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Zweite Liga: Union Berlin - ein Besuch bei den letzten Romantikern des deutschen Fußballs

Union Berlin hat in seiner turbulenten Klubgeschichte schon immer vieles anders gemacht als die anderen. In dieser Saison könnten die Köpenicker nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte in die Bundesliga aufsteigen. Ist der Verein dafür überhaupt bereit?

Von Jonathan Sendker

Jens Keller und Union Berlin: Aufstieg ist nach wie vor möglich

Trainer Jens Keller und Union Berlin: Aufstieg ist nach wie vor möglich

An der südostlichen Spitze des Stadiongeländes hat Union Berlin für seine Fans ein Denkmal errichtet. Auf einen rostbraunen Metallzylinder ist ein riesiger roter Helm gestülpt, dort steht: "Stadionbauer 2008/2009 – Eisern Union". In dieser Spielzeit hatten hunderte Fans mit angepackt und das Stadion An der Alten Försterei von Grund auf saniert. Jetzt nennt man diese Zeit die "Eiserne Saison".

Nun steht also die Statue vor den Toren des Stadions, zwischen Picknicktischen, Grillbuden und einem Fanshop. Beschmückt ist sie mit Schaufeln, Schubkarren und einigen Blumenbeeten. "Das ist alles noch sehr, sehr erdig hier, so richtig unschuldig", sagt Sportdirektor Helmut Schulte. "Das Erlebnis wird für die Fans eben nicht nur über das Ergebnis definiert."

Union Berlin: Früher "ein richtig chaotischer Verein"

Schulte empfängt in einem großzügigen Büro im Erdgeschoss in der Haupttribüne, mit Blick auf den Parkplatz. Dort stehen an einem Mittwochvormittag einige Dutzend Anhänger in einer langen Schlange an, um Karten für die nächsten Spiele zu kaufen. Nicht nur die Stühle in diesem Büro sind in der Vereinsfarbe rot gehalten – an den Wänden hängen auch einige Union-Blechschilder, auf ihnen steht "Union am Ball" oder "Jeder Schuss ein Treffer". In einer Ecke stehen zwei Rotweinflaschen mit Union-Etikett.

Union Berlin Statue

Das Denkmal von Union Berlin: Die Statue für die Stadionbauer

Helmut Schulte ist seit Februar 2016 beim Verein und hat in den letzten 30 Jahren als Trainer, Manager und Scout unter anderem für den FC St. Pauli, Dynamo Dresden und Schalke 04 gearbeitet. Was war sein erster Eindruck von Union Berlin? "Union ist mal ein richtig chaotischer Verein gewesen", so Schulte. "In den wilden Nachwendezeiten ging hier alles drunter und drüber, auch finanziell. Dann ist irgendwann einmal Beruhigung eingetreten und Entwicklung entstanden. Das ist, glaube ich, unabdingbar mit unserem Präsidenten Dirk Zingler und seinen Mitstreitern verbunden."

Eine Sache, erzählt Schulte, hätte ihn am Anfang besonders fasziniert. "Bei unserem ersten Gespräch sagte der Präsident zu mir: 'Ich arbeite lieber mit Leuten zusammen, mit denen ich schon Rückschläge gemeinsam durchschritten habe, das macht uns für die Zukunft stärker. Wenn ich jedes Mal die Pferde wechsele, wenn es hektisch wird, werde ich dieses Gefühl nie haben.'" Das, sagt Schulte, finde er außergewöhnlich, "gerade im Profifußball".

Ein Stadion, das vor allem aus Stehplätzen besteht

Union Berlins "Leiter Lizensspielerabteilung": Helmut Schulte

Union Berlins "Leiter Lizensspielerabteilung": Helmut Schulte

Präsident Zingler hat sich auch im Stadion verewigt. In einem der Tunnel, welche die Zuschauer nach dem Spiel ins Freie leiten, hat der Verein die "Stadiongründer"-Aktion ins Leben gerufen: Für 75 Euro können Anhänger einen Ziegelstein kaufen, ihn dann mit einer Inschrift versehen und in die Wand einbauen lassen. Dort steht dann zum Beispiel "Peter Kuschke – Für immer Union" und eben auch "Dirk Zingler – Fan, Präsident, Sponsor, Fan." Das Stadion bietet Platz für 22.000 Menschen und ist bei den Heimspielen oft ausverkauft. Es hat aber nur etwa 3000 Sitzplätze - auf drei von vier Tribünen können die Fans ausschließlich stehen.

Die Zuschauer sind für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich nah dran. 19.000 stehende Fans, die dicht am Spielfeldrand singen, feiern und ihre Mannschaft anfeuern: Nicht ohne Grund ist die Alte Försterei berühmt für die Stimmung, die hier herrscht. "Dass dieser Verein eine sehr, sehr gute Atmosphäre im Stadion hat, ist ja öffentlich bekannt", so Schulte salopp.

