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Meinung

FC Bayern München: Uli Hoeneß hat fertig. Für den FC Bayern ist das eine Chance

Uli Hoeneß verabschiedet sich. Auf der Mitgliederversammlung wird er nicht wieder als Präsident kandidieren und sich in die zweite Reihe zurückziehen. Das ist eine Chance für den Club. Aber wie glaubhaft ist der Rückzug?

Uli Hoeneß ist zukünftig einfaches Mitglied im Bayern-Aufsichtsrat 

Uli Hoeneß ist zukünftig einfaches Mitglied im Bayern-Aufsichtsrat 

Getty Images

Am Freitagabend ist es also soweit. Der Ort des Geschehens: die Olympiahalle in München. Abends um sieben beginnt die Mitgliederversammlung des FC Bayern. Zehntausend Vereinsmitglieder werden da sein und gespannt der großen Abschiedsrede von Uli Hoeneß lauschen. Es wird sehr emotional werden nach 40 Jahren als Manager und Präsident, so viel ist sicher. Hoeneß, der gefühlige Machtmensch, wird ein paar Tränen verdrücken, seinerseits den Lobeshymnen lauschen und die minutenlangen Standing Ovations genießen. 

Das Ende der Hoeneß-Ära stellt eine gewaltige Zäsur für den wichtigsten Verein in Deutschland dar. Schließlich tritt derjenige ab, der den Club zu dem gemacht hat, was er heute ist: die unangefochtene Nummer eins in Deutschland, ein Riese im europäischen Fußball, ein Global Player des Sportentertainments mit einem Jahresumsatz von 750 Millionen Euro. Es bleibt die Frage: Was bedeutet der Rückzug des Übervaters für die Bayern? Chance oder Rückschlag? Oder bleibt einfach alles, wie es ist? 

Hoeneß will die Bayern nicht mehr "aufhalten"

Viel spricht dafür, dass Hoeneß' Abgang eine Chance darstellt, und sogar notwendig ist, um auf Dauer im Rennen der europäischen Großclubs eine Rolle zu spielen.  

Hoeneß machte zuletzt eine bemerkenswerte Aussage im "Kicker": Würde er eine weitere Amtszeit dranhängen, "würde ich die Entwicklung wieder drei Jahre aufhalten", sagte er. "Ich muss die jetzt ins Wasser schmeißen (die Nachfolger Herbert Hainer und Oliver Kahn, Anm.d.Red.). Ich glaube, der Zeitpunkt ist gut." Der Satz offenbart, dass der 67-Jährige selbst verstanden hat, dass seine Art, einen Verein zu führen, sich zuletzt mehr als Hindernis erwiesen hat. 

Hoeneß dürfte unter anderem auf seine Rolle bei der Trainersuche vor anderthalb Jahren angespielt haben. Die Bayern suchten einen Nachfolger für Jupp Heynckes. Es sollte die große Lösung werden, aber die unterschiedlichen Auffassungen von Hoeneß und dem Vorstandvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge verhinderten eine zügige Entscheidung. Rummenigge wollte Tuchel, Hoeneß war dagegen. Schließlich kam Niko Kovac. Es endete damit, dass Kovac nach 16 Monaten wieder entlassen wurde. Er war Hoeneß' Mann. Aktuell trainiert Interimstrainer Hansi Flick die Mannschaft. Im Sommer soll ein neuer Trainer kommen, die große Lösung. 

Links steht Uli Hoeneß im Anzug vor einem großen FC Bayern-Wappen, rechts liegt er als jüngerer Mann im Krankenhausbett

Der FC Bayern wird sich emanzipieren müssen

Die Geschichte verdeutlicht, wie sehr der Konflikt zwischen den beiden Bossen den Verein lähmte. Offenbar hat Hoeneß das erkannt. Zur Wahrheit gehört: Der FC Bayern kam gut ohne seinen Übervater aus, als dieser von 2014 bis Anfang 2016 seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung abbrummte. Rummenigge führte den Club erfolgreich. An seiner Seite hatte er Männer wie Matthias Sammer und Pep Guardiola.

Hoeneß' Abgang wird den Verein zudem zwingen, sich von der Überfigur zu emanzipieren. Das ist dringend nötig. Zuletzt wirkte die einstige Abteilung Attacke eher aus der Zeit gefallen. Hoeneß' Äußerungen lösten mehr Kopfschütteln aus als das sie ernst genommen wurden. Erinnert sei an die peinliche Pressekonferenz im vergangenen Jahr (gemeinsam mit Rummenigge und Salihamidzic), an die Attacken auf den DFB wegen einer angeblichen Torwart-Debatte und den Anruf im Sport1-Doppelpass, wo er sich gegen die Kritik an Sportdirektor Hasan Salihamidzic verwahrte. Früher hätte so ein Live-Anruf tiefe Erschütterungen in der Fußball-Welt ausgelöst, heute reagiert man eher belustigt. Zum Vorteil des Clubs sind solche Aktionen nicht. 

Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt es auch, dass den Bayern eine klare sportliche Spielphilosophie fehlt. "Anders, als beim FC Barcelona, bei Liverpool, ManCity oder auch Ajax Amsterdam, gibt es beim FC Bayern kein Konzept, dem sich alle Teams des Klubs verpflichtet fühlen", schrieb 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster kürzlich in seiner stern-Stimme. Der FC Bayern verpflichtetet Trainer, weil sie erfolgreich waren, und nicht, weil ihre Spielidee zu den Bayern passte.

Die Mannschaft kommt immer vor dem Trainer

Hoeneß hat die Bayern immer von der Mannschaft aus gedacht. Der Trainer musste sich beweisen. Senkten die Spieler die Daumen wie bei Carlo Ancelotti oder Niko Kovac (wie Hoeneß freimütig ausplauderte: "Teile der Mannschaft"), bedeutete es das Aus für den Übungsleiter.  Hoeneß spezielle Mischung aus kalter Geschäftsmäßigkeit und familiärer Wärme war auf den Erfolg ausgerichtet. Eine übergeordnete Spielidee war da nachrangig. 

Ob sich das ändert? Gut möglich. Oliver Kahn wird Ende 2021 den Vorstandsposten von Rummenigge übernehmen. Kahn habe "in vielen Bereichen ganz andere Vorstellungen, zum Beispiel im Scouting und im Nachwuchsbereich, sagte Hoeneß dem "Kicker".  Er soll moderne Strukturen schaffen.

Doch bis Kahn Einfluss nehmen kann, dauert es noch. Bis dahin lautet eine weitere Frage: Welche Rolle wird Hoeneß als einfaches Aufsichtsratsmitglied spielen? Kann er überhaupt loslassen? Wie groß wird sein Einfluss sein. Dem "Kicker" gestand er, dass er über die Zeit nach seinem Abschied "nicht eine Sekunde" nachgedacht habe: "Vielleicht kommt es noch, dass ich, wenn es vorbei ist, aufwache und denke: Jetzt hast Du aber wenig zu tun."

Das ist vermutlich nur die halbe Wahrheit: An anderer Stelle hat er gesagt, dass er den Verein wie eine "eine Glucke bewachen" wolle. Er wird nicht mehr überall mitmischen, aber sich im Hintergrund weiterhin einmischen. Das ist sicher. So war's auch bei Franz Beckenbauer. Der scheuchte den FC Bayern immer wieder auf, lange nachdem er das Präsidentenamt geräumt hatte.

Quellen: DPA, "Kicker", "Süddeutsche Zeitung"

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