Bayern München Am Scheidweg


Am Scheidweg
Ein Kommentar von Tim Schulze

Die Bayern haben zum Saisonauftakt einen äußerst angenehmen Nachmittag in der fränkischen Stadt Fürth verlebt. Die Sonne schien, am Himmel zeigten sich ein paar Wolken und die Temperaturen lagen knapp über 20 Grad. 18.000 Zuschauer in der frisch aufgemöbelten und ausverkauften „Trolli-Arena“ die Bayern-Stars. Auf dem Programm stand endlich Bundesliga, das erste Spiel Fürths im Fußball-Oberhaus überhaupt. Der Club mit dem kleinsten Lizenzspieler-Etat (12,5 Millionen) empfing die Mannschaft, deren Etat zehnmal höher ist.

Den Bayern-Spielern kam der idyllische Rahmen zum Bundesliga-Auftakt vielleicht gerade recht. Der große Konkurrent Borussia Dortmund mühte sich im eigenen Stadion vor über 80.000 Zuschauern im Eröffnungsspiel gegen starke Bremer zu einem glücklichen 2:1-Sieg und ließ einige der Fähigkeiten vermissen, die den amtierenden Meister in der vergangenen Saison auszeichneten. Doch die werden wieder kommen. Die Dortmunder haben nichts an sportlicher Qualität eingebüßt, auch wenn beim Team von Jürgen Klopp (noch) nicht alles rund lief.

Die Bayern hingegen hatten es mit tapfer kämpfenden Fürthern zu tun, die alles daran setzten, es dem Rekordmeister so schwer wie möglich zu machen. Doch das Team von Jupp Heynckes war abgebrüht genug. Am Ende spazierte es mit einem ungefährdeten 3:0-Sieg vom Platz, alles Paletti also unter der fränkischen Sonne. Vorerst. Beide Teams haben gewonnen und stehen in der Tabelle oben bzw. ganz oben (Bayern). Beide Leistungen reichen aber nicht, um Rückschlüsse auf die Zukunft zu ziehen. Die Dortmunder riefen gegen Bremen nicht ihr volles Potential ab, Fürth war für die Bayern kein Maßstab.

Ein entspannter Auftakt war für die Bayern diesmal besonders wichtig. Zwei Jahre ohne Titel und die Niederlagen in der vergangenen Saison haben Spuren hinterlassen. Während sie in Dortmund nach zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg in zwei Jahren mit sich völlig im Reinen sind und Trainer Jürgen Klopp alle und alles überstrahlt, wissen die Bayern nicht so genau, wo sie stehen. Ein missratener Auftakt oder ein pomadiger Auftritt gegen den Aufsteiger hätte den notorisch unruhigen Club noch mehr unter Spannung gesetzt.

Die Situation bei den Bayern wird durch die Personalkonstellation noch verschärft. Der neue Sportdirektor Matthias Sammer soll neuen Schwung entfachen und den Club wieder in die Spur bringen. Aber ob seine Arbeit den erwünschten Effekt erzielt, ist noch nicht abzusehen. Sammer und Trainer Jupp Heynckes betonen auffällig oft ihre "klasse" Zusammenarbeit. Sammer beobachtet jedes Training. Ob seine Dauerpräsenz so nah an der Mannschaft konfliktfrei über die Bühne geht, ist eine der spannendsten Fragen. Was passiert, wenn der temperamentvolle Sammer sich nicht zurückhält und Heynckes in sportlichen Fragen hineinredet?

Klar ist ebefalls, dass der Coach unter verschärfter Beobachtung steht. Seine enge Freundschaft mit Uli Hoeneß, der Heynckes reaktivierte und ihn zum Cheftrainer machte, wird ihm im Fall einer Krise nicht helfen. Das weiß Heynckes natürlich. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ließ er jetzt sehr deutlich anklingen, dass er sich ab Sommer nächsten Jahres, wenn sein Zwei-Jahres-Vertag ausläuft, wieder verstärkt seiner Rosenzucht widmen wird statt dem aufreibenden Job eines Bayern-Trainers nachzugehen. Der Mann ist immerhin 67 Jahre alt. Heynckes beeilte sich, seine Aussage zu relativieren. Ein Trainer, der eh bald in Rente geht – der verliert schneller an Autorität als er "Meisterschaft" sagen kann. Erst im Frühjahr werden er und die Bayern-Führung sich zusammensetzen und eine Entscheidung treffen.

Der Ausflug nach Fürth hat den Bayern vorerst die Tabellenführung beschert. Genau da wollen und müssen sie ihrem Selbstverständnis am Ende des 34. Spieltages stehen. Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn der ruhmreiche FCB am 18. Mai 2013 wieder hinter den Dortmundern rangiert.


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