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Bundestrainer: Doppelspitze bläst zum Angriff

Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Teamchef Oliver Bierhoff versprechen als "Super-Duo" den Fans Offensiv-Fußball. Wer der absolute Chef im Ring ist, machte Klinsi jedoch gleich deutlich: er selbst.

Fünf Wochen nach dem EM-Desaster und dem Rücktritt von Rudi Völler hat Nachfolger Jürgen Klinsmann mit dem erklärten Ziel des Titelgewinns bei der WM 2006 Aufbruchstimmung verbreitet und sich persönlich unter extremen Erfolgdruck gesetzt. "Die Fans haben den Wunsch und die große Hoffnung, dass wir 2006 im eigenen Land Weltmeister werden. Dies ist auch meine Zielsetzung", verkündete der neue starke Mann im deutschen Fußball bei seiner von riesigem Medienrummel begleiteten Präsentation als Bundestrainer. Fußball "made in Germany" soll in Zukunft wieder attraktiv sein und den Zuschauern Freude machen: "Ich komme aus der Angreifer-Ecke und bin risikoreich. Mein Wunschgedanke ist ein Spielsystem, das nach vorne gerichtet ist", sagte Klinsmann.

Ein "Super-Team"

Am Ende einer teilweise dilettantischen Suche nach der neuen Führung für den bei der EM kläglich in der Vorrunde gescheiterten Vize-Weltmeister konnte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in der Frankfurter Verbandszentrale wenigstens eine Doppelspitze mit Klinsmann und Oliver Bierhoff im neuen Amt eines Team-Managers präsentieren. "Wir werden ein Super-Team abgeben", versprach Bierhoff bei der von mehreren TV-Sendern live übertragenen Pressekonferenz.

Mit ihrer medialen Ausstrahlung, großem Optimismus und Tatendrang schafften es die ehemaligen Weltklassestürmer, nur einen Tag nach der Absage von Holger Osieck die zunächst gescheiterte Verpflichtung eines Co-Trainers sowie die Skepsis wegen ihrer fehlenden Erfahrung in den neuen Ämtern vorerst in den Hintergrund zu drängen. Nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen mit Absagen der Wunschkandidaten Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel soll der Blick unter dem namhaften Duo nur noch nach vorne gehen. Es sei für sie ein "emotionaler Moment", sagten beide unisono. Sie sprachen von Ehre, Freude und Stolz, "die Nationalmannschaft zur WM in unserem Land zu führen".

"Es ist Potential da"

Für die "große Herausforderung und schwierige Aufgabe" setzte sich Klinsmann das absolut höchste Ziel - und sprach es ganz bewusst auch noch öffentlich aus: "Wenn ich mich dem Druck nicht aussetzen könnte, würde ich nicht hier sitzen", betonte Klinsmann, der an die deutschen EM-Versager im Hinblick auf die WM glaubt: "Es ist Potenzial da."

Klinsmann und Bierhoff unterschrieben noch am Donnerstag jeweils mit Millionen-Gehältern dotierte Zweijahresverträge bis zum 31. Juli 2006. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder zeigte sich zufrieden und erleichtert: "Ich freue mich, dass die Entwicklung zu diesem Ziel geführt hat. Bereitschaft, Tatkraft und Mut sowie Optimismus und Zuversicht beider hat mich beeindruckt, die Nationalmannschaft wieder dahin zu bringen, wo sie hingehört." Der im Zuge der Pannen reichen Trainersuche entmachtete DFB-Chef wehrte sich gegen die öffentliche Kritik am Krisenmanagement des weltgrößten Sportverbandes: "Bei uns im DFB ist das Chaos nie ausgebrochen", erklärte Mayer-Vorfelder.

Klinsmann hat das Sagen

Doch bis zum sportlichen Neuanfang, der schon am 18. August mit dem Test-Länderspiel gegen Österreich in Wien beginnt, wartet viel Arbeit auf Klinsmann. Der Trainer-Neuling ließ einen Tag vor seinem 40. Geburtstag keinen Zweifel daran, dass er der absolute Chef im Ring ist. "Wichtig ist, wer im sportlichen Bereich das Sagen hat", betonte er - und meinte damit sich selbst. Darum fungiert er auch als Bundestrainer und nicht nur als Teamchef.

Als vordringliche Aufgabe nannte er die Verpflichtung eines Co-Trainers. Das Anforderungsprofil, das Klinsmann beschrieb, passt perfekt auf Ralf Rangnick, den Ex-Coach des VfB Stuttgart und von Hannover 96: "Langjährige Bundesligaerfahrung, akzeptiert in der Bundesliga, offener Typ und empfänglich für neue Dinge." Anschließend steht die Kontaktaufnahme mit den Nationalspielern sowie den Trainern und Managern der Bundesligavereine auf dem Programm, die Klinsmann teilweise mit heftigem Gegenwind empfangen haben. "Das Lachkabinett läuft weiter. Alle blamieren sich so gut wie sie können", lästerte etwa erneut Schalke-Manager Rudi Assauer nach der Absage von Osieck.

Klinsi will eigenes Profil entwickeln

30 bis 35 Spieler hat Klinsmann für die Nationalelf im Auge, das Österreich-Aufgebot muss er schon nach dem ersten Bundesliga-Spieltag benennen. Das "Team 2006" für Perspektivspieler will er abschaffen, und als Bundestrainer möchte er ein eigenes Profil entwickeln und nicht Franz Beckenbauer oder Berti Vogts kopieren, die einst seine Coaches waren: "Ich bin weder ’Kaiser’ noch Berti", meinte Klinsmann.

Auch Bierhoff will das neu geschaffene Amt des Team-Managers rasch mit Leben füllen. Der 36-Jährige akzeptiert Klinsmann als Chef und sieht sich als "Bindeglied zwischen Trainerstab, Mannschaft, Vereinen, Sponsoren und Medien. Ich kann Jürgen entlasten." Er werde mit Rat und Tat zur Seite stehen und will gerade den jungen Spielern helfen, aber: "In den sportlichen Bereich werde ich mich nicht einmischen."

Bevor sich beide am kommenden Montag in die Arbeit stürzen wollen, stehen private Termine an. Bierhoff weilt bei der Hochzeit seiner Schwester, Klinsmann feiert mit der Familie seinen 40. Geburtstag. Sein größter Wunsch lautet, "dass mein Vater wieder gesund und hoffentlich 2006 miterleben wird, wie wir Weltmeister werden."

Klaus Bergmann und Eric Dobias/DPA / DPA

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