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Dortmund besiegt Bayern: Ein kläglicher Schuss, ein gefallener Held

Große Tragik in einem großen Spiel: Arjen Robben hat gegen Dortmund einen Elfmeter verschossen und dem BVB wohl mit zum Meistertitel verholfen - ein Albtraum für den egozentrischen Star.

Von Tim Schulze

Ausgerechnet er. Arjen Robben hatte den Elfmeter herausgeholt. Geschickt hatte er sich beim Dortmunder Keeper Roman Weidenfeller eingefädelt und war im Sechzehner zu Fall gekommen. Schiedsrichter Knut Kircher zeigte sofort auf den Punkt. Zurecht. Die Abwehraktion von Weidenfeller war ziemlich ungeschickt - ein Geschenk für die Bayern. Robben, der bis zu diesem Zeitpunkt ein mäßiges Spiel abgeliefert hatte, schnappte sich den Ball und legte ihn auf den Punkt. Der Mehrzahl der 80.000 Zuschauer stockte in der 85. Minute der Atem. Dortmund führte zu diesem Zeitpunkt verdient mit 1:0 durch das Tor von Robert Lewandowski wenige Minuten zuvor in diesem Spiel der Spiele, das sich diese Bezeichnung redlich verdiente.

Robben hatte bislang sieben Elfmeter in Folge in der Bundesliga sicher verwandelt, doch der achte misslang ihm gründlich. Es war ein kümmerliches Schüsschen, das Weidenfeller ohne Probleme parierte. Weidenfeller vergrub den Ball unter seinen Körper und hielt damit höchstwahrscheinlich den Titel fest, der den Dortmundern nach dieser Partie kaum zu nehmen sein wird. Sie haben jetzt vier Spieltage vor Schluss sechs Punkte Vorsprung vor den Bayern.

Der Signal Iduna Park explodiert

Der Dortmunder Signal Iduna Park schien in diesem Moment zu explodieren. Die Spieler in Schwarz-Gelb feierten ihren Elfmeterhelden. Robben dagegen riss entsetzt die Arme hoch und schloss die Augen. Sein Gesicht gefror zu einer Maske der Verzweiflung. Der Mann musste in diesem Augenblick einen Albtraum durchleben. Vielleicht dachte er auch an das WM-Finale 2010 in Johannesburg. Damals war Robben auf unglaubliche Weise am spanischen Keeper Iker Casillas gescheitert, Spanien wurde Weltmeister. Der Mann hat Erfahrungen mit schmerzhaften Niederlagen. Noch öfter hat er aber entscheidene Tore geschossen. Robben ist überaus selbstbewusst. Viele halten ihn für arrogant, er gilt als egozentrisch. So einer fällt besonders tief, wenn er versagt.

Und dann noch das: Neven Subotic stürzte auf Robben zu und beschimpfte ihn heftig. Doch der Niederländer schien die Worte des BVB-Verteidigers gar nicht wahrzunehmen. "Ich habe keinen Bock auf Schwalben, oder irgentwas" will Subotic gesagt haben, wie er später behauptete. Wahrscheinlich war seine Verbalattacke weitaus schlimmer. Elfmeterheld Weidenfeller verbog die Wahrheit ebenfalls zu seinen Gunsten: "Ich glaube, dass ich Robben gar nicht berührt habe, und Robben einfädelte." Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, hatte aber keine Bedeutung mehr. Der Abend hatte eine tragische Figur hervorgebracht, wie es nur in großen Spielen möglich ist.

Nach dem Abpfiff war der niederländische Weltklassemann schwer gezeichnet. "Sehr bitter, sehr enttäuschend, am Ende weiß ich nicht was, ich sagen soll", sagte Robben, als alles vorbei war. "Wir haben die Chancen, den Ausgleich zu machen, und einen Elfmeter auch, das ist peinlich." Sein Trainer Jupp Heynckes war nüchterner: "So etwas passiert im Fußball."

Müde von den englischen Wochen

Das ganze Ausmaß der Tragik lässt sich aber nicht nur am kläglich vergebenen Elfmeter festmachen. Robben war es, der das Abseits aufhob, als Lewandowski einen Schuss von Kevin Großkreutz mit der Hacke zum Siegtor abfälschte. Und Robben war es, der in der 90. Minute die letzte große Chance der Bayern auf den Ausgleich vergab. Eine Kopfballabwehr von Subotic landete an der Torlatte. Den zurückspringenden Ball beförderte Robben aber nicht ins Tor, sondern fast kerzengerade in den Dortmunder Himmel.

