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Bayern-Verteidiger Breno: Unbemerkt in die Isolation

Bayern-Profi Breno sitzt wegen des Verdachts der Brandstiftung im Gefängnis. Fakt ist: Persönliche Probleme und zahlreiche Verletzungen haben den Brasilianer aus der Bahn geworfen.

Von Klaus Bellstedt

Da war er wieder, der Hirte Uli Hoeneß. Wann immer sich eines seiner Schäfchen seiner Meinung nach zu Unrecht in einer misslichen Lage befindet, versucht der Bayern-Präsident das angeschlagene Herdenmitglied mit Haut und Haaren zu verteidigen. In Sachen des in Haft sitzenden Bayern-Profis Breno, der beschuldigt wird, seine Villa in München-Grünwald in Brand gesteckt zu haben, zog Hoeneß beim Oktoberfest-Stammtisch des Bayerischen Rundfunks vom Leder. Mit hochrotem Kopf attackierte er die Münchener Staatsanwaltschaft, weil der Brasilianer jetzt in U-Haft sitzt. "Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, den Jungen jetzt ins Gefängnis zu stecken, das habe ich in unserem Land nicht für möglich gehalten. Wie die Staatsanwaltschaft sich hier aufführt, das ist ja der Wahnsinn. Das ist keine Verhältnismäßigkeit der Mittel", schimpfte Hoeneß. Doch die Wahrheit ist: Die Münchener Behörden haben nur ihren Job gemacht. Sie hatten gar keine andere Wahl.

Wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr nahmen Polizeibeamte den 21-jährigen Brasilianer fest, wenige Stunden bevor die Bayern am Samstagabend ihr Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen ausrichteten. Jetzt sitzt Breno in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in U-Haft. "Hier steht ein Verbrechenstatbestand im Raum, der Fluchtanreiz ist hoch", begründet der Staatsanwalt die von Hoeneß so scharf kritisierte Vorgehensweise. Noch weiß nur Breno selbst, was Anfang vergangener Woche in der Brandnacht in Grünwald passiert ist. Auf Anraten seines Anwalts Werner Leitner äußert sich der Abwehrspieler zu der Angelegenheit nicht. Das ist wahrscheinlich auch besser so.

Ein persönliches Drama

Vereinkreise bestätigten, dass Breno in der Brandnacht allein und alkoholisiert im Haus gewesen sei. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" soll der Fußballer nach dem Brand im Krankenwagen einem Sanitäter drei Feuerzeuge übergeben haben mit der Bitte, diese verschwinden zu lassen. Die Münchener "Abendzeitung" schreibt, dass der Bayern-Profi bei Eintreffen der Polizei, den Polizisten die rußgeschwärzten Unterarme entgegengestreckt und gefragt haben soll, ob er jetzt festgenommen sei. In diesem Kriminalfall sieht es nicht gut aus für Vinicius Rodrigues Borges, genannt Breno. Aber es ist längst nicht mehr nur ein Kriminalfall. Es ist auch eine Tragödie, ein persönliches Drama - weil Breno offensichtlich psychisch krank ist.

Uli Hoeneß bestätigte nach dem 3:0-Sieg der Bayern gegen Leverkusen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass Breno vor seiner Verhaftung vergangene Woche im Max-Planck-Institut für Psychiatrie in Schwabing wegen Depressionen behandelt wurde. "Er hat anscheinend persönliche Probleme gehabt, die auch unbemerkt blieben, weil er seine normale Reha gemacht hat", sagte auch Bayerns Trainer Jupp Heynckes vor dem 3:0 gegen Bayer Leverkusen zu "Liga total!".

Welche Art von Problemen das sind, darüber kann nur spekuliert werden. Von finanziellen Schwierigkeiten ist die Rede, von Mutlosigkeit und Eheproblemen mit seiner Frau Renata, die zwei Kinder mit in die Beziehung brachte und mit der er ein gemeinsames Kind hat. Das sind alles nur Vermutungen. Einzig bekannt ist Brenos Verzweiflung über seinen körperlichen Zustand und infolge dessen seine aussichtslose sportliche Situation beim FC Bayern.

Nie ein richtiges Teammitglied

Anfang vergangener Woche soll sich abgezeichnet haben, dass ihm die dritte Knie-Operation innerhalb von eineinhalb Jahren drohe. "Er hat wieder Probleme mit seinem Knie gehabt, es wurde wieder dick", sagte Heynckes. "Ich kann mir vorstellen, dass das der Auslöser war." Im Januar 2008 lotsten die Bayern Breno für die Rekordablöse von zwölf Millionen Euro vom FC Sao Paulo über den Atlantik. "Wir haben mit ihm den vielleicht besten Abwehrspieler der Welt in diesem Alter", begründete Hoeneß damals den intern aus finanziellen Gründen umstrittenen Transfer. Das Defensivtalent sollte die Nachfolge des legendären Abwehrchefs Lúcio antreten. Doch die dreieinhalb Jahre, die Breno jetzt bei den Bayern unter Vertrag ist, waren dreieinhalb Jahre voller Leiden.

Ein Kreuzbandriss, Operationen an Knie- und Sprunggelenk, dazu immer wieder Muskelfaserrisse und Wadenprobleme: Insgesamt absolvierte Breno für die Bayern lediglich 33 Pflichtspieleinsätze. Seine beste Zeit als Fußballer in Deutschland erlebte er in der Rückrunde 2010 als Leihspieler des 1. FC Nürnberg. Sieben Mal lief er für den Club auf - und lieferte in diesen Partien durchweg hervorragende Leistungen ab, bis ihm bei einem Foul von Leverkusens Stefan Reinartz das Kreuzband riss. Bis zum heutigen Tag hat sich der schüchterne Profi, der immer noch kaum Deutsch spricht, nie ganz von dieser Verletzung erholt. Zwar gelang Breno im vergangenen November das Comeback, aber das Knie gab keine Ruhe. Wiederholt folgten wochenlange Aufenthalte in der Reha, die Mannschaftssportler einsam machen. Ein richtiges Teammitglied beim FC Bayern konnte Breno so nie werden.

Es kann sein, dass Breno in den Tagen vor der Brandnacht einfach keinen Ausweg mehr sah. Die nächste Schock-Diagnose und im Hinterkopf immer der im Sommer 2012 auslaufende Vertrag bei den Bayern. Wer würde ihn, den Dauerverletzten, denn noch verpflichten? Auch wenn noch nichts bewiesen ist: Die Angst vor der Zukunft, die Ausweglosigkeit, sie könnte Breno, der in Stadelheim keine normale Zelle bewohnt, sondern auf der Krankenstation untergebracht ist, zum Täter gemacht haben.

Brenos Frau twittert für ihren Mann

Als "menschliche Tragödie" hat Uli Hoeneß die Angelegenheit bei seiner Wut- und Verteidigungsrede am Wiesn-Stammtisch bezeichnet. Als er das sagte, wirkte der Bayern-Präsident trotz des ganzen Engagements für seinen kranken Spieler resigniert. So weit ist es bei Brenos Frau Renata noch nicht. Sie meldete sich letzte Nacht via Twitter zu Wort: "Ich weiß, dass Gott ihn aus dieser Ungerechtigkeit befreien wird. Ich bitte alle, für Breno zu beten!" Ob das helfen wird? Zweifel bleiben.

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