry oder Müller.

Die Niederlage wird tiefe Spuren hinterlassen

Chelsea wird schon deshalb tiefe Spuren hinterlassen, weil die Bayern in einem einzigen Spiel all die Niederlagen zuvor mit dem großen Wurf ungeschehen machen wollten. Es mutet paradox an bei einer Mannschaft in den besten Jahren, die noch vor Wochen das große Real Madrid im Bernabeu trotz eines 0:2-Rückstandes niederrang, zweimal in drei Jahren ins Champions-League-Finale einzog. Doch der FC Bayern des Jahres 2012 benötigt dringend eine Blutauffrischung. Nicht nur, um die Konkurrenz eines viel zu dünnen Kaders wiederzubeleben. Nicht nur, um endlich eine eigene Spielkultur jenseits von Ribéry und Robben zu entwickeln.

Vor allem braucht der Verein neue Kräfte, um der Elf wieder jene innere Härte einzuhauchen, die einst so einschüchterte. Mehr als alles andere wird der FC Bayern München aber nach zwei Jahren ohne Titel seine eigene Mentalität stärken müssen, um wirklich den Misserfolgen der jüngeren Vergangenheit zu entwachsen und die daraus resultierenden Zweifel in Trotz umzuwandeln.

Nur dann wird der Traum, dessen Vollendung die ruhmreiche Vereinsgeschichte krönen sollte und der auf so bittere Weise zerstört wurde, die Bayern nicht als fortwährendes Trauma begleiten. Nur dann.


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