Die Aktion war der Schlussakt in einem Spiel, in dem die Bayern viel zu spät aufwachten – und dafür bestraft wurden. Die Leistung des Rekordmeisters in den ersten 45 Minuten war unterirdisch. Müde von den englischen Wochen und offensichtlich mit zu großem Respekt überließen sie den hellwachen Dortmundern die Initiative (denen eben nicht die Champions League in den Knochen steckt). Irgendwann fasste sich Kroos ein Herz und schloss eine Einzelaktion mit einem sehenswerten Schuss aus der Distanz ab.

Und Ribéry, Müller, Gomez, Robben? Alle Angriffsbemühungen wurden von den Dortmundern im Keim erstickt. Unweigerlich wird in dieser Phase dem einem oder anderen Beobachter der Gedanke an das Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid am nächsten Dienstag gekommen sein. Und die Frage, wie die Bayern in dieser Verfassung gegen die Weltauswahl aus der spanischen Hauptstadt bestehen wollen.

Kaum Torchancen - das große Manko der Bayern

Die Gastgeber kontrollierten bis zum Pausenpfiff das Geschehen vollständig. Dortmund kombinierte mit Tempo, sie schlossen jede Lücke, die die Bayern rissen, sofort wieder. Es war wie beim Hasen und dem Igel. Egal, wo die Bayern hinliefen, ein Dortmunder war bereits da. Sie verschoben die Viererketten in Abwehr und Mittelfeld geschickt und das Umschalten von Abwehr auf Angriff funktionierte reibungslos. "Wir sind viel gelaufen, das haben wir konsequent gemacht", urteilte Subotic danach.

Und sie erspielten sich große Torchancen. Blaszczykowski schloss nach zwei Minuten zu unpräzise ab, Großkreutz' Schuss parierte Neuer aus nächster Nähe, Kagawas Versuch nach einen Dribbling im Strafraum wurde im letzten Moment geblockt und Lewandowski setzte einen Kopfball an den Pfosten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Bayern das Glück auf ihrer Seite.

Bayern-Coach Heynckes kam nach dem Spiel zu dem Urteil: "Das war ein Klassespiel von beiden Mannschaften." Das lag daran, dass die Bayern wie verwandelt aus der Kabine kamen. Sie drängten die Dortmunder in deren Hälfte und dominierten um die Mitte der zweiten Halbzeit die Partie komplett. Doch große Torchancen blieben aus. Das war ihr großes Manko an diesem Abend. Die größte Möglichkeit bis dahin hatte Ribéry, als er einen Ball ins Außennetz drosch. Auch der für Müller eingewechselte Bastian Schweinsteiger verlieh dem Bayern-Spiel keine entscheidenden Impulse mehr.

Klopp: Wir bleiben schön in der Spur

"Dann haben wir ein kurioses Tor bekommen", beschrieb ein gefasster Heynckes die 77. Minute. Es war der Moment, in dem aus einer spannenden, halbwegs niveauvollen Partie ein großes Spiel wurde, das dem gigantischen Hype übertraf. In über 200 Ländern der Welt verfolgten die Zuschauer am Fernseher, wie sich Dortmund berappelte. Ein Schussversuch von Kagawa weckte auch das Dortmunder Publikum wieder auf. Vier Minuten später setzte Großkreutz aus der zweiten Reihe zu einem Schuss an, den Lewandowski zur Führung ins Tor lenkte. Für die verbleibenden 15 Minuten betrat dann Robben die Bühne, aus dem Spiel wurde ein großes Drama und Robben zum gefallenen Helden.

"Das war heute unglaublich, diese Minuten waren unglaublich", beschrieb ein sichtlich bewegter BVB-Coach Jürgen Klopp die Ereignisse. "Man kann das nicht besser spielen. Du musst dich irgendwann belohnen, der Sieg war hoch verdient." Natürlich ließ sich kein Dortmunder dazu hinreißen, von einer sicheren Meisterschaft zu sprechen. "Wir bleiben schön in der Spur. Wenn eine Entscheidung gefallen ist, werden sie uns feiern sehen", sagte Klopp.

Am Samstag folgt das Derby gegen Schalke. "Da ist immer alles möglich", unkte der Ex-Schalker Neuer. Was blieb ihm auch anderes übrig.

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