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Bundesliga-Check: Gladbach: Eine große Abschiedstour

Ein Schatten hat sich auf die Erfolgsgeschichte Gladbachs nach einer großartigen Hinrunde gelegt: Marco Reus wird nur noch in höchstens 17 Spielen für die Fohlen auflaufen. Und wenn schon!

Das hätten sich selbst die Optimisten unter den Anhängern Borussia Mönchengladbachs nicht träumen lassen. Nach dem abgewandten Abstieg 2010/11 knüpfte ihr Team nach dem Sommer an die Leistungen der Rückrunde an und stieg in der Tabelle, bis sie schließlich nach 17 Spieltagen vorerst auf Rang vier standen.

Sportlich läuft es, dabei sind es nun die Nebengeräusche, die für Störungen sorgen. Im Mittelpunkt steht dabei natürlich Marco Reus, der Gladbach im Sommer in Richtung Dortmund verlassen wird.

Falschester Satz aus dem Sommer-Check
Zunächst einmal dürfen wir uns - und vor allem dem Kollegen Uwe Toebe - auf die Schultern klopfen. Platz sechs war unsere Prognose, Platz sechs liegt nach der Hinrunde im Bereich des Machbaren. Unser Experte, Redaktionsleiter Marc Basten von Torfabrik.de, war damals skeptischer.

So gebührt ihm der falscheste Satz des Sommers: "Wenn alles optimal läuft und das Team den von Trainer Lucien Favre eingeschlagenen Weg weiter vernünftig mitgeht, könnte Borussia vielleicht für die eine oder andere positive Überraschung sorgen. Aber sie wird nichts mit Europa zu tun haben", erklärte Basten damals. "Es sei denn, die Liga spielt wieder so total verrückt wie im letzten Jahr“, lautete allerdings auch seine kluge Einschränkung.

Zwar spielte nicht die Liga verrückt, sondern die Borussia groß auf. Angeführt von Marco Reus machten die Fohlen dort weiter, wo sie in der Rückrunde aufgehört haben. Die Erfolgsgeschichte begann mit dem 1:0 bei den Münchner Bayern und setzte sich unter anderem mit einem 5:0 gegen Werder und gleich darauf dem 3:0 beim Erzrivalen aus Köln fort. Der Lohn der Mühe sind 33 Punkte und der vierte Rang in der Tabelle.

Größte Enttäuschung
Dass Marco Reus nicht ewig bei den Gladbachern bleiben würde, dürfte den Verantwortlichen und den Fans schon länger klar gewesen sein. Für die Realisten und Branchenkenner unter ihnen dürfte der Wechsel nach Dortmund daher nicht überraschend kommen. Es dürfte die Frage nach dem wie sein, die gerade in der Kurve die Anhänger enttäuscht.

"Ich habe zu diesem Thema schon so oft gesagt, dass ich einen Vertrag hier in Gladbach bis 2015 habe. Und damit ist auch alles gesagt", zitierte sport1.de Reus zwei Tage vor dem Wechsel. Hier wäre er vielleicht gut beraten gewesen, nicht auf die Vertragslaufzeit hinzuweisen. Zumal er zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Aussagen selbst in die Verhandlungen mit seinem Ex- und nun Neu-Club involviert war.

Beim ersten Heimatauftritt nach Bekanntwerden des Transfers gab es jedoch keine Unmutsäußerungen gegenüber Reus. Beim Wintercup in Düsseldorf, wo auch die neuen Kollegen aus Dortmund auftraten, kamen keine Pfiffe über die Lippen der Fohlenfans. Sie scheinen Reus und den Kollegen zumindest die Aussagen, der Wechsel habe keinen Einfluss auf den Erfolg der Mannschaft, zu glauben.

Am Niederrhein scheint es nun nach dem Motto "man muss die Feste feiern, wie sie fallen" zu laufen. Das heißt: Eine ebenso gute Rück- wie Hinrunde soll eine großartige Saison abschließen. Schließlich gibt es durch Reus und auch Roman Neustädters Abgang im Sommer mehrere Fragezeichen für die nächste Spielzeit.

Hoffnungsträger

Zwei wichtige Spieler konnten nicht gehalten werden, umso wichtiger wäre eine Vertragsverlängerung mit Trainer Lucien Favre, dessen Vertrag allerdings noch bis 2013 läuft. Trotzdem will Sportdirektor Max Eberl nach übereinstimmenden Medienberichten bereits jetzt mit dem Coach verlängern. Wahrscheinlich auch, um ein positives Zeichen nach den Abgängen zu setzen. Und um die Stimmen aus den Medien verstummen zu lassen, die fast schon apokalyptisch von einem Weggang Favres fabulierten.

Favres Abgang wäre tatsächlich ein großer Rückschritt, schließlich folgte mit seiner Verpflichtung im Februar mit 20 Zählern aus zwölf Spielen die Wende und mit der erfolgreichen Hinrunde der Höhenflug.

Grund für die Spekulationen dürfte der etwas unglückliche Satz Favres beim Wintercup gewesen sein, der unter anderem gegenüber sueddeutsche.de erklärte, dass er zunächst bis zum Sommer planen würde. Es scheint, als hätten die Akteure am Niederrhein – siehe Reus - des Öfteren Kommunikationsprobleme.

Vielleicht sind es aber auch eher die Interpretationen der bei den Anhängern eh schon unbeliebten Medien. So machten Übereifrige diese laut rp-online.de auch als Mitschuldige im Falle Reus aus und ließen ihre Wut im Trainingslager im türkischen Belek an einem Mietwagen – vermeintlich von den ungeliebten Pressevertretern gemietet – aus. 

Frage an den Fachmann

"Der Wechsel von Marco Reus steht fest - gibt es nun ein Spießrutenlaufen im Borussia Park? Oder bereiten ihm die Fans eine würdige Abschieds-Rückrunde?" 

Daniel Gonzales, Sportredakteur der "Westdeutschen Zeitung": "Das Trainingslager im türkischen Belek, das ich eine Woche lang verfolgen durfte, hat gezeigt: Marco Reus hat nicht einen Funken seiner Spielfreude, seines Selbstbewusstseins und seines Engagements für den Verein eingebüßt. Bei jeder Trainingseinheit und jedem Testspiel wirkte er so wie in der bärenstarken Hinrunde.

Die rund 200 mitgereisten Anhänger haben dies schnell bemerkt. Reus wurde zwar mit einigen hämischen Sprüchen bedacht, die aber eher lustig statt ernst gemeint waren. Auch beim Wintercup in Düsseldorf am vergangenen Wochenende wurde Marco Reus nicht mit Pfiffen bedacht. Ich gehe daher von einer entspannten und erfolgreichen Rückrunde des Teams von Trainer Lucien Favre aus."

Prognose
Nicht selten kommt es vor, dass wir unsere Prognose aus dem Sommer bereits im Winter relativieren müssen. Im Falle Gladbachs halten wir allerdings daran fest. Mit dem Meistertitel werden die Fohlen zwar nichts zu tun haben, bei der Vergabe um die internationalen Plätze dürften sie aber ein gewaltiges Wort mitsprechen. Auch dank eines Marco Reus, der volle Unterstützung von den Fans erhält.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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