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Champions-League-Aus gegen Real: Bayern hat das Sieger-Gen verloren

Beim 0:4-Debakel in der Champions League präsentiert sich Vorjahressieger FC Bayern leidenschafts- und harmlos. Real Madrid bejubelt nach einer Gala-Vorstellung den verdienten Finaleinzug.

Von Nils Kemter

Die "Hölle" sollte es für Real Madrid in München werden, so hatte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge verlauten lassen. Und sie hatten alles dafür getan, um in der Allianz-Arena jene Atmosphäre zu schaffen. Als Bayerns Arjen Robben seine Mitspieler im Mannschaftskreis auf dem Rasen einschwor, schallte Wolfgang Petrys Hit "Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?" aus den Lautsprechern. Allein, die Spanier schienen jene Botschaft nicht verstanden zu haben. Nach 90 Minuten sangen und hüpften lediglich die in weiß gekleideten Madrilenen durch die Arena und feierten den Einzug ins Finale der Champions League. Eiskalt hatten sie die bayrische Fußball-Seele zuvor zum Erfrieren gebracht und dem Titelverteidiger mit 4:0 (3:0) die höchste Heimniederlage der Europapokal-Geschichte zugefügt. Es bleibt somit dabei: Nie konnte eine Mannschaft den Champions-League-Pokal im folgenden Jahr verteidigen.

Real zerlegte Bayern in alle Einzelteile

Dass die Münchner sich nach einer Saison voller Rekorde aber mit einem derartigen Debakel aus dem Wettbewerb verabschiedeten, untermauerte einmal mehr die in den vergangenen Wochen gewonnene Erkenntnis: Das Sieger-Gen ist den Bayern nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft im März abhanden gekommen. In den zehn seither absolvierten Partien ging Bayern sechs Mal nicht als Sieger vom Feld, schoss bei allen vier Niederlagen nicht einmal ein Tor. Real war dem Vorjahresgewinner im Halbfinal-Rückspiel mental und körperlich hochüberlegen. "Wir haben eine ziemliche Packung bekommen. Der Gegner hat uns klar beherrscht, das war ein Debakel", gab Rummenigge nach der Partie zu. "Wir haben ein Stück zu wenig Leidenschaft in die Waagschale gelegt."

Nie zuvor hatten die Spanier in zehn Anläufen ein Auswärtsspiel in München gewinnen können, die Partie an jenem denkwürdigen Abend war hingegen bereits nach 20 Minuten entschieden. Eine Ecke, resultierend aus einem schnellen Konter der Madrilenen, hatte Verteidiger Sergio Ramos in der 16. Minute per Kopf zum 1:0 verwandelt. Vier Minuten später drückte er den Ball nach einem Freistoß erneut über die Linie. Zwei Standardsituationen hatten Bayerns Finaltraum jäh zerplatzen lassen.

Doch was die Dominanz der Gäste vor allem veranschaulichte, war das nahezu in Perfektion vorgetragene Umschaltspiel nach Ballgewinnen in der eigenen Hälfte. Die Münchner fanden dagegen nie ein Mittel und mussten zusehen, wie sie in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Bayerns Superstar Franck Ribéry hatte in der 34. Minute den Ball am gegnerischen Strafraum leichtfertig verloren, binnen Sekunden folgte Madrids langer Pass auf Stürmer Karim Benzema, der Sturmpartner Gareth Bale fand. Mit einem weiteren Querpass auf Cristiano Ronaldo war die Abwehr komplett ausgehebelt, der Portugiese schob zum 3:0 und seinem 15. Europapokaltreffer (Rekord) in dieser Spielzeit ein. Später, in der Schlussminute, demontierte Ronaldo den Gegner beim 4:0-Treffer mit einem verwandelten Freistoß unter der Mauer hindurch.

Ronaldo unterstrich seinen Status als Weltfußballer eindrucksvoll

Was Real den Bayern geboten hatte, war schlichtweg Anschauungsunterricht. Die Präzision von Luka Modrics Pässen, das unermüdliche Laufspiel Angel di Marias, die Eleganz von Ronaldo und Bale – die vor Monaten noch als Super-Bayern geadelten Profis in den roten Trikots erblassten angesichts von so viel Klasse plötzlich. Noch im Januar stritten sich Ribéry und Ronaldo um den Titel des Weltfußballers. Der Franzose fühlte sich nach dem Triple-Gewinn der Bayern nicht ausreichend gewürdigt, denn Portugiese Ronaldo hatte bei der Wahl die Nase vorn gehabt. Drei Monate später nun verdiente sich der Superstar der "Königlichen" den Titel endgültig. Ribéry war an diesem Abend lediglich durch eine Backpfeife gegen Daniel Carvajal aufgefallen und hatte Glück, dass Schiedsrichter Pedro Proenca diese nicht gesehen hatte.

Das Spiel der Münchner war erneut von erschreckender Einfallslosigkeit geprägt. 69 Prozent Ballbesitz verzeichnete der Gastgeber zwar, doch zu gefährlichen Chancen kamen sie wie schon im Hinspiel vor einer Woche (0:1) kaum. Das von Trainer Pep Guardiola einstudierte Querpass-Spiel ist entzaubert worden. "Was wir gegen Arsenal und Manchester gemacht haben, auch im Hinspiel gegen Real, wo wir die Kontrolle hatten, haben wir heute nicht gemacht. Wir haben schlecht mit dem Ball gespielt. Das ist meine Verantwortung. Das ist meine Taktik. Da habe ich mich vertan", gestand Guardiola ein.

Pokalfinale muss Bayern-Saison retten

Die in der Bundesliga sensationelle Saison mit dem frühsten Titelgewinn der Geschichte droht nun schon in Vergessenheit zu geraten. Den Triple-Gewinn von Jupp Heynckes kann Nachfolger Guardiola bereits nicht mehr erreichen. Damit es in München nicht gar enttäuschte Gesichter geben wird, muss er nun am 17. Mai das DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund gewinnen.

Real träumt indes von La Decima, dem zehnten Europapokaltriumph der Vereinsgeschichte. Zwölf Jahre nach dem Champions-League-Sieg über Bayer Leverkusen (2:1) stehen die Madrilenen wieder im Endspiel. Den Gegner ermitteln am Mittwoch der FC Chelsea und Reals Stadtrivale Atlético (Hinspiel 0:0). Das Finale wird am 24. Mai in Lissabon ausgetragen. Dann müssen die Bayern erstmals seit 2011 wieder zusehen.

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