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Blindenfußball: Hören, wie der Ball läuft

In Berlin hat das erste Blindenfussballturnier Deutschlands stattgefunden. Lehrmeister waren ausgerechnet die Kicker-Erzfeinde von der Insel.

Von Iris Hellmuth

Da mußten also erst die Engländer kommen, um uns Fußball beizubringen, so weit ist es gekommen. Tony Larken, der Trainer der englischen Blinden-Nationalmannschaft, steht auf dem Trainingsplatz von Fußball-Bundesligist Hertha BSC und rudert mit den Armen. "Kommt Leute, der Regen hat aufgehört, wir machen weiter", ruft er und klatscht in die Hände. Es dauert nicht lange, da stehen sie alle um ihn herum: 30 blinde Frauen und Männer aus ganz Deutschland, die nach Berlin gekommen sind, um Fußball zu lernen.

Tore schießen, ohne es zu sehen

Stefan Schleicher, 40, aus Hamburg ist einer von ihnen. "Blinde und Fußball, das funktioniert?", fragte er sich, als er zum ersten Mal von diesem Workshop hörte. Wie soll das denn gehen - einen Pass spielen, wenn man den Ball nicht sieht. Und ein Tor schießen, wenn man nicht weiß, wo die Pfosten stehen?

Seit elf Jahren gibt es Blindenfußball in England, Tony Larken hat den Sport dort bekannt gemacht. Nun ist er nach Deutschland gekommen, mit der ganzen Nationalmannschaft. Denn Deutschland ist Blindenfußball-Entwicklungsland, nicht mal Bälle gibt es hier zu kaufen. Die Engländer haben sie mitgebracht, gleich mehrere Sporttaschen voll, und einer davon liegt nun vor den Füßen von Stefan Schleicher. Herzhaft tritt er dagegen. Er lacht und sagt: "Geht doch."

Höchste Konzentration

Fußball ist die anspruchvollste Sportart, die ein Blinder lernen kann. Er muß viele Dinge gleichzeitig tun, die ihn einzeln schon eine Menge Konzentration kosten: Schnell soll er nach vorne laufen, ohne Hilfe, dann auf Zuruf die Richtung wechseln. Er soll einen Ball kontrollieren, der rasselnde Geräusche von sich gibt. Und immer in Kontakt mit seinen Mitspielern bleiben, damit er weiß wo sie sind und welcher Spielzug gerade ansteht: Angriff oder Verteidigung, auf der linken oder der rechten Seite.

"Am Anfang habe ich das Feld mit Schritten vermessen, das war noch relativ einfach", sagt Schleicher. Der Platz, auf dem er sich bewegt, ist 20 mal 40 Meter groß und von einer hüfthohen Bande umgeben. "Dann kam der Ball dazu, und ich konnte das alles vergessen. Da macht man ja plötzlich viel kürzere Schritte." Es ist nicht einfach mit diesem Ball. Das merkt man spätestens, wenn man die Augen schließt und es selbst ausprobiert. Man kann ihn sich ja nicht vorlegen, sondern schubst ihn von Fuß zu Fuß, während man sich vorwärts bewegt. Das geht drei bis vier Schritte gut. Spätestens dann ist der Ball futsch.

Nur die Torhüter können sehen

Stefan Schleicher lernt schnell. Am vierten Tag des Workshops ist er weiter als alle anderen. Auf dem Kleinfeld steht er jetzt mit Tony Larken, der ihm und drei anderen Spielern die Raute erklärt. So übersetzen sich die Blinden die "diamond formation", in der sie spielen sollen: Ein Spieler vorne, ein anderer hinten und zwei an den Flügeln. Wenn sich bei einem Angriff der gegnerischen Mannschaft die Raute zusammenzieht, sollen die Spieler nicht aneinander stoßen. Immer wieder übt Larken Angriff und Verteidigung. Auf sein Kommando laufen die Flügelspieler los, schräg nach außen, die Arme vorweg, damit sie nicht gegen die Bande knallen. Ein paar Meter laufen sie daran entlang, dann schreit Larken: "Wir haben den Ball verloren, alle Mann zurück!" Auch dieser Bewegungsablauf ist nicht einfach - wie viele Schritte sind es zurück, ohne dass man hinter der Torauslinie landet? Also doch wieder Meter zählen.

Vor eineinhalb Jahren ist Stefan Schleicher erblindet, von einen Tag auf den anderen bildeten sich seine Sehnerven zurück. Sein Leben änderte sich von Grund auf, auch das Kicken in einer Freizeitmannschaft musste er lassen. Jetzt steht er auf dem Kleinfeld und muss von vorne anfangen. Nur beim Sechsmeterschießen merkt man, daß er das nicht zum ersten Mal macht: Platziert schlenzt er den rasselnden Ball immer wieder ins Eck. Um ihn zu ärgern stellen sich irgendwann zwei Engländer nebeneinander ins Tor. Das ist nicht besonders nett. Beim Blindenfußball sind die Torhüter die einzigen, die sehen können.

In Brasilien gibt es blinde Profis

Am Freitag ist es schließlich so weit. Die besten Nationalmannschaften der Welt kommen nach Berlin: Brasilien, Frankreich und Spanien reisen für den "International Blind Challenge Cup 2006" an. Es ist das erste Blindenfußballtunier, das in Deutschland stattfindet, und es sind richtige Stars, die hier ihre Aufwartung machen. In Brasilien sind blinde Fußballer Profis, und auch in Spanien werden sie vom staatlichen Lotto-Dienst Once unterstützt. Leichtfüßig wie Ronaldhino dribbeln sie über den Platz. Man kann nur ahnen, wie viel Training hinter so viel Ballgefühl steckt, sogar über die Bande läuft der Ball, und das ist nicht so einfach, wenn man ihn nur hört und nicht sieht.

Die Spieler schenken sich nichts. Sie holzen gegen die Bande, spielen mit Spitze und Hacke, und wenn der Ball verloren ist, finden sie schnell wieder auf ihre Positionen zurück. Sie passen sich in den Lauf, flanken präzise über das Spielfeld. Das sieht so gut aus, dass der Schiedsrichter die Zuschauer immer wieder bitten muss, nicht zu klatschen: Sonst können sich die Spieler nicht mehr verständigen. "Voy, voy, voy", rufen die Verteidiger, wenn sie sich dem Gegner nähern. Das ist Spanisch und bedeutet: "Ich komme". Wer das nicht tut, riskiert die Verletzung seines Gegners - und eine Verwarnung. Vier davon ergeben einen Strafstoß.

"Das alte Kickergefühl ist wieder da"

Kurz vor dem Endspiel des Turniers zeigen auch die Deutschen, was sie gelernt haben. Vier gegen vier geht es, Stefan Schleicher ist die Spitze der Raute. Als er zum Sechsmeter antritt, ist es schon ein Ritual: Tony Larken geht zum rechten Torpfosten und klopft dagegen. Dann geht er zum linken. Das ist Schleichers einzige Orientierung. Er läuft an - und trifft. Das erste Trainingsspiel einer deutschen Blindenmannschaft geht 4:0 für Schleicher aus. Er, der am Millerntor auch gern mal dem Schiedsrichter seinen Blindenstock anbietet, stützt sich auf die Schulter eines Betreuers und kämpft mit den Tränen. "Das alte Kickergefühl ist wieder da", sagt er. Die englische Entwicklungshilfe hat gefruchtet.

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