Berühmtheit hat das Stadion auch durch das jährlich stattfindende "Weihnachtssingen" erlangt: Fast 30.000 Leute sind an einem Abend im Dezember 2016 in die Alte Försterei gekommen, um mit einer Kerze in der Hand für genau 90 Minuten Weihnachtslieder zu singen. Der Rundfunkanstalt Berlin-Brandenburg (rbb) nennt es "das größte Weihnachtskulturereignis Berlins" - eine Initiative, die 2003 von Union-Anhängern gestartet wurde. "Es gibt aber nicht den Union-Fan", betont der Sportdirektor. "Es gibt Leute, die erwarten von der Mannschaft, dass sie jedes Spiel gewinnt. Die sind unzufrieden, wenn wir unentschieden spielen. Das gibt es genauso wie die, die sagen: 'Hör ma, war doch toll, wir haben jetzt 4:0 zuhause verloren, aber hat doch Spaß gemacht.' Dazwischen ist alles möglich."

Schulte möchte noch etwas über die Fankultur bei Union Berlin sagen: "Was hier eben vorherrscht, ist, dass man nicht nur ein gutes Gefühl haben kann, wenn das Ergebnis stimmt. Das gibt's hier mehr als in anderen Vereinen. Das ist schön, wenn das viele Menschen so empfinden können, dann macht das Ganze für alle viel, viel mehr Spaß." Diese Einstellung übertrage sich auch auf den Umgang mit den gegnerischen Mannschaften, die nach Köpenick kommen, so Schulte. "Das ist ein sportlicher Wettkampf. Wir laden den Gegner ein, um uns sportlich zu messen, innerhalb dieser Liga. Das sind nicht unsere Feinde, das sind unsere Gäste. Und so werden wir sie auch behandeln."

Was bleibt von der Seele des Vereins?

Alle Verantwortlichen sind sich einig, dass ein Besucher, der mehr über den Verein lernen möchte, unbedingt mit Achim sprechen muss. Achim ist ein 80-jähriger ehrenamtlicher Helfer, der fast täglich im Stadion ist und sich um alles kümmert, was anfällt: Er baut einen neuen Boden ein, reinigt die Tribünen und räumt nach Heimspielen den Müll weg. "Viele nennen mich den 'fleißigsten Menschen, der hier rumläuft'", schmunzelt er. Stolz zeigt er das Stadionbauer-Denkmal und den "Tunnel of Fame" mit den beschrifteten Steinen. Achim kann von Zeiten berichten, als am Ort der Haupttribüne nur "acht erhöhte Stufen" standen. Er ist auch schon abenteuerlich bis unter das Dach der Alten Försterei geklettert, um zwei Kameras zu reparieren. "Schließlich ging es darum, eine winzige Schraube in eine Öffnung zu fummeln", erzählt er. "In zwanzig, dreißig Metern Höhe!"

In der krachigen Vereinshymne singt Nina Hagen: "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union!" Leidenschaftliche, freundliche Fans, eine besondere Stimmung, urige Anekdoten - besteht nicht die Gefahr, dass Union zur Lifestyle-Marke wird? Dass die Natürlichkeit irgendwann nicht mehr echt ist? "Ich habe das immer den Ritt auf der Rasierklinge genannt", sagt Schulte und überlegt. "Was bin ich bereit, für den sportlichen Erfolg an Identität herzugeben?" Sonst sei das Ganze irgendwann nur noch "eine Vermarktungsarie, bei der nebenbei noch Fußball gespielt wird." Die Gefahr bestehe, ganz klar: "Ich sehe sie im Moment noch nicht – ich weiß, dass sich die handelnden Personen da sehr sensibel mit auseinandersetzen. Ob das langfristig gelingt, weiß ich nicht, denn am Ende wird alles vermarktet. Ein Profiverein kann gar nicht leben, wenn keine Vermarktung stattfindet."

"Scheiße ... wir steigen auf!"

Union Berlin ist drei Spieltage vor Schluss mitten im Aufstiegskampf. "Große Leistungen werden nur mit freudigem Herzen erbracht", sagt Schulte. "Das wollen wir hier erreichen. Ich persönlich hoffe, das mir meine Erfahrung und mein sportpsychologisches Studium helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und natürlich ist, gerade im Fußball, der Faktor Glück manchmal nicht unwesentlich. In dieser Saison kommt das alles bisher ganz gut zusammen." Nach einem Sieg gegen die Würzburger Kickers skandierten die Fans: "Scheiße, wir steigen auf!"

Der ganze Verein scheint überrascht zu sein von dem, was gerade passiert. Ist Union Berlin überhaupt bereit für die erste Liga? "Ja, aber natürlich", sagt Schulte zum Abschied. "Das war ja nur ein kreativer, humorvoller Umgang mit dem Thema. Auf jeden Fall ist Union bereit für die erste Liga. Wir müssen uns nur noch sportlich qualifizieren!"

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Jonathan Sendker

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