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P. Köster: Kabinenpredigt Alles wieder gut beim FC Bayern? Nein, die Krise fängt gerade erst an

Hier feiern Coman, Neuer und Müller (v.l.)
Nach dem hohen Sieg über Konkurrent Dortmund war die Freude bei den Münchenern verständlicherweise groß: Hier feiern Coman, Neuer und Müller (v.l.)
© Alexander Hassenstein / Bongarts / Getty Images
Ist der FC Bayern nach dem Sieg gegen Dortmund wieder in der Spur? Nein! Den Rekordmeister plagen tiefe, strukturelle Probleme, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Herrschte letzte Woche noch Untergangsstimmung beim FC Bayern München und wurde Trainer Niko Kovac nach einer ausgiebigen Krisensitzung gefeuert, so hätte es sieben Tage später niemanden überrascht, wäre Coach Hansi Flick während der Pressekonferenz nach dem Dortmund-Spiel von den Spielern mit Weißbier übergossen worden.

Denn es scheint alles wieder gut beim FC Bayern, weil Flick unter der Woche die richtigen Worte fand, um eine etwas verunsicherte Mannschaft aufzurichten, weil die Mannschaft einen indisponierten Dortmunder Gegner aus dem Stadion schoss – und weil nun alle Münchner gerne glauben wollen, dass am ruckeligen Saisonstart allein der Trainer und seine spieltaktischen Versäumnisse Schuld waren.

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Das ist nachvollziehbar, das ist bequem. Und das ist auch der Garant dafür, dass die Krise des FC Bayern nicht beendet ist, sondern gerade erst so richtig Fahrt aufnimmt. Denn abseits der weltwichtigen Fragen, ob Hansi Flick der richtige Mann auch für die ganze Saison ist, warum Thomas Tuchel abgesagt hat und wer genau eigentlich bei Arsene Wenger durchgeklingelt hat, plagen den Rekordmeister tiefgreifende, strukturelle Probleme.

Die klare sportliche Philosophie fehlt

Es fehlt vor allem eine klare sportliche Philosophie. Anders als beim FC Barcelona, bei Liverpool, ManCity oder auch Ajax Amsterdam, gibt es beim FC Bayern kein Konzept, dem sich alle Teams des Klubs verpflichtet fühlen. Niko Kovac wurde vor eineinhalb Jahren geholt, einfach nur, weil er mit Eintracht Frankfurt erfolgreich war, nicht weil er besonders gut zum FC Bayern gepasst hätte.

Und es macht es nicht besser, wenn man zynisch entgegnet, dass eine teamübergreifende Philosophie gar nicht so wichtig ist, weil schließlich kaum noch ein Spieler aus der eigenen Jugend den Sprung zu den Profis schafft. Was allerdings stimmt: Es fehlt an Durchlässigkeit, an der anderswo längst gelernten Selbstverständlichkeit, den Nachwuchs konsequent in den Profibetrieb einzubinden.

All das gehört zum Pflichtenheft der Geschäftsführung: Erstens das sportliche Korsett der Mannschaft zu erneuern. Zweitens eine klare Hierarchie zu schaffen, in der sich Spieler nicht beim Vorstand ausheulen. Drittens ein Konzept zu finden, das unabhängig von Trainerpersönlichkeiten für den FC Bayern steht – und viertens endlich miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander.

Wer gehofft hatte, mit der nun offiziell anstehenden Demission des Uli Hoeneß würde etwas mehr Stringenz in der Bayern-Führung einziehen, wurde eines Besseren belehrt. In seinen letzten Amtstagen zerdepperte Hoeneß nochmal ordentlich Porzellan, stellte die Kovac-Entlassung als Folge einer Mannschafts-Revolte dar und erreichte mit einem vor Furor dampfenden Anruf im Sport1-Doppelpass nur, dass sein eh schwankender Sportdirektor Hasan Salihamidzic noch ein bisschen schwächer dastand als vorher. Die Kakophonie dieser Tage gipfelte dann darin, dass Karl-Heinz Rummenigge bereits freudig verkündete, Hansi Flick bleibe vorerst Trainer, während Uli Hoeneß das zunächst offen ließ und Hasan Salihamidzic auf den auch nicht völlig unwichtigen Umstand hinwies, dass auch Hansi Flick noch gefragt werden müsse ob er denn überhaupt weitermachen wolle.

Ein fast babylonisches Stimmengewirr, das schleunigst verstummen muss und einer klaren Hackordnung weichen muss, die klar regelt, wer was entscheidet und wie es kommuniziert wird. Eine Hierarchie, die sich vor allem vom Patron Uli Hoeneß emanzipiert, dessen öffentliche Wortmeldungen ja auch in Zukunft zum Alltag des FC Bayern gehören werden. Ansonsten wird auch Hansi Flick bald erleben, wie Trainer demontiert und Spieler protegiert werden. Ungeachtet der aktuellen Lobeshymnen. 


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