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Bayern vor dem Champions-League-Finale: Nie wieder Hosenscheißer

Die Bayern sind in London angekommen – mit Verzögerung und enorm viel Selbstbewusstsein im Gepäck. Man hat das Gefühl, dass sie sich nur selbst schlagen können.

Von Klaus Bellstedt, London

Der Stau in London. An einem Freitagnachmittag. Bei Dauerregen. Nein, so etwas haben die Bayern wohl noch nicht erlebt. 30 Stunden vor dem großen Finale in der Champions League gegen Borussia Dortmund hat es den gesamten Tross der Münchner voll erwischt. Nichts ging mehr in der Millionenmetropole. Rush hour at ist best. Deshalb verzögerte sich auch der Beginn der Abschlusspressekonferenz im Wembley-Stadion um mehr als eine halbe Stunde. Um kurz nach 17 Uhr Ortszeit war es dann schließlich soweit: Die Herren Lahm und Müller betraten den überfüllten Pressesaal. Die beiden bahnten sich ihren Weg durch die versammelte deutsche Pressemeute, hier ein kurzes Lächeln, da ein Handshake. Dann rauf aufs Podium zum "beliebten" Frage-Antwort-Spiel.

Selbstgefällig zur Teestundenzeit

Achtung Wortspiel: AufgeSTAUTE Aggressionen waren den beiden Bayern-Spielern bei ihrem 20-minütigen Auftritt nie anzumerken. Das Gegenteil war der Fall: Wohl selten hat man zwei Fußballer vor einem Endspiel so entspannt und cool erlebt wie Lahm und Müller. Letzterer rekelte sich zunächst genüsslich auf seinem Stuhl, Kapitän Lahm nahm erst einmal einen ordentliche Schluck aus der Pulle. Allein aus ihrer Körpersprache sprach unerschütterliches Selbstbewusstsein. Vor allem der 23-Jährige Müller legte eine Coolness an den Tag, dass einem als Zuhörer fast schon ein bisschen mulmig werden konnte. Nach dem Motto: Meine Güte, wenn das mal am Samstag wirklich gut geht für die Roten. Mitunter wirkte Bayerns Tausendsassa zur besten Teestundenzeit leicht selbstgefällig.

"Am Ende werden wir hoffentlich feiern"

Ob er denn überhaupt irgendwelche Schwächen sehe bei seiner Mannschaft, wollte ein Journalist wissen. Müller lehnte sich entspannt zurück. Er lächelte. "Unsere Schwäche? Ich kann nicht sagen, dass wir eine Schwäche haben. " Womöglich hat Müller sogar Recht. Die Bayern gehen schon als Favorit in diese Partie – wegen dieser überragenden Saison. Jupp Heynckes, der auf der Pressekonferenz auch noch kurz vorbeischaute und von der "besten Saison einer Mannschaft in 50 Jahren Bundesliga" sprach, wird es schon wissen. Es geht den Bayern blendend mit diesem Dasein als Goliath in diesem Duell. Favoriten? Sind wir gerne. Aber es ist eben auch so: Sie müssen gewinnen, Dortmund darf auch verlieren. Der Druck ist viel größer für die Bayern. Er ist unmenschlich. Alles steht für den deutschen Rekordchampion auf dem Spiel. Dafür machen sie es ziemlich lässig. Nach Show sah das nämlich nicht aus, was Müller und Lahm hier aufführten. Bezüglich des Entertainment-Faktors ist Lahm weit hinter Müller anzusiedeln. Er haut selten einen raus. Das hier aber ging schon: "Wir sind reifer geworden, die Entwicklung passt, die Spieler sind im richtigen Alter, sie haben die richtigen Charaktere. Es spricht nichts dagegen, hier morgen zu gewinnen", sagte der Kapitän und lehnte sich damit für seine Verhältnisse schon ziemlich aus dem Fenster. Als die Frage nach dem Final-Tagesablauf aufkam, strahlte Lahm bei der Beantwortung extreme Entschlossenheit aus: "Am Ende werden wir hoffentlich feiern." Das "hoffentlich" hätte sich Lahm auch sparen können. Aber das traute er sich dann doch nicht.

Wunderbar im Kollektiv

Dafür gab dann zum Schluss der kleinen Plauderei Thomas Müller den Journalisten noch die nötige Zeile. Es ging es um ein mögliches Elfmeterschießen und wer sich denn am Samstagabend trauen würde. Gegen Chelsea im vergangenen Jahr war das ja durchaus ein Thema. Müller verzog keine Miene: "Ich habe nicht das Gefühl, dass sich jemand bei uns in die Hose scheißt." Achtung Dortmund, das klang beängstigend ehrlich. Wenngleich die Worte, die Jupp Heynckes wählte, um die Favoritenrolle seiner Mannschaft zu untermauern irgendwie schöner waren: "Wir haben eine außergewöhnliche Mannschaft, die wunderbar im Kollektiv Fußball spielt. Wenn wir das abrufen, werden wir gewinnen."

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