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Bundesliga-Check: Dortmund und Gladbach: Zwei Borussias am Scheideweg

Kaum steht der Wechsel von Marco Reus zu Borussia Dortmund fest, da schreibt die Presse schon den Abgang von Lucien Favre herbei. Und dem BVB traut man auf einmal die Rückkehr von Nuri Sahin zu. Wir analysieren die Lage bei den Borussias.

Erst wenige Tage sind die Bundesligaclubs wieder im Training, aber es gab in dieser ersten Woche des Jahres so viele spektakuläre Nachrichten und Gerüchte wie sonst in Monaten nicht. Alles überstrahlte natürlich der angekündigte Wechsel von Marco Reus nach Dortmund, aber das war noch lange nicht das Ende der Aufregung bei den beiden Borussias.

Erst am Mittwoch hatte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke noch in der Sportbild angekündigt, große Transfers seien "kein Tabu mehr", am Nachmittag wurde dann der Kauf von Marco Reus für knapp 18 Millionen Euro annonciert. Zuvor hatte Michael Zorc den Verbleib von Mario Götze in Aussicht gestellt, so dass Dortmund auf einmal als Big Player im deutschen und europäischen Transfermarkt firmiert, fast so wie in den 1990er Jahren, als die halbe deutsche Nationalelf für viel Geld aus Italien ins Westfalenstadion geholt wurde. Mit Erfolg, aber auch den Langzeitfolgen eines Beinahe-Konkurses auf finanzieller Ebene.

Jedenfalls haben sich die Erwartungen an den BVB so radikal gewandelt, dass die Bild ihre Onlineausgabe mit der Meldung aufmachte, nun solle auch Nuri Sahin zurückkehren - nur sechs Monate nach seinem Wechsel zu Real Madrid. An Stelle belastbarer Zitate wurde ein vages und undatiertes Lob Watzkes "für Nuri steht in Dortmund immer eine Tür offen" als Indiz für einen bevorstehenden Wechsel gewertet.

Mag Baby Ömer keine Tapas?

Auf derwesten.de, wo man ebenfalls dank nicht zitierter Aussagen eines "BVB-insiders" vom Sahin-Wechsel wissen wollte, wurde gar die Familie Sahins als Rückkehrgrund angeführt, wobei die Charakterisierung Nuris als "bodenständiger Sauerländer" noch angehen mag, ihn aber auch im Sommer nicht am Wechsel nach Madrid gehindert hat. Dass sich Sahins Familie "mit Ehefrau Tugba und Baby Ömer sich in Madrid nicht sonderlich wohl fühlen", wirft aber doch Fragen auf. "Baby Ömer" ist immerhin erst dreieinhalb Monate alt und hat noch nie im Sauerland gelebt.

Deutlich dagegen das von Watzke gegenüber der dpa geäußerte Dementi: "Da ist nichts dran, es finden auf keiner Ebene Gespräche statt. Nuri ist ein erwachsener Mann und wird versuchen, sich bei Real Madrid durchzusetzen", so der Boss. Auch Zorc wurde von Spox mit der Aussage zitiert, die Gerüchte seien "hundertprozentig falsch".

Lange durften die BVB-Fans also nicht vom neuen Mittelfeld mit Bender, Sahin - Reus, Kagawa, Götze träumen. Aber die vermutete Plausibilität der Nachricht führte immerhin dazu, dass sowohl Bild als auch der Westen trotz der Dementis einfach bei ihrer Darstellung blieben. Das sagt einiges über die neue Erwartungshaltung an der Ruhr aus. In den Internetforen diskutierten die deutschen Fans mit den üblichen Extrempositionen "Das kann sich der BVB locker leisten" und "die sind bald wieder pleite".

Dortmunds Lage zwischen Panik und Größenwahn

Nüchtern betrachtet ist die neue Offensive der Dortmunder allerdings durchaus nachvollziehbar. Mit dem zweithöchsten Zuschauerschnitt in Europa nach Barcelona und aktuell realistischen Champions League-Einnahmen in dieser und der kommenden Saison kann der BVB nicht nur, er muss sogar den nächsten Schritt machen, will er in der nächsten Spielzeit besser auf internationaler Bühne abschneiden als in der abgelaufenen Hinrunde. Davon abgesehen sind sowohl Reus als auch Sahin nicht in die Kategorie Marcio Amoroso einzuordnen, die dem Club einst das Genick brach.

Ein Déjà-vu-Erlebnis täuscht also bei der schwarzgelben Borussia. Wie aber steht es um die andere Borussia, die schwarz-weiß-grüne vom Niederrhein? Sie hatte eine fantastische Hinrunde, aber einen Albtraumstart ins neue Jahr mit den angekündigten Abgängen von Superstar Reus nach Dortmund und Roman Neustädter, der mit Schalke in Verbindung gebracht wird.

Das nutzte wiederum die Bild, um den nahenden Abgang des Trainers Lucien Favre zu annoncieren. Grundlage der Spekulationen: Alte Zitate Favres ("man muss gehen, wenn man das Maximum erreicht hat"), die den aktuellen Aussagen des Coachs ("So ist das Geschäft. Ich schaue nach vorn") vorgezogen wurden. Vergleiche zur Situation bei Hertha, als nach einer tollen Saison zwei Leistungsträger mit Andriy Voronin und Marko Pantelic gingen und Favre kurz nach Beginn der folgenden Spielzeit gefeuert wurde, werden aufgerufen.

Quo vadis, Max Eberl?

Der Verlust von Reus ist selbstredend ein schwerer Schlag für Gladbach. Ganz unerwartet kommt er allerdings nicht. Und bei allem Respekt vor der Saison, die Roman Neustädter spielt: Ist es wirklich die individuelle Klasse von ihm und Havard Nordtveit, die die Borussia so erfolgreich macht, oder nicht eher ein sehr, sehr gut funktionierender Mannschaftsverbund?

Dieser ist das Verdienst von Favre, daran kann wohl niemand zweifeln, der das Spiel ohne Ball der Mannschaft mit dem unter Vorgänger Michael Frontzeck vergleicht. Bei erwarteten Einnahmen von fast 20 Millionen Euro und nicht unwahrscheinlichen Europacupgeldern (zehn Punkte Vorsprung auf Platz sieben) sollte es möglich sein, weiteren Schlüsselspielern wie Dante oder Juan Arango den Verbleib schmackhaft zu machen.

Das ist die Aufgabe, die nun vor Max Eberl liegt, neben dem Ziel, bis zum Sommer attraktive Verstärkungen für die Offensive zu verpflichten. Bisher wurde zunächst der Finne Alexander Ring von HJK aus Helsinki ausgeliehen, aber dabei sollte es wohl nicht bleiben. Daran wird sich entscheiden, in welche Richtung es für Mönchengladbach geht. Nicht an Marco Reus. Denn vor einem Jahr galt die Borussia faktisch schon als Zweitligist. Dass man heute schon enttäuscht darüber ist, dass ein internationaler Klassespieler wie Reus nicht ewig gehalten werden kann, zeigt doch vor allem auch, wie weit Favre den Club in nur elf Monaten gebracht hat.

sportal.de / sportal

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