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BVB scheitert in der Champions League: Gewonnen, verloren - und trotzdem gewonnen

Der BVB war ganz nah dran an der Sensation: In einem spektakulären Spiel scheidet Dortmund trotz eines 2:0 gegen Real Madrid aus - und zeigt, warum das Team mal wieder der wichtigste Spieler war.

Von Carina Braun

Leider, leider wurde dieses Spiel ja nicht im ZDF übertragen, zu gern hätte man Jochen Breyer vor Jürgen Klopp zu Kreuze kriechen sehen. Vermutlich wurde dem Moderator während der Partie sekündlich ein bisschen übel. Das Ding war nämlich, und das wurde schon ganz früh in diesen phantastischen 90 Minuten klar, noch lange nicht durch.

Es war ein Viertelfinal-Rückspiel, das an Drama, Spannung und Atmosphäre kaum Wünsche offen ließ, ein Hätte-und-wenn-Spiel auf beiden Seiten, mit strittigen Szenen, einer grandiosen Kulisse und zahlreichen Schlüsselmomenten. Hätte Mchitarjan nur eine seiner zahlreichen Chancen verwandelt oder wäre nach dem Zweikampf zwischen Ramos und Lewandowski ein Strafstoß für die Dortmunder gepfiffen worden - vielleicht hätte es tatsächlich das Wunder gegeben, das im Vorfeld so ausdauernd beschworen worden war.

So aber wurde es ein Auf und Ab der Gefühle mit bitterem Ende für den BVB. Jürgen Klopp setzte auf die alten Tugenden seiner Mannschaft, er setzte aufs Team, auf Motivation und aufs Zusammenspiel, weil er auf kaum etwas anderes setzen konnte. Einen "leidenschaftlichen Auftritt" hatte er versprochen. Ein leidenschaftlicher Auftritt wurde es. "Ich bin hin -und hergerissen", sagte Mats Hummels nach der Partie. "Wir hatten so große Möglichkeiten, dass eine der größten Sensationen der Geschichte möglich war. Wir haben einen Abend hingelegt, den man nicht schnell vergisst."

Kirch, Friedrich und Jojic in der Startelf

Dabei waren die Aussichten für den BVB bekanntlich alles andere als gut. Die Dortmunder nahmen aus Madrid mit dem 0:3 ein schweres Päckchen mit in die Partie, vor allem fehlte das Auswärtstor. Carlo Ancelotti, der eher bedächtige Trainer der Madrilenen, fasste die Ausgangslage vor dem Spiel in einer einfachen Gleichung zusammen: "Dortmund hat 90 Minuten, um vier Tore zu schießen", sagte er. "Wir haben 90 Minuten, um eins zu schießen."

Und eines schien eigentlich klar: Noch schwieriger als ersteres würde es für Dortmund sein, letzteres zu verhindern. Gegen den Madrider Millionensturm zu bestehen und dabei offensiv zu agieren, ist selbst für eine Spitzenmannschaft in Bestbesetzung eine Mammutaufgabe. Die Dortmunder laufen seit Saisonbeginn ihrem Verletzungspech hinterher. Dass bei den Königlichen für den am Knie verletzten Ronaldo der Argentinier Angel Di Maria kam, machte deren Aufstellung nur ein bisschen weniger prominent.

Immerhin: Den Regen, der über dem Dortmunder Stadion niederprasselte, hatten viele Fans als gutes Omen gegen die spanischen Schönwetterfußballer gedeutet. Kurz vor der Partie stand Jürgen Klopp zum Interview am Spielfeldrand, verschwand fast in seinem Regenschirm und nannte Namen: Kirch für den angeschlagenen Sahin ins verwaiste defensive Mittelfeld, Friedrich für Sokratis, Jojic von Anfang an. Und man fragte sich, wer zum Teufel da eigentlich noch eingewechselt werden sollte.

Dortmund offensiver als gedacht

Und dann kam eben doch alles anders. Dortmund drängte, versuchte, die Spanier in deren eigenen Hälfte zu halten. Oberstes Gebot: die Räume zu schließen, die sich im Hinspiel mächtig aufgetan hatten. Dabei schien sogar in der 17. Minute schon alles entschieden, als Ronaldo-Ersatz Di Maria nach einem Handspiel von Piszczek zum Strafstoß antrat. Doch auf dem glitschigen Grün des Signal-Iduna-Parks traf der Argentinier nicht optimal - Weidenfeller parierte.

Klopp hatte sein Team mit 4-1-4-1 noch offensiver aufgestellt als von vielen erwartet. Im Gegenzug traten die Königlichen im Sturm enttäuschend harmlos auf, hielten sich vorne zurück - und leisteten sich hinten entscheidende Fehler. Eine verunglückte Rückgabe durch Madrids Pepe verwandelte Reus in der 24. Minute, da hatte Mchitarjan schon längst seine erste Großchance vertan. Und auch dem 2:0 in der 37. Minute ging ein katastrophaler Fehler voraus: Reus staubte nach einem Fehlpass des Basken Illarramendi Lewandowskis Pfostenschuss ab.

Sie hätten sich die Verlängerung verdient gehabt. Kurz wurde die Partie nach der Halbzeit offener, die Spanier kontrollierten den Ball besser, doch mit Dauer des Spiels verwalteten sie nur noch das Ergebnis. Großäugig raufte sich Cristiano Ronaldo an der Seitenlinie die Haare und musste zusehen, wie die Borussen zu einer Chance nach der anderen kamen. Auch, weil die Ersatzmänner mit Mut und Engagement überzeugten: Jojic ging ähnlich beherzt wie gegen Wolfsburg in die Partie, und Kirch machte sein bisher vielleicht bestes Spiel für den BVB. Pechvogel des Tages war Henrich Mchitarjan. Allein in der zweiten Halbzeit hatte er in nur wenigen Minuten gleich zweimal die Verlängerung auf dem Fuß – und scheiterte mal am Pfosten, mal am spanischen Nationaltorwart.

Stolz und Enttäuschung nach der Partie

Nach der Partie: Stolz, Enttäuschung und Fassungslosigkeit, ein bisschen Schiri-Schelte auch, vor allem von Hans-Joachim Watzke: "Der einzige, der heute das Niveau des Spiels nicht hatte, war der Schiedsrichter. Sowas hatte dieses Spiel nicht verdient." Der Trainer selbst blieb lieber beim Positiven. "Dieses Spiel musst du konservieren, du musst ein Video draus machen", sagte Klopp. "Es war unfassbar, wie die Jungs gespielt haben."

Was bleibt: Ein großes Spiel, viel Herzblut, der Sieg eines Teams über individuelle Klasse und für Dortmund das Wissen, auch mit Durm, Kirch, Friedrich gegen die besten Mannschaften der Welt bestehen zu können. Gewechselt wurde übrigens an diesem Abend tatsächlich nur einmal, in der 81. Minute kam für Piszczek Aubameyang. In der Liga haben die Borussen gegen Wolfsburg wichtige drei Punkte geholt, die Teilnahme in der Königsklasse scheint fürs nächste Jahr gesichert. Und, auch darüber darf man sich freuen: Verletzt hat sich niemand gegen Madrid.

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