HOME

Stern Logo Bundesliga

Kommentar

Wenn Tradition Tore schießt: Warum die 2. Liga viel mehr Spaß macht als die Bundesliga

Hier kann wirklich jeder jeden schlagen: In der 2. Liga liefern sich die zahlreichen Traditionsvereine in dieser Saison regelrechte Fußballfeste. Das vermeintliche "Unterhaus" läuft der Bundesliga langsam den Rang ab.

Zweite Bundesliga: Jubelnde Fans des VfB Stuttgart

Die Stadien der 2. Bundesliga sind voll - hier die Fans des VfB Stuttgart beim Spitzenspiel gegen Dynamo Dresden

"Die beste 2. Liga aller Zeiten" - der alte Slogan von "Sport1" ist unter Fußball-Fans längst ein gern ironisch zitierter Klassiker. Bis jetzt. Denn noch nie war das vermeintliche Unterhaus so attraktiv, so spannend, so unberechenbar wie in dieser Saison. Die 2. Bundesliga 2016/17 ist ohne jeden Zweifel die beste aller Zeiten.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:

Die Spitzenspiele

Sie halten, was sie versprechen. Jüngstes Beispiel für die regelrechten Fußballfeste, die von den Traditonsteams in dieser Saison veranstaltet werden: Das spektakuläre 3:3 zwischen Stuttgart und Dresden am vergangenen Wochenende. Es steht stellvertretend für alles, was in Liga 2 möglich ist: Dynamo führt 3:0 nach 26 Minuten (Hattrick Kutschke), Stuttgart kämpft sich zurück ins Spiel und belohnt sich in der 94. (!) Minute mit dem Ausgleich per Foulelfmeter. Ganz nebenbei war das Match ein würdiges Rückspiel für den sensationellen 5:0-Sieg der Dresdner gegen den VfB in der Hinrunde.

Zum Vergleich: Im bisher meistbeachteten Erstliga-Spitzenspiel der Saison, Bayern gegen Leipzig, ließen die Münchner den Emporkömmlingen von RB keine Chance. Seitdem hat der Rekordmeister seinen Vorsprung auf den Verfolger auf gewohnt gähnende 13 Punkte ausgedehnt (von den 17 bzw. 18 Punkten auf Rang drei und vier ganz zu schweigen).

Die Ausgeglichenheit

In der 2. Bundesliga kann wirklich jeder jeden schlagen, im Gegensatz zur Bundesliga (wo z. B. fast keiner die Bayern schlagen und Darmstadt fast keinen schlagen kann). Da gewinnt Fürth schon mal mit 4:1 gegen Hannover, Würzburg mit 3:0 gegen Stuttgart, Heidenheim mit 3:0 gegen Union. Im Keller verliert Karlsruhe beim direkten Konkurrenten St. Pauli mit 0:5, um noch in derselben Woche den Aufstiegsaspiranten Hannover zu bezwingen. Ganz nebenbei hat diese Unberechenbarkeit eine direkte Auswirkung auf die wilden Sprünge im Tableau: Eigentlich kann sich kein Verein eine sieglose Serie erlauben, sonst wird er ruckzuck durchgereicht. Aktuell liegen zwischen Platz 7 (1. FC Heidenheim) und dem Relegationsplatz (FC St. Pauli) nur zehn Punkte, ein Tabellenmittelfeld ist damit quasi nicht existent. Verschnaufpausen sind unter diesen Voraussetzungen ausgeschlossen.

Natürlich lässt sich argumentieren, dass es in der Bundesliga ähnlich eng zugeht. Hier liegen zwischen Rang 6 und 16 gar nur acht Zähler. Allerdings geht der Bundesliga der entscheidende Spannungsfaktor ab: Der enge Kampf an der Spitze und im Keller. Ganz im Gegensatz zur 2. Liga ...

Auf- und Abstieg

... wo schon jetzt alles auf ein Herzschlagfinale hinausläuft: An der Spitze liegen Stuttgart, Braunschweig und Union nicht nur mit 50 Punkten alle gleichauf, sondern sind auch in der Tordifferenz nur durch einen Treffer getrennt (Stuttgart +15 vor den Verfolgern mit +14). Nur einen Punkt hinter dem Spitzentrio lauert Hannover 96 mit 49 Punkten und +13. Ähnlich spannend verläuft der Kampf gegen den Abstieg: Aue liegt nach dem Sieg im direkten Duell jetzt einen Punkt vor St. Pauli auf Platz 15, die Hamburger auf dem Relegationsplatz wiederum nur einen Zähler vor Bielefeld auf Rang 17. Drei Punkte dahinter, aber längst noch nicht abgeschlagen: der KSC als aktuelles Schlusslicht.

In der Bundesliga liegt es bloß noch an den Bayern selbst, wie früh sie in dieser Spielzeit Meister werden. Auf den direkten Abstiegsrängen sind Ingolstadt und Darmstadt schon relativ hoffnungslos abgeschlagen, einzig der Kampf gegen den Relegationsplatz verspricht ein enges Rennen zwischen mindestens vier Vereinen (Augsburg, Mainz, HSV, Wolfsburg), wobei sich auch Bremen und Leverkusen noch nicht sicher sein können.

Die Tradition

Sicher, es ist das Totschlagargument der Nostalgiker - aber ganz im Ernst: Bis auf ein paar Ausnahmen mutet die Tabelle der 2. Liga an wie eine Bundesliga-Tabelle aus den 90er Jahren an. Und neutrale Fans, die in jener Zeit sozialisiert wurden, interessieren sich im Zweifel selbst für ein Duell zweier Durchschnittsteams wie Nürnberg und Kaiserslautern mehr als für Wolfsburg gegen Leverkusen oder Hoffenheim gegen Mainz.

Davon zeugt auch das Zuschaueraufkommen: Im "Unterhaus" sind die Stadien voll, ob nun Stuttgart gegen Dresden spielt, St. Pauli die Arminia aus Bielefeld empfängt oder Düsseldorf in Bochum spielt. Tradition schießt vielleicht nicht immer Tore (obwohl auch diese These in der aktuellen Saison widerlegt wird), zieht aber scharenweise Fans. Weil die 2. Bundesliga 2016/17 einfach Spaß macht, viel mehr Spaß als die Bundesliga. Es ist tatsächlich endlich die "beste 2. Liga aller Zeiten". Aber davon kann sich in den anstehenden Schlusswochen der Spielzeit noch einmal jeder Fan selbst überzeugen.

Fußball-Angeberwissen: Die verrücktesten Rekorde der Bundesliga

Wissenscommunity