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Meinung

Borussia Dortmund: Es kribbelt wieder - eine Liebeserklärung an den BVB

Wenn ich dieser Tage den BVB sehe, bekomme ich Herzklopfen wie zu Zeiten des großen Jürgen Klopp. Der Fußball ist schön, leidenschaftlich und erfolgreich. Ob das zu einem Titel reicht? Egal - träumen darf man ja.

Borussia Dortmund BVB

Die Spieler von Borussia Dortmund bejubeln Raphael Guerreiros Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 gegen Atlético Madrid. Am Ende versank das ganze Stadion in einem schwarz-gelben Freudentaumel - der BVB gewann mit 4:0.

Getty Images

"Wir sind alle ein bisschen verknallt in diesen Verein." Jürgen Klopp prägte diesen Satz im April 2012. Der BVB schwebte auf einer beispiellosen Erfolgswelle und befand sich auf dem Weg zur zweiten Meisterschaft in Folge - mit Rekordpunktzahl. Doch es waren nicht bloß die Erfolge, die bei mir das Kribbeln im Bauch erzeugten. Vielmehr war ein ganz spezielles Verhältnis zum Verein entstanden. "Echte Liebe" war nicht bloß ein Slogan, sondern ein Gefühl, das die Mannschaft und uns Fans miteinander verband. 

Die Jahre 2010 bis 2013 waren ein einziger Rausch. Eine Liebesgeschichte zwischen elf Spielern, einem Trainer und 80.000 Fans. Wie Flitterwochen, die nie zu vergehen schienen. Doch der bittere Wechsel von Mario Götze zum Rivalen Bayern München holte uns auf den Boden der Realität zurück. Zeigte uns, dass es im Fußball doch nicht um Liebe und Vereinstreue geht, sondern noch immer um Geld. Die dunkle Seite der Macht, so schien es damals, hatte gesiegt.

Borussia Dortmund durchlebte Krisen

Der Traum war geplatzt, die heile Borussia-Welt hatte Kratzer abbekommen. Dagegen konnte Jürgen Klopp in seinen beiden letzten Jahren nicht mehr ansteuern, 2015 warf er das Handtuch. Sein Nachfolger Thomas Tuchel brachte zwar den Erfolg zurück und holte mit dem BVB 2017 den Pokal - doch der kühle Coach spaltete Mannschaft wie Fans und versetzte der Idee von "echter Liebe" den Todesstoß. In der katastrophalen Saison mit den Trainern Bosz und Stöger schlug die enttäuschte Liebe bisweilen in Feindseligkeit um. Wenn die Mannschaft blutleere Auftritte ablieferte, reagierte das Publikum mit Ablehnung.  

Doch plötzlich ist alles anders. Wenn ich jetzt Partien des BVB sehe, ist das alte Herzklopfen wieder da, das mich in den Klopp-Jahren begleitete. Das Kribbeln, das schon Stunden vor dem Anpfiff einsetzt. Ich sehe wieder eine echte Mannschaft auf dem Platz. Junge, sympathische Spieler, die leidenschaftlich für sich und die Fans kämpfen.

Die zaubern, kühne Dinge vollbringen und mit jugendlichem Ungestüm angreifen. Die aber auch kühl und abgeklärt verteidigen können. Die keine Angst vor Fehlern haben, weil sie das Westfalenstadion hinter sich wissen, wo die Fans die Mannschaft bis zur 90. Minute und darüber hinaus nach vorne peitschen. Späte Siegtreffer in der Nachspielzeit sind deshalb kein Zufall und kein Glück, sondern logische Folge der neu entfachten Energie beim BVB.

BVB ist auf dem Rasen ein echtes Team

Das ist alles keine Fantasie, kein Wunschdenken. Die Spieler leben es: Nach der 4:0-Gala gegen Atlético Madrid feierten nicht nur die, die auf dem Rasen gestanden hatten. Auch Ersatzspieler und Verletzte freuten sich über den Erfolg. Zum ersten Mal seit Langem habe ich wieder das Gefühl: Da entsteht etwas Großes.

Ein Spiel von Borussia Dortmund zusehen ist momentan wie ein Opernbesuch: Ein Haufen Künstler versammelt sich - und Maestro Favre sorgt für den Wohlklang. Ein festlicher Anlass, zu dem man sich gebührend kleiden sollte. In Schwarz-Gelb, versteht sich. 

Natürlich haben alle recht, die jetzt zur Besonnenheit mahnen, die vor verfrühten Titelträumen warnen und darauf verweisen, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nichts erreicht ist. Allein: Wer will mir das Träumen verbieten?

Die aktuelle Serie von sechs Siegen in Folge mit 26:5 Toren wird irgendwann reißen, es werden Niederlagen kommen, auch bittere. Vielleicht sogar Krisen. Aber warum sollte mir das jetzt die Laune verderben?

Wir haben mehr Spaß als die Bayern, wetten?

Selbst wenn die Saison wie im Vorjahr ohne Titel endet - in den vergangenen zwei Monaten hatte ich mehr Spaß als die 4000 Bayern-Fans bei der Feier ihrer drölfzehnten Meisterschaft je haben werden. 

Meiner Frau verlange ich mit dieser Leidenschaft einiges ab. Ich liebe dich, sage ich ihr, aber es gibt da noch jemand anderen. Das ist aber nicht das einzige Problem. Was es noch schlimmer macht: Sie ist Schalke-Fan.

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